Datum: 22.03.06 20:42
Kategorie: Diaspora-EU

Von: simon INOU

Warum ermordeten deutsche Soldaten afrikanische Kriegsgefangene?

Warum ermordeten deutsche Wehrmacht Soldaten

 afrikanische Kriegsgefangenen? 

Raffael Scheck*, Historiker: 

"Im zweiten Weltkrieg behaupteten manche Nazi-Theoretiker, dass Juden und Schwarzafrikaner genetisch miteinander verwandt seien"

In Kriegsberichten fand der Deutscher Historiker Raffael Scheck Schilderungen bestialischer Massaker der Deutscher Wehrmacht an den Kolonial-Soldaten auf Seiten der Allierten. Diese waren hauptsächlich aus dem heutigen Französisch-Westafrika. Im März dieses Jahres erscheint sein Buch "Hitler's African Victims. The German Army Massacres of 1940" über diese bestialische Morde. In einem Email- Interview mit Afrikanet.info erzählt er uns über seine Motivationen, das Buch geschrieben zu haben und was er im Laufe seiner Forschungen gefunden hat . 

Afrikanet.info: Ihr Buch "Hitler's African Victims: The German Army Massacres of Black French Soldiers in 1940" wird im März erscheinen. Was hat Sie veranlasst, zu diesem Thema Forschungen zu betreiben?

 

Als ich Doktoratsstudent war, las ich ein französisches Buch über die Zeit der deutschen Besatzungsherrschaft in Frankreich. Darin war die Rede von einem Vorfall in der Nähe von Lyon, wo Deutsche gefangene Schwarze mit ihren Panzern überrollten. Leider gab es keine Anmerkung, die es mir erlaubt hätte, weitere Informationen zu finden. Als ich zwei Bücher über andere Themen veröffentlicht hatte und nach einem neuen Forschungsthema suchte, erinnerte ich mich an diese Textstelle und schrieb diverse Archive in Frankreich und Deutschland an. In den Archiven fand ich viel Material zu einer ganzen Reihe von Massakern. Es überraschte mich, im Zuge der Debatten über die Verbrechen der Wehrmacht nichts über diese Massaker gelesen zu haben.

 

Afrikanet.info: Wie erklären Sie sich, dass in Frankreich noch nichts dazu publiziert wurde? Warum hat man dieses wichtige Thema noch nicht erforscht?

 Es gibt in Frankreich und in den USA einzelne Arbeiten und auch Dokumentarfilme, welche die Massaker an den schwarzen Soldaten erwähnen, aber noch keine Gesamtdarstellung, und noch keine einzige Arbeit, welche auf französischen und deutschen Quellen beruht. Warum das so ist? Möglicherweise spielte es eine Rolle, dass die Kriegsverbrecherprozesse nach dem Krieg diese Massaker einfach nicht berücksichtigten. Im Vergleich zu den deutschen Verbrechen gegen Juden und Osteuropäer schienen sie vielleicht unbedeutend. In Frankreich gab es auch viele Verbrechen gegen die Résistance und die Zivilbevölkerung, welche bei der Strafverfolgung und Forschung Vorrang erhielten. Der Vorwurf, dass auch die Alliierten die schwarzen Soldaten als zweitrangig ansahen, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Afrikanet.info: Wie wurden schwarze Menschen im Zweiten Weltkrieg wahrgenommen?

Es gab eine starke Diskriminierung im Dritten Reich. Schwarze und Leute mit gemischter Abstammung wurden mit großem Misstrauen betrachtet. Manche Nazi-Theoretiker behaupteten, dass Juden und Schwarzafrikaner genetisch miteinander verwandt seien. Es ist bekannt, dass die Nazis die Kinder von rheinischen Frauen und schwarzen Soldaten aus dem Rheinland sterilisierten. Manche Schwarze kamen in Konzentrationslager, oft aber nicht einfach ihrer Hautfarbe wegen, sondern weil sie aus anderen Gründen den Missmut der Nazis erregt hatten.

Afrikanet.info: Was geschah während des Frankreichfeldzuges vom 10. Mai bis zum 25. Juni 1940?

 Zunächst wurden die schwarzen Gefangenen der alliierten Armeen nicht wesentlich anders behandelt als die weißen. Ende Mai aber lancierte Joseph Goebbels nach Absprache mit Hitler eine gewaltige Propagandakampagne, welche die Kolonialsoldaten, und besonders die Schwarzen, beschuldigte, deutsche Gefangene “bestialisch” misshandelt zu haben. Mit einer Ausnahme passierten alle Massaker nach dem Beginn dieser Propagandakampagne. Als der Feldzug vorüber war, legte sich die Wut der Deutschen, und die Behandlung der schwarzen Gefangenen wurde in der Regel wesentlich besser.

Afrikanet.info: Wie reagierten die französischen Soldaten auf die Morde an Schwarzen? Ermordeten die deutschen Soldaten nur afrikanische Soldaten?

Die Deutschen ermordeten überwiegend Schwarze. Gelegentlich wurden auch Nordafrikaner und sogar weiße Offiziere, welche schwarze Regimenter befehligt hatten, erschossen. Die meisten französischen Offiziere setzten sich mutig für den Schutz der gefangenen Schwarzen ein, manchmal mit Erfolg. Es gab aber auch ein paar französische Offiziere, welche ihre Leute in der Stunde der Gefahr allein ließen.

Afrikanet.info: Aus welchen Ländern kamen die ermordeten Soldaten? Haben Sie Familienmitglieder getroffen? Wenn ja, was beabsichtigen diese Leute zu tun?

Die Mehrheit der ermordeten Soldaten kam aus Französisch-Westafrika, einem Gebiet, das vom heutigen Mauretanien bis zum Niger und zur Elfenbeinküste reichte. Es gab auch einige schwarze Soldaten in Verbänden aus anderen französischen Gebieten Afrikas und aus der Karibik. Nein, ich habe keine Familienmitglieder von ermordeten Soldaten getroffen, würde das aber gerne einmal tun.

Afrikanet.info: Was geschah mit den Leichen der ermordeten Soldaten? Gibt es in Frankreich Gedenkstätten für diese Massaker?

An vielen Orten verboten es die deutschen Befehlshaber, die Schwarzen zu beerdigen oder ihre Gräber zu schmücken. Die französische Bevölkerung missachtete aber oft diese Verbote oder bat die Deutschen, Ausnahmegenehmigungen zu erlassen. Ja, es gibt an mehreren Orten in Frankreich Gedenkstätten für die massakrierten Soldaten, u.a. einen senegalesischen Friedhof in der Nähe von Lyon sowie Denkmäler in Clamecy (Nièvre) und in Aubigny (Somme).

Afrikanet.info: Haben die Länder, aus denen diese Soldaten kamen, Deutschland oder Frankreich kontaktiert, um Aufklärung über diese Vorfälle zu bekommen?

Ich weiss von keiner diesbezüglichen Kontaktaufnahme. Die Beziehungen zwischen Frankreich und den ehemaligen Soldaten in den westafrikanischen Ländern waren dadurch belastet, dass Frankreich nach dem Krieg die Dienste dieser Soldaten nicht sehr gut belohnte. 

Afrikanet.info: Sind noch deutsche Soldaten am Leben, welche an diesen Massakern beteiligt waren? Wurden sie jemals als Kriegsverbrecher zur Rechenschaft gezogen?

Ich habe keinen einzigen Fall einer Strafverfolgung in Bezug auf diese Massaker gefunden. Frankreich stellte gleich nach dem Krieg ein paar Nachforschungen an, die aber amateurhaft begonnen und bald aufgegeben wurden. In Deutschland wird sich jetzt aber die Zentralstelle zur Aufklärung von Naziverbrechen mit den Ereignissen beschäftigen.

Zur Zukunft:

Afrikanet.info: Was möchten Sie mit der Veröffentlichung dieses interessanten Buches erreichen?

Ich finde es wichtig, dass diese Verbrechen in Deutschland und Frankreich anerkannt werden. Außerdem möchte ich einen Beitrag leisten zur Forschung über Genozid und rassistisch motivierte Kriegsverbrechen. Dabei möchte ich aber auch auf die Komplexität der Ereignisse hinweisen. Es gab viele Deutsche, die sich nicht an den Massakern beteiligten und die schwarze Gefangene anständig behandelten. Schließlich würde ich mich sehr freuen, wenn Überlebende (schwarze Soldaten oder Deutsche) mir von ihren Erlebnissen erzählen würden.

 

Afrikanet.info: Danke für das Interview

 

 

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*Raffael Scheck ist Professor für europäische Geschichte am Colby College in Maine (USA). Im März erscheint sein Buch zum Thema: »Hitler’s African Victims: The German Army Massacres of Black French Soldiers in 1940« (Cambridge University Press, New York; 212 S., Abb., $ 65,–; ISBN 0521857996)







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