Kategorie: Diaspora-EU

Wien ist eine alte Dame mit Vergangenheit, um die sich viele Geschichte(n) ranken. Doch ihre Chronik birgt auch viele dunkle Seiten, die wir mit leisem Grusel betrachten, um sie dann schnell zu überblättern, bevor uns ihr Inhalt allzutief unter die Haut dringt. Manchmal aber wäre es besser, innezuhalten, zurückzublättern und sich auf eine dieser "alten Geschichten" einzulassen: bis sie uns spüren läßt, wie tief das Heute im Gestern verwurzelt ist. So ist das bei der Geschichte von Angelo Soliman, dem "hochfürstlichen Mohren" von Wien, dessen Todestag sich kürzlich zum 200. Mal jährte.
Im 18. Jahrhundert blühte der Sklavenhandel. Schwarzhäutige Menschen waren in unseren Breitengraden rar und damit an den europäischen Adelshäusern höchst begehrte und bestaunte Prestigeobjekte: wer auf sich hielt, ,besaß` einen oder gar mehrere ,Hofmohren`. Man bevorzugte blutjunge ,Ware` beiderlei Geschlechts: geraubte Kleinkinder aus Schwarzafrika, die als Spielgefährten kleiner Adeliger oder als lebendes Spielzeug der Erwachsenen aufwuchsen. Sie wurden getauft, bekamen christliche Namen und erhielten Unterricht. Gekleidet in (meist orientalisch inspirierte) Fantasiegewänder, die der damals wild ins Kraut schießenden Modegesinnung des Exotismus entsprangen und nicht im entferntesten mit den realen, ethnischen Wurzeln der Betroffenen zu tun hatten, waren sie ihren Besitzern als niedliche Die~nerInnen nützlich. Männlichen Hofmohren standen - nach angemessener Lehrzeit - darüber hinaus auch Tägigkeiten als ,Galopin` (Läufer), Hof- oder Heerpauker bzw. Hof- oder Heertrompeter offen.
Auch Angelo Soliman, der um 1721 in Schwarzafrika geboren wurde (Nationalität unbekannt), fiel im Alter von sieben Jahren Sklavenhändlern in die Hände und landete nach einer wahren Odyssee schließlich am Hof einer Marquise in Messina, wo er für kurze Zeit zur Ruhe kam. Um 1734 wurde er von der Frau des Hauses dem Fürsten Johann Georg Christian von Lobkowitz zum Präsent gemacht, der ihn als Reisegefährten und in so mancher Schlacht auch als Kampfgenossen schätzen lernte.
Als Angelo Soliman nach dem Tod von Lobkowitz an Fürst Joseph Wenzel von Liechtensteins Hof kam, um auch hier als Kammerdiener, Reisebegleiter und Hofmeister tätig zu sein, war er bereits ein bis in oberste Kreise angesehener und geschätzer Mann: weitgereist, klug und gebildet (er beherrschte sechs Sprachen neben seiner Muttersprache und war ein brillanter Schachspieler), avancierte er gar zum gerngesehenen Gesellschafter Kaiser Josefs II., dessen grundlegenden gesellschaftspolitischen Reformen er es auch verdankte, zivilrechtlich längst als freier Mann zu gelten.
Trotzdem war seine Entscheidungsfreiheit in privaten Dingen weitgehend eingeschränkt: Als Soliman am 6. Februar 1768 im Wiener Stephansdom die Witwe Magdalena Kellermann-Christiani ehelichte, geschah dies ohne Wissen des Fürsten von Liechtenstein.
Das wurde zum Stolperstein in Solimans Karriere: Durch eine ungewollte Indiskretion Josefs II. von der heimlichen Eheschließung in Kenntnis gesetzt, verstieß Liechtenstein seinen langjährigen treuen Diener umgehend. Erst zwei Jahre nach Liechtensteins Tod revidierte sein Neffe und Erbe, Fürst Franz, diese harte Entscheidung und nahm Angelo Soliman als Erzieher seines Sohnes wieder in Liechtensteinsche Dienste.
"Achtung aller Redlichen"
Trotz fixem Jahresgehalt von 600 Gulden lebte Soliman mit seiner Familie meist knapp an der Armutsgrenze. Im Jahr seiner Pensionierung, 1783, verlor er sein Haus in der "Vorstadt Weissgärber, Kirchgasse, Haus Nr. 38" (heute 3. Bezirk, Ecke Radeckyplatz/Löwengasse) durch Exekution und zog als Pensionär bei vollen Bezügen mit Frau und Tochter in das Liechtensteinsche Palais in der Herrengasse. Für einen Pensionsschock blieb keine Zeit: Im gleichen Jahr wurde er in die Freimaurer-Loge "Zur wahren Eintracht" aufgenommen und damit Logenbruder der künstlerischen Elite Wiens (Mozart, Haydn . . .).
Nach dem Tod seiner Frau (1786) eigenbrötlerisch geworden, steckte Soliman zuletzt alle Energie in die Erziehung seiner Tochter Josephine. Über seine letzten Lebensjahre wußte Solimans erste Biographin, die Wiener Schriftstellerin Karoline Pichler, als Zeitzeugin zu berichten: "Er genoss bis in sein höchstes Alter einer ununterbrochenen Gesundheit und man konnte bey nahe keine Spur der Abnahme oder des Alters in seinem Äusserlichen entdecken. Dies gab zu manchen Missverständnissen und scherzhaften Streit Anlass, indem es oft geschah, dass er von Personen, die ihn vor zwanzig oder dreyssig Jahren gesehen hatten, für einen Sohn von sich selbst gehalten und also behandelt wurde."
Das Ende kam dann ebenso unerwartet wie schnell: am 21. November 1796, um 2 Uhr mittags, verstarb Angelo Soliman während eines Spazierganges mitten auf der Straße an "Schlagfluß". Was danach kam, hat Karoline Pichler in ihrer (fünf Jahre nach Solimans Tod verfaßten) Kurzbiographie wohlweislich verschwiegen: wahrscheinlich, um der gestrengen kaiserlichen Zensur zu entgehen.
Ausgestopft und ausgestellt
Als die Todesnachricht in der Wiener Gesellschaft ihre Runde machte, kam die prompteste Reaktion von allerhöchster Stelle: Kaiser Franz II., von der Person Soliman fasziniert und den Auswüchsen des Exotismus infisziert, äußerte den Wunsch, die "Schönheit seiner feingeschnittenen Gesichtszüge und die Zartheit und Ebenmäßigkeit seines Baus" für die Nachwelt zu erhalten. Der mit der Durchführung beauftragte Bildhauer Franz Thaller leistete ganze Arbeit: Schon wenige Stunden nach Solimans Ableben ging der Künstler daran, dem Leichnam erst einen Gipsabguß abzunehmen und ihn dann in die Wagenremise der k. u. k. Hofbibliothek zu überführen, um ihn dort nach allen Regeln seiner 'Kunst' zu präparieren. Gehäutet und ihres Skeletts beraubt, wurden die nicht weiter verwendbaren, sterblichen Überreste Angelo Solimans am 23. November 1796 auf dem Währinger Friedhof beigesetzt.
Das verblüffend lebensechte Ergebnis Thallerscher Fingerfertigkeit und Fantasie aber avancierte zum vielbestaunten, halbnackten Prunkstück des neu gegründeten k. u. k. Hof-Naturalienkabinetts. L. J. Fitzinger, der Verfasser der "Geschichte des k. k. Hof-Naturalienkabinetts" (1856) hat schwarz auf weiß festgehalten, was es da im vierten Zimmer des Museums, inmitten einer tropischen Landschaftskulisse, umgeben von ausgestopften Bisamschweinen, Tapiren und Singvögeln, zu sehen gab:"Angelo Soliman war in stehender Stellung mit zurückgerücktem rechten Fuß und vorgestreckter linker Hand dargestellt, mit einem Federgürtel um die Lenden und einer Federkrone auf dem Haupt, die beide aus roten, blauen und weißen, abwechselnd gereihten Straußfedern zusammengesetzt waren. Arme und Beine waren mit einer Schnur weißer Glasperlen geziert und eine breite, aus gelblichweißen Münzporzellanschnecken (Cypraea Moneta) zierlich geflochtene Halskette hing tief bis an die Brust herab."
Die vielfachen, verzweifelten Bitten der Tochter Solimans um Herausgabe der zweckentfremdeten Leichenteile ihres Vaters blieben (trotz ebenfalls massiver Intervention durch das fürstbischöfliche Konsistorium) Zeit ihres Lebens unerhört. Statt dessen bescherte die fehlgeleitete Sammelwut des "guten" Kaisers Franz dem menschlichen Exponat Angelo Soliman in seiner musealen Gruft noch vierfach unfreiwillige Gesellschaft.
Als in den Bürgerkriegswirren des Jahres 1848 eine verirrte Kugel in das Gebäude einschlug und der darauf folgende Brand verheerende Folgen zeigte, verfaßte das Oberkämmereramt einen Schadensrapport, in dem man heute noch nachlesen kann, wie sehr die kaiserliche Menschensammlung bereits angewachsen war, bis sie endlich ein Raub der Flammen wurde: ,,Dann von Menschen der Neger Salomon Angelo über Holz von Bildhauer Thaller kunstgemäß verfertigt, ein zweiter Neger vom Oberkrankenwärter Narciss von den barmherzigen Brüdern zu Geschenk erhalten, durch Herrn Bildhauer Schrott über Holz aufgezogen samt Kasten dazu; ein dritter, welcher in der k. k. Menagerie in Schönbrunn als Tierwärter ausgestellt war, von Herrn Phillip Agnello, dem nachherzigen Reisenden in Egypten ausgestopft und ein ausgestopftes Negermädchen, welches als Geschenk vom König von Neapel kam."
Auf Solimans Spuren
Der Stuttgarter Ethnologin Monika Firla-Forkl ist es zu verdanken, daß Angelo Solimans bewegtes Leben und die posthume Groteske nach seinem Tod nicht gänzlich in Vergessenheit gerieten. Sie hat uns die alten Soliman-Biographien von Karoline Pichler (1801) und Wilhelm A. Bauer (1922) als Herausgeberin einer Neuauflage wieder zugänglich gemacht und durch eigene, intensive Forschungsergebnisse ergänzt und aktualisiert. Ihre Arbeit war unter anderem auch Vorlage und Inspiration zu dem Theater-der-Jugend-Stück "Schwarze Haut" von Hans Escher und Peter Petschinka, das noch bis Mitte Dezember im Theater im Zentrum zu sehen ist.
Seit Solimans Tod sind mehr als 200 Jahre vergangen, doch das Thema selbst blieb aktuell wie eh und je. Ob verklärender Exotismus oder ablehnender Rassenhaß: Respektlosigkeit in der Auseinandersetzung mit dem Fremden bedeutet immer Entmenschlichung.
Monika Firla-Forkl (Hrsg.): Angelo Soliman, der hochfürstliche Mohr, Cognoscere, Edition Ost.
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Quelle: Wienerzeitung, 25. Mai 1998
Mittwoch, 14-01-09 10:14
Ein gutes und wichtiges Thema - aber seit 1998 hat sich in der Forschung zu Soliman vieles getan, und Fitzinger/Bauer/Firla sind doch schon ziemlich überholt. Vielleicht könnte Frau Müller-Klomfar den Beitrag einmal updaten? Nichts für ungut.
Walter Sauer
und als Literaturtip:
Angelo Soliman. Mythos und Wirklichkeit, in: Walter Sauer (Hg.), Von Soliman bis Omofuma. Geschichte der afrikanischen Diaspora in Österreich 17. bis 20. Jahrhundert (Innsbruck-Wien-Bozen 2007) 59-96 [über die Buchpräsentation haben Afrikanet.info, Radio Afrika etc. damals ausführlich berichtet...]



