Datum: 21.01.10 22:45
Kategorie: Diaspora-Afrika

Von: Mathias Ntep - Afrikanet Deutschland

Afrikas Wirtschaft und das asiatische Modell

Am Golf von Guinea sagt die landläufige Meinung mitunter: „Uneinsichtige Nachahmerei ist zumeist schädlich“. Unsere Pappenheimer in Afrika schnappen seit überschlägig drei Jahrfünften  auf, dass die Länder Asiens  auf dem Gebiet der wirtschaftlichen  Selbstverwirklichung  Afrika abgehängt haben. Deswegen ist den Machthabern am Golf von Guinea neulich ein neuer Fimmel eingefallen. Spätestens im Jahre 2025 wollen sie auch diesmal  „Schwellenländer“ werden. Das können sie eigentlich schaffen, wenn sie es nur ernst meinen.   

So hat sich beispielsweise die „Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft Mittelafrikas“, die sich aus Äquatorialguinea, Kamerun, Tschad, Gabun, der Zentralafrikanischen Republik und Kongo (Brazzaville) zusammensetzt, das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2025 aus diesen Ländern Schwellenländer zu machen. Der gegenwärtige Staatspräsident von Gabun, Ali Bongo, hatte nach dem Tod seines Vaters verheißen, dass  er Gabun unter seiner Präsidentschaft  in Bälde in ein Schwellenland verwandeln würde. Und er zieht momentan auch alle Register, um sein Versprechen einzulösen; vor kurzem wurde der Mindestlohn aufgewertet.  

Es ist in der Tat allenthalben bekannt, dass die Länder am Golf von Guinea über viele natürliche Ressourcen und Bodenschätze verfügen. Von Angola über Kongo (Brazzaville), Gabun, Spanisch-Guinea (Äquatorialguinea), Kamerun bis nach Nigeria fließt Öl in Hülle und Fülle.  Ghana wird sich voraussichtlich von nächstem Jahr an sogar den Ölexportländern anschließen; in  Ghana wurden Ölvorkommen in den Jahren 2007 und 2009 entdeckt. Seit Jahren sprudelt Öl in Äquatorialguinea. Kamerun strotzt von natürlichen Ressourcen und Bodenschätzen wie Öl, Erdgas, Bauxit, Gold, Diamanten, Kakao, Kaffee, Baumwolle, Regenwäldern, Flüssen usw. Das Kleine Afrika hat ca. 18 Millionen Einwohner.  

Nigeria beabsichtigt,  bis 2020 zu den zwanzig  leistungsfähigsten Wirtschaften der Welt zu stoßen; Nigeria hat bekanntlich über 130 Millionen Einwohner. Religiöse Wirren stellen jedoch das Hauptrisiko in diesem bevölkerungsreichsten Land Afrikas.    

Letztlich sind diese Länder wirklich im Stande, sich emporzuarbeiten, um in fünfzehn Jahren Schwellenländer zu werden. Ihr Wille, unbedingt den Weg der ostasiatischen Länder zu beschreiten, ist gleichwohl problematisch.  Obgleich dem „Asiatischen Modell“ etwas Bewunderung gezollt werden  soll, muss man dasselbe nicht unbedingt blindlings übernehmen.  

Das „Asiatische Modell“ weist folglich etliche Schwächen auf. 

In Indien und in China gibt es keinen flächendeckenden Wohlstand, wenngleich es nicht unter den Teppich gekehrt werden kann, dass die Lebensbedingungen von gewissen Bevölkerungsschichten dieser beiden Länder verbessert worden sind. In manchen ostasiatischen Ländern sind indes die Löhne der emsigen Arbeiter und Arbeiterinnen sehr niedrig. Wer würde schon für niedrige Löhne in afrikanischen Ländern werben? Wir vertreten die Ansicht, dass kein gesund denkender Mensch für Elendslöhne eintreten kann. Das „Asiatische Modell“ weist folglich etliche Schwächen auf. 

Im Übrigen ist das „Asiatische Modell“ durch die Herstellung von Industrieerzeugnissen gekennzeichnet. Das soll mit sich bringen, dass die afrikanischen Länder auch die Forschung und die wirtschaftliche Auswertung von Erfindungen bzw. Endeckungen und die Industrialisierung fördern müssen, wenn sie das neue Ziel erreichen wollen.  

In vielen afrikanischen Ländern besteht überdies das Problem der Wertschöpfung in Organisationen. Es ist in den letzten Jahrzehnten festgestellt worden, dass viele Führungskräfte in manchen afrikanischen Ländern immer darauf bedacht sind, sich die Taschen mit öffentlichem Kies vollzustopfen, anstatt ihre Organisationen effizient zu verwalten und zu bewirtschaften. Das ist zum Beispiel der Fall in Kamerun, wo viele Führungskräfte – darunter gibt es einen ehemaligen Hochschullehrer ( der sich in Deutschland habilitierte),   Hochschulabsolventen, Ingenieure – seit einiger Zeit hinter schwedische Gardinen gesteckt werden, weil sie sich als untüchtig und unfähig erwiesen haben, den Unterschied zwischen privatem und öffentlichem Geld zu machen. Kurzum: Sie haben die öffentlichen Gelder unterschlagen.  

Deswegen ist auch kein Erfolg mit der von Dambisa Moyo in ihrem Buch „Dead Aid“ empfohlenen Finanzierung der Entwicklung Afrikas durch die internationalen Finanzmärkte gewährleistet, denn diese Gelder können stets von  ausgebufften Ganoven entwendet, veruntreut oder kläglich und ineffizient bewirtschaftet werden. Ergo: Nur die unumgängliche Veränderung des Verhaltens der Machthaber, der Führungskräfte, der Hochschulabsolventen und der Intelligenzler in afrikanischen Staaten bildet den Schlüssel zum nachhaltigen Entfaltungsprozess innerhalb Afrikas. Nur neue ethische Sitten und Gebräuche vermögen darüber hinaus, das vielfältige Potential der meisten Länder Afrikas freizusetzen und diesem Erdteil zur flächendeckenden Blüte zu verhelfen. Die große Masse in Afrika ist größtenteils sehr schaffig, emsig und bereit, mitzumachen.  

Moyo, die Wirtschaftswissenschaftlerin aus Sambia, war in einem Radiogespräch im Jahre 2008 redlich genug, um zuzugeben, dass ihre Reflexionen nicht notwendigerweise hieb- und stichfest sind, da diese Überlegungen lediglich vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Perspektive angestellt worden waren. In Wahrheit ist ihre These mit Unzulänglichkeiten behaftet, denn ihre Überlegungen tangieren beispielshalber kaum den soziologischen Aspekt und die geschichtliche Dimension der afrikanischen Gesellschaften. Moyo gesteht sonach implizit, dass sie über eine begrenzte Rationalität verfügt.  

Nun aber wissen wir mit Herbert Simon, dass es Entscheidungsträgern schwer fällt, richtige Lösungen zu politischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen herauszuarbeiten, weil sie zumeist Fachleute und Technokraten sind, die mit einer beschränkten Rationalität ausgestattet und mithin nicht im Stande sind, optimale Entscheidungen zu treffen. Eine Lösung oder Entscheidung, die nicht mehrere bedeutende Parameter berücksichtigt, läuft Gefahr, nicht holistisch zu sein und somit ihr Ziel zu verfehlen -- oder nicht zu verfangen.  

Es gibt aber viele rationale und schaffige Menschen in Afrika. 

Axelle Kabou hat sich wenigstens dem soziologischen Aspekt und der geschichtlichen Dimension in ihrem Buch „Et Si l´Afrique Refusait le Développement?“ (1) – zu Deustch: „Afrikas Abneigung gegen jegliche Entwicklung“; diese Übersetzung ist von mir – gewidmet. Sie pauschaliert aber, wenn sie behauptet, dass Afrika trotz der vielen natürlichen Ressourcen und Bodenschätze sich nicht entwickeln will, weil  es ein Rationalitätsdefizit in Afrika gäbe. Es gibt aber viele rationale und schaffige Menschen in Afrika. 

Das Problem im Buch Kabous ist, dass sie dem Leser nicht ganz genau erklärt, was sie unter „Rationalität“ versteht. Sie legt zudem ähnlich Cheikh Anta Diop, der sich die ehemalige Sowjetunion als Muster und Vorbild für einen panafrikanischen Staat nahm und den Kabou unkritisch anführt, nahe, dass sich Afrika erst nach der Bildung eines alle Länder des Kontinents umfassenden Staates entwickeln kann. Das bedeutet, dass sie keine beweiskräftigen Überlegungen zu der Selbstverwirklichung der einzelnen Staaten Afrikas in ihrem Buch anstellt. 

Jeder, der das Tagesgeschehen der Länder Afrikas ventiliert, ist dessen eingedenk, dass Botswana ein beachtliches Wohlstandsniveau erreicht hat und in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts hohe Wachstumsraten häufig vorwies. Kabou scheint zu vergessen, dass die breite Masse in Afrika in der Regel fleißig ist und sehr oft eher von manchen Entscheidungsträgern, Führungskräften und Machthabern im Stich gelassen und enttäuscht wird.  

Abgesehen von diesen Schwächen, sind die Überlegungen Kabous gleichwohl noch aktuell und relevant.  

Die Länder des afrikanischen Golfes von Guinea können sich binnen zwei Jahrfünften nur rasch entfalten, wenn die  Machthaber, Entscheidungsträger und Führungskräfte in diesen Ländern ein ethisches Verhalten annehmen, auch fleißig werden wie die kleinen Leute und die  letzteren nicht daran hindern, zu zeigen, wes Geistes Kinder sie sind. Im Jahre 2025 wird es viele Schwellenländer am afrikanischen Golf von Guinea geben – vorausgesetzt, dass meine Pappenheimer diese neue Schrulle im Auge behalten und Tag und Nacht unermüdlich darauf  hinarbeiten.  

---------------

(1) Erschienen beim Lenos Pocket unter dem Titel 

Weder arm noch ohnmächtig: Eine Streitschrift gegen schwarze Eliten und weisse Helfer







Kommentare

Keine Einträge

Kommentarformular

öster News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz
18. August
2019mehr
Sonntag

Suchen & Finden



Letzte Kommentare

Keine Einträge

designed and implemented by BILCOM