Kategorie: Kids & Jugend-Jugendliteratur

«O mach uns alle weiss!»
Rassistische Tendenzen
in Kinderbüchern
Natürlich sind das treuherzige «Negerlein» und der grinsende «Mohrenkopf» aus den heutigen Kinder- und Jugendbüchern verschwunden. Geblieben sind dafür subtilere Varianten des Rassismus’ wie dicke Türkenfrauen und bezopfte Chinesen.Noch bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts war die Vorstellung, dass Weisse bessere Menschen seien als Schwarze, in der sogenannten westlichen Gesellschaft eine unumstössliche Tatsache. Spuren dieser (selbstkreierten) Realität finden sich auch heute noch, und dies notabene in so beliebten Kinderbuchklassikern wie «Tim und Struppi», «Pippi Langstrumpf» und «Jim Knopf» – um nur einige zu nennen.
So wandeln beispielsweise Tim und Struppi in «Tim im Kongo» sozusagen als Verkörperung des Guten durch die finstere und unzivilisierte Welt der Schwarzen und ersetzen am Schluss mit ihrem eigenen Konterfei sogar deren bisherige Götter. Auch die Bewohner von Astrid Lindgrens Taka-Tuka-Landes haben offensichtlich nur darauf gewartet, bis ein weisser Kapitän (Pippi Langstrumpfs Vater) dahergesegelt kommt und ihr geliebter Häuptling wird...
Der Indianer raucht immer seine Friedenspfeife...
Keinen von diesen AutorInnen möchte Helene Schär vom Kinderbuchfonds Baobab (siehe Anmerkung) aber explizit rassistisches Gedankengut unterstellen. «Kinder- und Jugendbücher widerspiegeln nur gesellschaftliche Meinungen», erklärt sie. Erfreulicherweise haben sich diese jedoch in den vergangenen Jahren geändert, so dass sich auch die Situation bei den Kinderbüchern massgeblich verbessert hat. Aber Schär winkt ab: «Der Rassismus in der Literatur und den Lehrmitteln ist in den letzten Jahren einfach subtiler geworden», betont sie, «verschwunden ist er nicht.» Denn latent seien solche rassistische Vorstellungen weiterhin vorhanden. So sind beispielsweise in deutschen Jugendbüchern die Türkenfrauen immer dick und fettig, die Männer autoritär und die Mädchen tragen Kopftücher. Auch die Parodien zementieren solche Stereotypen immer wieder: Da hat der Chinese einen Zopf, der Indianer raucht Friedenspfeife und die Afrikanerin tanzt und trägt Ohrringe.
...und die AfrikanerInnen essen immer Schmorgerichte
Wie wenig wir solche rassistisch gefärbten Klischees aber auch als solche wahrnehmen, habe sich vor ein paar Jahren deutlich gezeigt, als das Buch «Feuerland ist viel zu heiss» den Jugendbuchpreis bekommen hat. «Dabei ist das Buch voller Klischees», erklärt Schär ihre Unzufriedenheit mit dieser Auszeichnung, «Der Araber reitet ungesattelt mit Messer im Mund und die Afrikaner sitzen um einen riesigen Schmortopf herum.» Während die bewertenden Erwachsenen solche Stereotypen schon gewöhnt sind und sie wahrscheinlich unterhaltsam finden, werden diesbezüglich noch unbelastete Kinder damit auf unreflektierte und somit problematische Weise in die Welt der Klischees und des Rassismus’ eingeführt.
Seit den 70er Jahren versucht deshalb die ‚Erklärung von Bern’ solchen latenten Rassismus aufzudecken. Drei Arbeitsgruppen in Basel, Bern und Zürich bewerten Bücher nach festgelegten Kriterien, deren wichtigstes der Respekt einer Autorin vor ihren eigenen Figuren ist. Etwa alle 2 Jahre erscheint dazu das im Buchhandel erhältliche Verzeichnis ‚Fremde Welten’ mit rund 300 empfehlenswerten Kinder- und Jugendbüchern zum Thema Rassismus und Länder des Südens.
Von netten und bösen Lehrern
Ausserdem fördert Baobab mit jährlichen Neuerscheinungen gezielt AutorInnen aus dem Süden. Ein schwerwiegendes Problem sei nämlich auch, dass die Bücher über Afrika grösstenteils aus europäischer Sicht geschrieben werden. Doch diese ‚authentischen’ Bücher seien «keine grossen Renner», berichtet Schär, «Sie konfrontieren uns mit einem Afrikabild, das uns widerstrebt, weil wir es uns anders vorstellen (wollen).» Als amüsantes Beispiel dient die unterschiedliche Charakterisierung des Schulalltags. Während die Lehrer in Büchern, die von Weissen über Afrika geschrieben werden, immer nette Kerle sind, die von ihrer Schülerschar angehimmelt werden, sind sie dagegen bei Autoren aus dem Süden autoritäre, wenig geliebte Personen...
Mit der Herausgabe von jährlich zwei bis drei Neuerscheinungen von AutorInnen aus dem Süden versucht Baobab ihnen eine eigene Stimme zu geben und einen unverfälschten Blick auf fremde Kulturen zu ermöglichen. Aber selbst wenn der Text dann authentisch sein mag, lauert der Rassismus vielleicht noch in der Illustration. So erscheint zum Beispiel in einem kürzlich erschienenen Märchenbuch der Gott der schwarzen Afrikaner – big surprise – hellhäutig.



