Kategorie: Diaspora-EU

Patrick Lozes
Der Obama-Effekt
Die Wahl eines schwarzen US-Präsidenten ist in Frankreich mit Enthusiasmus empfangen worden, hat aber auch viele Fragen aufgeworfen. Wie ist es denn nun um die eigenen "sichtbaren" Minderheiten bestellt?
In der öffentlichen Diskussion ist zur Zeit häufig von einer Verspätung der Grande Nation gegenüber dem transatlantischen großen Bruder zu hören. Die herrschende Obamamania scheint vorerst wie ein Beschleuniger zu wirken. Die farbige Bevölkerung und ihr Platz in der französischen Gesellschaft sind in den Massenmedien und bei den Politikern zum Thema geworden.
Vor kurzem im Ministerrat ein schwarzer Präfekt (1) nominiert, auch wenn man seitens der Regierung natürlich sofort versicherte, dass das rein gar nichts mit einem "mutmaßlichen" Obama-Effekt zu tun habe. Man ging noch weiter, und die Justizministerin Rachida Dati, vermutete sogar, dass Obama von der französischen Regierung inspiriert gewesen sein könnte. Die Medienkontrollbehörde CSA, beanstandet in einem Bericht (2) eine Unterrepräsentierung und Stereotypisierung der sicht baren Minderheiten im Fernsehen.
Präsident Sarkozy, empfing den Gründer des Rates der Vereinigungen der Schwarzen ( CRAN (3)), Patrick Lozès (4), im Elysée-Palast. Was sich CRAN von den Politikern erwartet, erklärt Lozès im Telepolis-Interview. Zunächst sei einmal vorausgeschickt, dass niemand so genau weiß, wie viele schwarze Franzosen das Land zählt. Und das gilt für Minderheiten aller Couleurs, denn ethnische Statistiken sind verfassungsrechtlich verboten, da die "Republik die Gleichheit aller Bürger unabhängig ihrer Herkunft, Rasse oder Religion vor dem Gesetz garantiert".
Stellt die Wahl Obamas eine Hoffnung für die Schwarzen Frankreichs dar?
Patrick Lozès: Es ist eine Hoffnungsbotschaft für alle Franzosen! Jetzt gilt es, das derzeitige Interesse nicht abflauen zu lassen, denn Frankreichs Politiker haben bislang auf die Methode gebaut, der Zeit Zeit zu lassen. Das funktioniert offensichtlich nicht, denn Diskriminierungen auf Grund der Hautfarbe sind noch immer Gang und Gebe.
War das Gespräch mit Sarkozy dahingehend konstruktiv?
Patrick Lozès: Ich habe den Präsidenten darum gebeten, ethnische Statistiken zu ermöglichen, und er hat angedeutet, dass da Bewegung in die Sache kommen könnte. Wir wollen aber Konkretes, nicht bloß Andeutungen. Wir vom CRAN sehen diese Zahlen als unerlässlich an, denn wie soll man sonst erkennen, woran man genau ist? Man macht doch auch Unfallstatistiken, um die Verkehrspolitik zu verbessern! Diese ethnischen Statistiken sollen uns dabei helfen, eine Diagnose der Diskriminierungen zu erstellen, um konkret etwas dagegen unternehmen zu können.
"Vor 160 Jahren hat Frankreich die Sklaverei abgeschafft. Aber seitdem treten wir auf der Stelle."
Setzen Sie sich für das Prinzip einer positiven Diskriminierung ein?
Patrick Lozès: Ich ziehe das amerikanische Konzept einer affirmative action (5) vor, wonach nicht die Hautfarbe von Vornherein bestimmt, ob man jemandem hilft oder nicht. Das wäre nicht sehr republikanisch. Es geht vielmehr darum, die Menschen, die ein Projekt haben, zu unterstützen und nicht zu behindern, bloß weil sie die "falsche" Hautfarbe haben.
Sind die Amerikaner nun mit der Wahl Obamas den Franzosen bei der Integration ihrer schwarzen Bevölkerung voraus?
Patrick Lozès: Ja, natürlich! Obama ist das Produkt eines langen Prozesses, der mit dem Kampf um die "civil rights" begonnen hat, und zur "affirmative action" geführt hat. Obama hat sich schon mehrmals zu Gunsten der "affirmative action" geäußert. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass es noch vor 40 Jahren für Schwarze unmöglich war, sich im Bus neben einen Weißen zu setzen. Und das Wahlrecht hatten sie schon gar nicht. Und jetzt sind die Amerikaner im Verlauf dieser letzten 40 Jahre von 10 auf 10.000 Schwarze in politischen Positionen gekommen. In der Armee sind sie in Stabspositionen. Nehmen Sie Colin Powell. Und wo stehen wir im Vergleich dazu? Vor 160 Jahren hat Frankreich die Sklaverei und den Sklavenhandel abgeschafft. Aber seitdem treten wir auf der Stelle. Von 577 Abgeordneten ist eine Abgeordnete schwarz (6). In der Armee ist kein einziger Schwarzer in einer Stabsposition.
Diskriminierung ist am schlimmsten bei Wohnungs- und Arbeitssuche
Wie ließe sich eine "affirmative action" in Frankreich konkret anwenden?
Patrick Lozès: Indem man z.B. Unternehmen, die sich um öffentliche Aufträge bemühen, in die Lage versetzt, zunächst einmal beweisen zu müssen, dass man keine diskriminierenden Praktiken einsetzt. Aber die gesamte französische Bevölkerung muss sich mobilisieren, um Diskriminierungen und soziale Ungleichheiten auf Grund der Hautfarbe zu kompensieren.
Wo stellen Sie am häufigsten Diskriminierungen der schwarzen Bevölkerung in Frankreich fest?
Patrick Lozès: Am Wohnungs- und Stellenmarkt ist es natürlich am gravierendsten.. Aber auch bei Freizeitaktivitäten stößt man häufig auf benachteiligende und ausschließende Verhaltensweisen. Der Zugang zu politischen Funktionen ist natürlich äußerst beschwerlich, um nicht zu sagen unmöglich. Aber Diskriminierungen sind nicht so leicht festzumachen, geschehen sie doch häufig auf indirekte Art und Weise. Man sagt Ihnen natürlich nie direkt ins Gesicht, dass Sie die Wohnung oder den Job nicht bekommen, weil Sie schwarz sind. Das gilt natürlich leider für alle sichtbaren Minderheiten Frankreichs. Deshalb erscheint es uns vom CRAN so wichtig, eine Diagnose der Diskriminierungen zu erstellen, um wirksame Gegenstrategien entwickeln zu können. Aber nun müssen natürlich die Politiker endlich zur Tat schreiten, und es nicht bei bloßen Worten belassen.
Um ein wenig Licht in das "Staatsgeheimnis" zu bringen: Wie viele Schwarze zählt nun das Land Ihrer Meinung nach? Das einzige Mal, als ich eine ungefähre Zahl gesehen habe, war von ca. 3% der französischen Bevölkerung die Rede.
Patrick Lozès: Oh, das ist gewiss zu niedrig gegriffen! Wir haben das Meinungsforschungsinstitut TNS-Sofres (7) damit beauftragt, eine Umfrage in der schwarzen Bevölkerung zu machen, und man kam auf die Zahl von 2 Millionen Personen, die sich bereit erklärten, sich selbst als schwarz zu bezeichnen. Geht man davon aus, dass Kinder nicht mitgezählt wurden, und manche es vorzogen, sich an der Umfrage nicht zu beteiligen, gehe ich im Grossen und Ganzen von 4 Millionen Schwarzen in Frankreich aus. Diese Umfrage und auch die ethnischen Statistiken, die wir verlangen, sind natürlich auf rein freiwilliger und anonymer Basis.
Der CRAN wurde anlässlich der Vorstadtunruhen 2005 gegründet. Hat sich seitdem etwas in den sogenannten "sensiblen Vierteln" getan?
Patrick Lozès: Der CRAN wurde nicht wegen der Vorstadtunruhen gegründet, aber sagen wir, es hat die Dinge beschleunigt. Aber nein, seitdem der damalige Präsident Chirac anlässlich der Unruhen erklärt hatte, dass seiner Ansicht nach der Auslöser der Krise in den Diskriminierungen verwurzelt sei und er zu einer "Revolution der Mentalitäten" aufrief, ist rein gar nichts geschehen. Deswegen würden wir gerne die Gunst der Stunde, die herrschende "Obamamania", dazu nutzen, um an all die damaligen Versprechungen zu erinnern. Die politischen Verantwortlichen müssen endlich den sichtbaren Minderheiten den Weg in wichtige Funktionen in den öffentlichen Behörden, der Wirtschaft und der Politik ebnen, wie es 2005 Präsident Chirac versprochen hatte.
Wann also ist ein Obama à la française möglich, glauben Sie?
Patrick Lozès: Zur Zeit sind die Voraussetzungen, wie Sie sehen können, nicht gegeben. Aber wir kommen von weniger weit her als die Amerikaner. Es wird also nicht 40 Jahre dauern, aber ca. 15 würde ich meinen. Aber bitte nicht deswegen, weil er oder sie schwarz ist, sondern weil es sich ganz einfach um den besten beste Kandidaten handelt!
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Links
(1) www.libemarseille.fr/henry/2008/11/pierre-ngahane.html
(2) medias.lemonde.fr/mmpub/edt/doc/20081112/1117585_diversite.pdf
(3) www.lecran.org
(4) patricklozes.blogs.nouvelobs.com
(5) en.wikipedia.org/wiki/Affirmative_action
(6) www.assemblee-nationale.fr/13/tribun/fiches_id/2791.asp
(7) www.tns-sofres.com
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Quelle: TELEPOLIS



