Datum: 28.06.09 20:50
Kategorie: Diaspora-EU, Österreich-Politik

Von: Eine Reportage von Kerstin Kellermann

Genua und die Illegalisierung der AfrikanerInnen

Einwanderer in den Hafen von Genua (c)Terra die Mezzo

Zwischen Handtaschen, Freiern, Galeeren und glücksbringenden Schildkröten

Die Nachfahren der Sklaven sind unter uns

Genua/Italien - In der alten Seefahrerstadt Genua findet man Hellebarden und Kanonenkugeln im „Museum der Kulturen der Welt“ und Geschichten über Ruderersklaven auf italienischen Galeeren im maritimen Museum. Quicklebendige schwarze Menschen verkaufen sich und ihre Waren auf der Straße, um in Folge der Kolonisation als die Enkel der Sklaven zu überleben.

Eine Reportage von Kerstin Kellermann 

Afrikaner die, mit den Armen nach oben und die Beine auseinander, mit dem Gesicht zur Wand an Mauern gelehnt dastehen. Polizisten, die hinter Helmen und schweren Monturen verborgen, die Flüchtlinge abtasten. Sperrstunde ist, die Rollbalken der Geschäfte sind herunter gelassen, die Altstadt um den Hafen ist leer, alle gebürtigen Italiener befinden sich in ihrem gemütlichen Zuhause. Kein Weißer ohne Uniform, jeder der schwarze Hautfarbe hat, wird eingesammelt und kontrolliert. Genua ist eine harte Stadt. Zumindest konnte man vor zehn Jahren diesen Eindruck kriegen. „Heute kommen fast keine Flüchtlinge mehr mit den Schiffen, früher war das üblich, ich erinnere mich, es gab viele heimliche Passagiere“, erzählt ein junger Senegalese in traditionellem bunten Gewand. „Es ist viel schwieriger geworden einzureisen und die Administration macht es beinahe unmöglich zu bleiben.“ Am Hafen verkaufen dünne, schwarze Jungs unter der prallen Sonne in einer Reihe aufgefädelt Sonnenbrillen oder gefälschte Marken-Handtaschen, die sie liebevoll mit einem Fetzen putzen. Kleine Schildkröten- oder Elefantenskulpturen sollen den Touristen Glück bringen. Vor ihnen liegen die Fischerboote am Quai, auf deren Wäscheleinen hängen gestreifte Geschirrtücher und blütenweiße Unterleiberl.

Dummheiten für Carabinieri

„Wenn du Flüchtlinge sehen willst, mußt du nach Brescia, Bergamo oder Lampedusa fahren. Dort sind viele Flüchtlinge ohne Papiere eingesperrt. Die Carabinieri sammeln die ein, genauso wie ab und zu die Handtaschenverkäufer.“ Souleymane Gweye ist auf Urlaub in Genua, er hat es geschafft. Elf Jahre Italien und er ist noch da. Stolz und selbstbewußt beschreibt er seine Arbeit im Schiffsbau, er malt vierstöckige Schiffe an. „Schau, die zwei Schiffe stammen aus unserer Werkstatt“, zeigt er. Souleymanes Verlobte ist Professorin für Französisch in Dakar. Er will nicht, dass sie nach Genua kommt, denn hier müßte sie unter ihrem Wert arbeiten. Souleymanes schüchterner Freund hingegen, ein Autoverkäufer, sucht dringend Arbeit. Er kam mit zweimonatigem Touristenvisum aus dem Senegal und blieb als klassischer „overstayer“ hängen. „Ich mache keine Dummheiten, also holen mich die Carabinieri nicht“, meint er. Offiziell arbeiten darf er ohne Aufenthalt nicht. Am Abend stehen im Dunkeln junge Afrikanerinnen in einer Reihe, geschminkt und in enge Kleidung gequetscht, unter den Arkaden der Via di Sottoripa in den engen Gassen. „Was willst du?“, sagt Souleymane und deutet mit einer Geste einen Bissen an, den er mit den Fingern in den Mund steckt. „Das ist Arbeit. Die haben zu essen. Es gibt nichts gratis auf der Welt. Zwanzig Euro pro Person und bis zu fünf Personen pro Abend.“ Die Mädchen schauen aus wie 15 oder 16 Jahre alt. „Die Männer mögen keine alten Frauen. Das ist einfach so“, kommentiert der schwarze Schiffsmaler nüchtern. „Italienische Männer lieben die jungen Mädchen.“

Hartnäckig und mit einem Lächeln, dem man die Anstrengung ansieht, verkauft ein älterer Senegalese die Strassenzeitung „Terre di Mezzo“ („Das Land dazwischen“, gemeint ist zwischen Himmel und Erde) auf dem multikulturellen SUQ-Festival. „Die Zeitung kommt aus Milan. Ich bin der einzige Verkäufer in Genua, in Milan sind wir 80 Senegalesen. Keine Flüchtlinge, denn im Senegal ist ja kein Krieg“, erzählt er. Das SUQ-Kulturfestival findet zum elften Mal in der riesigen Installation des Architekten Renzo Piano auf einer Insel im Porto Antico statt. An dem Schiffskran BIGO, mit dem in vorindustrieller Zeit schwerste Ladungen vom Quai gehoben wurden, hängt ein riesiges weißes Segeldach, das Festzelt (siehe Foto), auf der anderen Seite fährt eine kreisrunde Aussichtsplattform als Panoramalift in die Höhe. Mitten im bunten Menschengewühl sucht sich der Straßenzeitungsverkäufer seinen Weg, ein Fels in der Brandung. Ein bayrischer Musiker mit langen Haaren, Lederhosen und Trompete oder eine junge Pakistani mit schwarzem Kopftuch aus Birmingham gehören zu dem EU-Projekt MELT „Migration in Europa und lokale Tradition“. Sie warten auf ihren Auftritt auf der SUQ-Bühne.

Lebensgefährliche illegale Arbeit

„Genua ist völlig überaltet. Dementsprechend leben sehr viele illegale Pflegerinnen für unsere Alten in Genua, der Bedarf ist da. Ab 1995 wanderten fast nur Frauen aus Lateinamerika ein, vor allem aus Ecuador“, erzählt der Forscher Andrea Torre vom „Centro Studi Medi, Migrazioni nel Mediterraneo“. Der italienischen Regierung sei aber klar, dass Illegalisierte in Italien arbeiten, also legalisiere sie jedes Jahr eine bestimmte Anzahl dieser Menschen. Die nicht in die Zuwanderungs-Quote fallen. „Der Hauptpunkt ist, dass die Illegalisierung bestimmter Arbeitsformen nicht auch noch kriminalisiert wird“, schaut der Forscher verschmitzt über seine Brille. Seitdem die Dublin-Spielregeln gelten, können die afrikanischen Einwanderer nicht einfach in andere Länder weiter reisen. Früher war Italien bloß Transitland für andere Destinationen, nun müssen die Menschen im Land bleiben. „Nur wenige kommen mit den Booten über Lampedusa, die könnten leicht integriert werden. Aber die meisten Afrikaner verwenden ab Spanien den LKW oder bleiben einfach nach dem Ende ihres Touristenvisums da. In Wirklichkeit haben wir andere Probleme: Man wartet zwei Jahre auf die Staatsbürgerschaft und die Behörden antworten einem zum Teil nicht einmal.“ 

„Gibt es in Österreich Fabriken?“, fragt die junge Nigerianerin, die das Frühstücksbuffett in der Pension beaufsichtigt. Sie würde gerne in einer Fabrik arbeiten, denn da verdient man nicht schlecht und die Strukturen sind klar. Leider wäre aber die einzige Jobmöglichkeit für Nigerianerinnen die Prostitution, „Sie haben keine Wahl, aber 17, 18 Jahre alt sollten sie schon sein, denke ich“. Die fröhliche, selbstbewußte Frau selbst kam alleine nach Italien - vor sechs Jahren und sechs Monaten, seit einem Jahr ist sie verheiratet und besitzt Dokumente. „We suffer! Es gibt aber eine Organisation, die hilft. Sie reden mit den jungen Frauen auf der Straße, verteilen Kondome und holen die da raus. Ohne diese Organisation wären die Straßen von Genua voll von den Leichen dieser Mädchen. Zweihundert wären sicher tot!“ Die Hilfsorganisation „Associazione Onlus/ On The Road“ unterstützt von San Benedetto del Tronto aus die Sexarbeiterinnen. Doch auch die Caritas ist fleißig. „Die Caritas hilft den Frauen zu heiraten und Kinder zu kriegen. Sie vermittelt auch Jobs. Willst du mit den Mädchen reden? Heute abend? Aber wenn du in Wien lebst, kannst du sie nicht unterstützen.“

Kulturelles Waffenmuseum

Ein Haufen Kanonenkugeln in der Sonne oder sind das diese Kugeln, die gefangene Ruderer auf den Galeeren an den Füßen tragen mußten? Drinnen im Stiegenhaus Sträuße von spitzen Hellebarden an den Wänden. In der Burg des „Museums der Kulturen der Welt“ wird ohne erklärendes schriftliches Material unfreiwillig ziemlich offen gezeigt, wie der Seefahrer Kapitän Enrico Alberto d’Albertis und der Missionar Monsignor Federico Lunardi an ihre „Sammlungen“ von wunderschönen alten Kunst- und Gebrauchsgegenständen kamen. Eine Amphore in Kopfform stammt aus dem 15. bis 16. Jahrhundert vor Christi und von den „Chimu-Inca“. Ein Becher, der ein „Mythical being“ darstellt aus „125-225 A.D.“, bemaltes Terrakotta, „funerary set“. Anschaffung: Schmidt, Pizarro 1934. Hier scheint der berüchtigte Pizarro gemeint zu sein, der das Staatssystem der Inkas so zerschlug, wie Cortez Mexiko zerschlagen hatte. Aber wiederum: kein einziger Hinweis. Eine ehemalige Kulturvermittlerin, die Führungen für migrantische Communities gestaltete, erzählt, dass eine Gruppe afrikanischer Frauen vor dieser Ansammlung von Waffen und „gefundenen“ Gegenständen zu streiten begann. „Sie konnten das nicht verstehen.“ Aber wahrscheinlich verstanden die Frauen nur zu genau, dass es sich bei diesem „Kulturmuseum“ eigentlich um ein Waffenmuseum handelt.

Im Nachtzug zurück nach Wien zerlegen zwei zivile Polizisten einen Flüchtling aus Somalia, der starr vor Angst ist. Der dürre Mann versteckt sich wie ein Kind unter einer Decke und schaut mit einem Auge hervor. „Dies ist eine Amtshandlung“, sagt ein Polizist und schiebt die Abteil-Türe zu. Dahinter ist verzweifeltes „No! No!“-Schreien und Rumpeln zu hören. Anschließend traut sich der Schaffner aus Genua dem „be-amtshandelten“ Flüchtling einen Kaffee zu bringen. In Leoben, wo Ministerin Fekter ein neues Schubhaftgefängnis bauen will, wird der dünne Flüchtling aus dem Zug geschafft. 







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