Datum: 10.02.08 22:55
Kategorie: Kids & Jugend-Vorbilder, Österreich-Gesellschaft

Von: Nasila Berangy

Österreich - Ein Afrikaner als Deutschlehrer

Ein Germanist aus der Elfenbeinküste wollte in Österreich nur seine Ausbildung vertiefen. Doch er blieb im Land und bringt nun in seiner eigenen Lernakademie anderen Migranten Deutsch bei.

WIEN. „Was ist das?“, fragt Ossiri Richard Gnaore und deutet auf einen Gegenstand in seiner Hand. Im Tenor kommt die Antwort aus dem Plenum: „Ein Ball“. Richtig. Gnaore lächelt und fährt mit dem Unterricht fort. Dass er es eines Tages so weit bringen würde, hätte er nicht gedacht – zum Leiter seiner eigenen Lernakademie.

Der Weg war allerdings kein einfacher, erzählt der heute 47-Jährige. Nach dem Studium der Germanistik in der Elfenbeinküste kam Gnaore 1986 nach Österreich, um die diplomatische Akademie zu absolvieren. Danach wollte er eigentlich zurück in seine Heimat. Doch mit der politischen Machtverteilung in der Elfenbeinküste und der Einheitspartei, die er für undemokratisch hielt, konnte er sich nicht mehr identifizieren. Daher sah er keine Möglichkeit mehr, in seiner Heimat im diplomatischen Dienst Karriere zu machen.

Also blieb er in Österreich, absolvierte Praktika bei der Atomenergiebehörde und einer Bank. Die Karriere schien weiter bergauf zu gehen – nach einer Aufnahmeprüfung konnte er bei einem Trainee-Programm der Bank teilnehmen. Alles lief bestens, bis ihm plötzlich der Personalchef mitteilte, dass er aus dem Programm genommen werde. „Er sagte, er vertraue eher einem kriminellen Österreicher als einem schwarzen Banker“, erzählt Gnaore.

Von dieser Erfahrung schwer enttäuscht, arbeitete er zunächst als Taxifahrer. Bis dem gelernten Germanisten die Idee kam, Nachhilfeunterricht zu geben. In einer Zeitung entdeckte er ein Inserat einer Ärztin, die Französisch-Nachhilfe suchte. Der erste Auftrag folgte, aus einem Schüler wurden schließlich so viele, dass er ein Nachhilfeinstitut gründete.

Zwei Jahre lang wirtschaftete sein Institut erfolgreich, bis eine Flaute einsetzte und Gnaore gezwungen war, sich einen Nebenjob zu suchen – als Deutschlehrer bei einem renommierten Institut. Bei seinen Schülern war seine Unterrichtsmethode beliebt, sagt er, bloß in der Belegschaft hatte er kein gutes Gefühl: „Das Klima war durch Intrigen vergiftet.“ Als er an einem Vormittag wegen eines privaten Termins zu spät zur Arbeit kam, teilte ihm sein Vorgesetzter mit, dass dies sein letzter Tag am Institut gewesen sei. Seinen Rauswurf kann Gnaore bis heute nicht nachvollziehen, immerhin habe er vorher Bescheid gegeben, dass er zu spät kommen würde.

Dass er als Afrikaner Deutsch unterrichtet, sei für seine Vorgesetzten nie ein Thema gewesen, ist Gnaore überzeugt. Daher will er auch nicht an ein rassistisches Motiv glauben. Doch diese Erfahrung bestärkte ihn, sein eigenes Nachhilfeinstitut zu erneuern und wieder selbstständig zu arbeiten.

Integrationskurse für Migranten

Mit Erfolg. Heute ist er Leiter zweier Lernakademien mit zwei Standorten und 13 Angestellten. Unter anderem bietet er dort Deutsch-Integrationskurse an, in denen die Schüler in einem Ausmaß von 300Stunden nicht nur Deutsch, sondern auch das gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben in Österreich kennen lernen, so dass sie im Alltagsleben zurecht kommen. Dass von 170 Deutsch-Integrationskursen österreichweit insgesamt zehn in Ossiris Lernakademie stattfinden, macht das Team besonders stolz. Gefördert werden die Kurse von der Magistratsabteilung 17 und dem Österreichischen Integrationsfonds. Der Kurs bereitet Migranten auf die offiziell gültige Deutschprüfung zur Erfüllung der gesetzlichen Integrationsvereinbarung vor.

Am Institut wird auch Englisch und Französisch unterrichtet. Der Fokus liegt jedoch klar auf der deutschen Sprache, da es Gnaore wichtig ist, dass Migranten der Sprache ihrer neuen Heimat mächtig sind.

Bei der Personalauswahl hat der Akademie-Gründer gezielt auf ein „buntes Team“ gesetzt. In seiner Akademie haben sechs von dreizehn Mitarbeitern Migrationshintergrund. Und er nimmt sich als „neuen Österreicher“ – so wie auch andere Unternehmer mit Migrationshintergrund in die Pflicht, „neue Akzente zu setzen und Migranten gezielt zu rekrutieren“. Denn es wäre nicht glaubwürdig, Integration zu fordern aber selbst nichts dafür zu machen.

Für seine Schüler ist der 47-Jährige aus der Elfenbeinküste offenbar Vorbild. Es motiviert, zu sehen, dass ein Migrant erfolgreicher Unternehmer und Leiter einer Lehrakademie sein kann. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein und den Glauben, eines Tages selbst erfolgreich sein zu können.

 

"Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2008

 

 

Bilder: Farzad Dadgar







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