Datum: 18.03.11 21:21
Kategorie: Diaspora-Afrika

Von: Umar Tall

Libyen ist nicht gleich Tunesien und Ägypten

Im UNO-Sicherheitsrat wurde beschlossen, dass die „Weltgemeinschaft“ in Libyen Kriegspartei  werden darf und zugunsten den Rebellen in der Cyrenaika militärisch eingreifen wird. Dass ein Teil der Rebellen eine militärische Offensive starteten und als Lynchmob Jagd auf GastarbeiterInnen aus afrikanischen Nachbarländern machte, scheint das Bild nicht zu trüben. Die „Arabische Liga“ befand, dass die Ex-Kolonie Libyen von Ex-Kolonialmächten diszipliniert werden müsse. Selbst Saudi Arabien stimmte in der AL für ein Eingreifen, während es selber Truppen nach Bahrain schickte um die DemonstrantInnen in Schach zu halten.

Man muss kein Anhänger Qadhafis sein oder seine Politik unterstützen, um die Lage in Libyen und beide Konfliktparteien kritisch zu betrachten. Selbst ein zu den Rebellen übergelaufener Offizier kritisierte im Interview die militärische Offensive der „jungen Aufständischen.[1] Gemeint ist damit auch die vorschnell scheinende Heroisierung  aller „Aufständischen“ in Libyen, die sich in ihrem Vorgehen teilweise von den friedlichen DemonstrantInnen in Ägypten und Tunesien unterscheiden. Am Kairoer Tahrir-Platz versuchten bezahlte Schläger und Leute des Innlandgeheimdienstes  durch Attacken die gewaltfreien Demonstrationen eskalieren zu lassen. Die Strategie der Provokateure ging nicht auf und Mubarak musste gehen, die BürgerInnengesellschaft hatte einen Etappensieg errungen, weil sie friedlich blieben.

Militärische Offensive der Aufständischen

In Libyen aber griff schon früh ein Teil der Aufständischen selbst zur Gewalt. Bekannt wurde auch ein Selbstmordattentäter, welcher ein Loch in eine Kaserne gesprengt hatte. Überraschender Weise wurde das in den Medien kaum kritisch kommentiert. Daraufhin konnten sich „die Aufständischen“ bewaffnen und in eine Offensive treten.  Das Regime rechtfertigte somit auch den Einsatz von Kampfflugzeugen gegen die angreifenden Rebelleneinheiten. Die Aufständischen posierten mit schweren Waffen vor den Kameras. Sie waren in Besitz von Flugabwehrgeschützen, Granatwerfern und dergleichen mehr. Sie signalisieren: Wir werden nicht aufgeben.  Noch etwas störte das Bild in Vergleich zu Ägypten und Tunesien.

Rebellen attackieren Gastarbeiter

Als der libysche Botschafter in Indien verbreitete, in Libyen würden afrikanische Söldner kämpfen, tauchten erste Videos auf, die Leichen von jungen Männern zeigten, die wie erlegte Tiere auf die Motorhaube eines Autos gebunden und von Aufständischen mit ihren Fotohandys fotografiert wurden.[2] Ein anscheinend totgeprügelter Soldat in libyscher Uniform und dunklerer Hautfarbe (in Libyen eigentlich nichts Ungewöhnliches) wurde ebenfalls vorgeführt.

Doch die jüngsten Bilder und Informationen waren verstörend. Fliehende Gastarbeiter aus Bangladesch, Ägypten oder Tunesien berichteten, dass sie auf ihren Baustellen und Unterkünften von „Aufständischen“ überfallen, verletzt und teilweise sogar getötet wurden.  Andere wiederum berichteten, dass „Aufständische“ sie ausgeraubt hatten, als sie in den von Qadhafi befreiten Gebieten die ägyptische Grenze passieren wollten.[3] Ägyptische Gastarbeiter (insgesamt waren 1/3 der EinwohnerInnen Gastarbeiter) verdienten in Libyen das zehnfache eine ägyptischen Monatslohnes.

Jagd auf andere afrikanische Gastarbeiter

 Am schlimmsten waren aber die Szenen, die andere afrikanische Gastarbeiter zeigten[4], welche ohne Beleg als Söldner bezeichnet wurden. Der Versuch der Reporter mit den als solche Vorgeführten zu reden, wurde von den „Rebellen“ verboten. Klar gemacht wurde, dass sie vor ein Tribunal kommen und umgebracht werden würden. Berichte über Übergriffe auf afrikanische Gastarbeiter scheinen aber niemanden weiter zu tangieren.[5]

Lufthoheit zugunsten der „Rebellen“

Abzuwarten bleibt auch, ob die zukünftigen Machthaber, deren Vertreter Mahmoud Jebril jetzt schon vor dem Europäischen Parlament auftreten durfte, sich als jene lupenreine Demokraten erweisen werden, für die man sie jetzt bereits hält.[6] Er verkündete auf jeden Fall schon einmal, dass er und sein „Übergangsrat“ die legitimen VertreterInnen des gesamten libyschen Volkes seien. Als solche forderten sie auch Luftangriffe gegen die Luftwaffe Qadhafis, damit es keine Luftangriffe auf militärisch strategische Ziele der Aufständischen mehr geben würde. Fraktionsübergreifend wurde  in Straßburg die Solidarität mit diesen „Rebellen“ bekundet. Über deren filmisch dokumentierten Taten wurde keine Rechenschaft verlangt.

Ein Irak 2.0 im Kleinformat?

Während Sarkozy Luftschläge zur Unterstützung der Rebellen fordert, ist man sich in der EU nicht einig. Besonders der österreichische Außenminister betonte im ZIB-Gespräch, dass der Übergangsrat nur für sich, nicht aber für alle Aufständischen in anderen Teilen Libyens sprechen könnte.

Was ebenfalls nicht zu stören schein ist, dass so manche VertreterInnen der Aufständischen bis vor kurzer Zeit noch Qadhafi-Treue waren. Nichtsdestotrotz wurde im UNO-Sicherheitsrat beschlossen, dass Staaten das Recht haben nach eigenen Gutdünken gegen Libyen militärisch vorzugehen. In den nächsten Stunden ist mit Luftschlägen gegen Libyen zu rechnen. Wird Libyen eine Art Irak 2.0 oder wird sich die Lage stabilisieren?

Klar wurde, die Ex-Kolonien können in kürzester Zeit ihre staatliche Souveränität verlieren, wenn es den Ex-Kolonialmächten danach drängt alte hierarchische Strukturen wieder herzustellen.







Kommentare

Keine Einträge

Kommentarformular

öster News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz
14. Dezember
2018mehr
Freitag

Suchen & Finden



Letzte Kommentare

Keine Einträge

designed and implemented by BILCOM