Datum: 16.02.09 23:05
Kategorie: Diaspora-Amerika

Von: DasErste.de

Hautfarbe und Familiengeheimnisse

Buchcover

Hautfarbe und Familiengeheimnisse

Bliss Broyard erzählt in "Ein Tropfen" die fesselnde Lebensgeschichte ihres Vaters

Die Wahl Barack Obamas zum ersten schwarzen Präsidenten der USA markiert eine Zäsur, deren historische Bedeutung kaum zu überschätzen ist. Zwar gilt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten gemeinhin als Schmelztiegel der Kulturen, doch über Jahrhunderte hinweg prägte die Rassentrennung die amerikanische Gesellschaft.

Rassentrennung in den USA

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bestimmte ausschließlich die weiße Bevölkerung die Geschicke der Supermacht. Obschon die Verfassung Gleichberechtigung garantierte, gehörte die Diskriminierung von Schwarzen insbesondere in den Südstaaten zum Alltag. Die dort gültige so genannte "Ein-Tropfen-Regel" besagte, dass jede Person, die nur eine Spur afroamerikanischer Abstammung in ihrem Stammbaum besaß, als schwarz zu gelten hatte - mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Öffentliche Toiletten, Busse und Restaurants, Parkbänke und Wartezimmer waren nach Hautfarbe getrennt. Ihre Bürgerrechte mussten die Schwarzen mühsam erkämpfen. 1954 errangen sie mit dem Verbot der Rassentrennung an Schulen durch den Obersten Gerichtshof den ersten großen Sieg. 

Aber auch 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei haben sie noch immer nicht mit Weißen gleichgezogen. In US-Gefängnissen sitzen überproportional viele Afroamerikaner, die statistisch gesehen schlechter ausgebildet sind und häufiger unterhalb der Armutsgrenze leben. Und bis heute bleiben in den USA weiße wie schwarze Schüler meistens unter sich.

Wunden der Rassenpolitik 

"Dieser Tage redet man in Amerika viel über das ‚Ende der Hautfarbe'. Ich glaube aber nicht, dass - nur weil wir erstmals einen schwarzen Präsidenten haben - alle Wunden der Rassenpolitik geheilt sind. Im Gegenteil: Wir fangen gerade erst an, uns mit ihnen zu beschäftigen", sagt Bliss Broyard.

Hautfarbe und Familiengeheimnisse

In welchem Maße die Frage nach der rassischen Herkunft bis in die Gegenwart Lebensschicksale in den USA bestimmt, hat sie selbst erfahren: "Hautfarbe hat in diesem Land noch immer solch eine Macht. Sie entscheidet über das Leben der Menschen hier. Die Frage der Hautfarbe hat über das Leben meines Vaters und auch über mein Leben bestimmt."

Zeitlebens verschwieg ihr Vater Anatole Broyard seine Herkunft, um als weißer Literaturkritiker zu einer der einflussreichsten Stimmen im amerikanischen Literaturleben aufzusteigen. Im New Orleans der 1920er Jahre geboren, wuchs er in einer Familie kreolischer Abstammung auf, hatte also sowohl schwarze als auch weiße Vorfahren. Die Familie galt als schwarz. Mit dem Umzug nach New York Ende der 1930er Jahre wechselte der junge Mann mit der hellen Haut seine Identität. Als weißer Schriftsteller startete Anatole Broyard, von dem es heißt, er sei das Vorbild für Philipp Roth' Figur des Coleman Silk aus "Der menschliche Makel", im Künstlerviertel Greenwich Village seine Karriere. 

Während seine Frau von seiner Herkunft wusste, ahnten weder Freunde noch die beiden Kinder Bliss und Todd etwas davon. Erst als der Vater an Krebs starb, erfuhr die damals 24-jährige Tochter von ihrer Mutter, dass Anatole Broyard teilweise schwarz war: "Ich bin in einer der reichsten Regionen der Vereinigten Staaten aufgewachsen, in Fairfield, Connecticut. Dort gibt es nur Weiße. Ich kannte Schwarze eigentlich nur aus TV-Sendungen, ich kannte niemanden persönlich, der schwarz war. Bis ich das Geheimnis meines Vaters erfuhr - und mit einem Schlag wusste, dass ich selbst zum Teil schwarzer Herkunft bin."

Bewegende Identitätssuche

Mit einem Mal erschien die Persönlichkeit des Vaters in einem völlig neuen Licht, und auch das eigene Selbstbild geriet ins Wanken. 

Weil sie wissen wollte, was den Vater antrieb - "Selbsterhaltung oder Selbsthass" -, begab sich Bliss Broyard auf Spurensuche und rekonstruierte die 250 Jahre alte Familiengeschichte. In New Orleans forschte sie nach ihren kreolischen Wurzeln, begegnete den bis dahin unbekannten Verwandten und tauchte in die schwarze Kultur des Südens ein.

In ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch "Ein Tropfen" zeichnet sie ebenso einfühlsam wie kritisch das Porträt Anatole Broyards. Zugleich gibt ihre "Geschichte von Hautfarbe und Familiengeheimnissen" Einblicke in die Historie der Südstaaten und der Rassentrennung. Und nicht zuletzt erzählt sie von der bewegenden Suche nach der eigenen Identität. "Über Nacht", so schreibt Bliss Broyard, "hatte das Geheimnis meines Vaters aus meiner normalen existenziellen Wer bin ich?-Grübelei, wie sie typisch für junge Erwachsene ist, eine konkrete Frage werden lassen: Was bin ich?"

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Bliss Broyard

Bliss Broyard lebt in New York. Die heute 42-Jährige schrieb eine Reihe von Kurzgeschichten, die in mehreren renommierten Anthologien veröffentlicht wurden. Ihr Buch "Mein Vater, tanzend" über die vielfältigen Beziehungen von Frauen und Männern und ganz besonders von Töchtern und Vätern erschien 2001 auf Deutsch.

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Bliss Broyard: Ein Tropfen. 
Das verborgene Leben meines Vaters. Eine Geschichte von Hautfarbe und Familiengeheimnissen
Berlin Verlag 2009, Preis: 26 Euro









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