Kategorie: Diaspora-EU

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In Frankreich lebt nicht nur die größte jüdische Gemeinde Europas, sondern auch die meisten Schwarzen. Offizielle Zahlen gibt es nicht, weil dies die republikanische Gleichheit bis heute verbietet, aber inoffiziellen Schätzungen zufolge leben vier bis sechs Millionen Schwarze auf französischem Boden. Seit drei Jahren haben die Schwarzen-Vereinigungen in Frankreich ihre eigene Interessen-Vertretung: namens CRAN: „Conseil Représentatif des Associations Noires“. Generalsekretär dieses Zentralrates der Schwarzen ist ein schwarzer Jude. Siegfried Forster hat diesen Grenzgänger der Identitäten und Kulturen in seinem Büro in der Rue du Château d’Eau mitten im Pariser Schwarzenviertel besucht.
„Ich heiße Nduwa Edouard Guershon, ich bin gelernter Psychologe und Generalsekretär des Zentralrates der Schwarzen-Vereinigungen in Frankreich (CRAN). Außerdem bin ich Präsident der Vereinigung der schwarzen Juden in Europa.“
Filzhut, Blazer, goldene Nickelbrille und zwei Handys auf dem Tisch. Nduwa Edouard Guershon ist ein vielbeschäftigter Mann, der erheblich jünger aussieht, als er tatsächlich ist: 44 Jahre. Ende der 80er Jahre reiste er mit einem Stipendium in der Tasche vom Kongo nach Israel, verliebte sich in die jüdische Religion und konvertierte zum Judentum. Von seinen Eltern hat er ein animistisches Erbe mitbekommen, von seinem Vater den französischen Vornamen Edouard. Seit Anfang der 90er Jahre lebt er in Paris. Ein schwarzer Jude in Frankreich: ein Opfer einer doppelten Diskriminierung oder stolzer Besitzer zweier Identitäten?
„Für mich stellt sich das Problem nicht auf dieser Ebene. Das Problem besteht für mich im Zusammenleben. Man kann einer sichtbaren Minderheit angehören und mit den anderen zusammen leben, die der sichtbaren Mehrheit angehören. Man kann der sichtbaren Mehrheit angehören und innerhalb der sichtbaren Minderheit leben. Ich habe mir niemals die Frage gestellt, ob ich mehr Schwarzer bin als Jude. Ich stehe zu beidem, aber alles was wir machen, soll dazu führen, dass in dieser Französischen Republik, die Juden, die Schwarzen, die Araber und alle anderen zusammen leben können – auf der Basis der Werte der Französischen Republik.“
Ein schwarzer französischer Jude, der eine Deutsche liebt.
Nduwa Edouard Guershon ist mit einer Hamburgerin verheiratet, über deren familiären Holocaust-Hintergrund er lieber diskret bleiben möchte. Tatsache ist, dass er seine Patchwork-Identität in Treibstoff für seine Engagements verwandelt: wenn er nicht gerade für die französische Hilfsorganisation « Médicins sans frontières » - « Ärzte ohne Grenzen » als Psychologe in Frankreich oder Haiti unterwegs ist, kämpft er gegen Rassismus und Antisemitismus und für eine Annäherung zwischen Schwarzen und Juden:
„Ja, wir haben mit der jüdischen Gemeinschaft viele Gemeinsamkeiten. Wir arbeiten zusammen im Kampf gegen die Diskriminierungen. Denn in der Tat ist es so, dass die Juden die Tragödie der Shoa erlebt haben, die auf dem Hass gegen den anderen beruhte, auf Vorurteilen und Ausgrenzung. Angesichts dieser negativen Erfahrung sind die Juden erheblich sensibler gegenüber Diskriminierungen und bei jedem Kampf stehen wir alle zusammen.“
Diskretion, Einfühlungsvermögen, Entschlossenheit:
Eigenschaften, die Nduwa Edouard Guershon auszeichnen und die er braucht als Jude unter den Schwarzen und als Schwarzer unter den Juden. In Paris hat er kürzlich seine eigene Synagoge gegründet:
„Die jüdische Gemeinde passt sich ein klein wenig an die Mentalität der französischen Gesellschaft an, das heißt Zurückweisung und Abgrenzung. Ich persönlich habe eine Synagoge gegründet, in die ich meine schwarzen Glaubensmitglieder einlade. Diese Synagoge ist natürlich auch für Weiße offen, sie sind herzlich willkommen, der Generalsekretär unserer Vereinigung ist ein Weißer, es gibt viele Weiße. Aber wir denken in der Tat, dass es innerhalb der jüdischen Gemeinde, insbesondere in den Synagogen Probleme gibt. Ich persönlich habe nie ein Problem gehabt. Ehrlich. Aber meine Glaubensbrüder, die jüdisch und schwarz sind, etwa aus Äthiopien oder Nigeria kommen, sie haben in Synagogen das Problem, ausgegrenzt zu werden. Genauso wie in den Institutionen. Schauen Sie sich heute den Zentralrat der Juden an, alles wird gemacht, dass nicht auch nur ein Schwarzer für verantwortungsvolle Posten aufgestellt wird.“
CRAN: Keine Angestellten, aber Erfolge
Deshalb hat Guershon die Vereinigung der schwarzen Juden in Frankreich gegründet, auch wenn die Lobby-Arbeit des Zentralrats der Juden in Frankreich (CRIF) sein Vorbild für politischen Einfluss bleibt. Der Zentralrat der Schwarzen-Vereinigungen (CRAN) versammelt bereits 150 Vereinigungen, Angestellte kann sich der CRAN noch nicht leisten, aber zahlreiche Erfolge hat er bereits erzielt, erzählt Guershon:
„Es gibt viele Erfolge bis heute. Es war bis 2006 in Frankreich schwierig zu wissen, wieviel Leute den sogenannten sichtbaren Minderheiten angehörten – vor allem die Zahl der Schwarzen in diesem Land. Heute wissen wir, dass ungefähr 4 bis 6 Millionen Schwarze in Frankreich leben. Wir haben es geschafft, dass im federführenden französischen Wörterbuch « Le petit Robert » die Definition der Kolonialisierung geändert wurde. Früher wurde die Kolonialisierung als Vorteil bezeichnet. Wir haben erreicht, dass die Schwarzen in der Ausgabe 2008 nicht mehr negativ definiert werden. Schauen Sie sich die lokalen Abgeordneten an, es gab keine Bürgermeister, die aus den sichtbaren Minderheiten stammten. Sie hatten bis 2007 einen winzigen Anteil von 0,04 Prozent. Seit den Kommunal- und Kantonalwahlen in diesem Jahr hat sich die Zahl der Vertreter sichtbarer Minderheiten verzehnfacht. Das ist ein Fortschritt.“
Größte Herausforderung: "sans papiers"
Auf die Frage, was heute die größte Herausforderung für die Schwarzen-Vereinigung CRAN in Frankreich bedeutet, denkt er ohne Zögern an das Problem der Einwanderer ohne gültige Aufenthaltspapiere, den so genannten „sans papiers“:
„Die Statistiken beweisen, dass die Schwarzen nicht so sind, wie sie in den Medien präsentiert werden. Von 100 Prozent der Schwarzen, die hier leben, sind 89 Prozent französische Staatsbürger. Das Problem der sans-papiers liegt auch darin, wie sie behandelt werden. Man kann sie nicht behandeln, wie sie derzeit vom Ministerium behandelt werden, nämlich wie Hunde. Manche sind seit zehn oder zwanzig Jahren hier in Frankreich, sollte man diese noch als Illegale oder als Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung bezeichnen? (…) Die Art und Weise, wie man sie in Aufnahmelager steckt, wie in Käfige, das erinnert uns an die Pariser Weltausstellung in den 30er Jahren, als Schwarze als Sehenswürdigkeit ausgestellt wurden. Dahinter steckt eine rassistische, faschistische Dimension, die dabei ist, sich in Frankreich auszubreiten.“
„Ich hatte bislang noch nie Probleme in Deutschland."
Sein größter Traum ? Endlich Gleichheit und Gerechtigkeit für die Juden und Schwarzen in Frankreich und ein Familienleben in Hamburg. Nduwa Edouard Guershon paukt eifrig deutsche Vokabeln und möchte schon bald deutscher Staatsbürger werden – und um noch eine Identität reicher sein.
„Ich hatte bislang noch nie Probleme in Deutschland. Hamburg, das ist meine Stadt. Eine Stadt, die ich sehr liebe. Ich hatte dort niemals Probleme mit Diskriminierung. In Frankreich habe ich dieses Problem immer noch. Das liegt an der Erinnerungsarbeit. Als Psychologe sage ich: solange diese Erinnerungsarbeit in Frankreich noch nicht geleistet worden ist, solange werden die größten Vorurteile weiter bestehen. In Deutschland wird der Antisemitismus gut bekämpft und da muss man den Deutschen und der deutschen Regierung eine Hommage erweisen. In Frankreich wird der Antisemitismus ebenfalls gut bekämpft, aber die Diskriminierungen, die die anderen Minderheiten betreffen, da sind noch keine Ergebnisse sichtbar.“
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Quelle: RFI
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