Datum: 16.11.08 01:54
Kategorie: Frauen-Aktiv

Von: Equal Voices - EU Fundamental Rights Agency

Das Dilemma Schwarzer Frauen - Mit Béatrice Achaleke

 

Equal Voices (EV) im Gespräch mit Beatrice Achaleke, AFRA, Österreich

EV: Welches sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Probleme, mit denen Frauen aus Minderheitengruppen in der EU konfrontiert sind?

Die Probleme, mit denen Minderheitenfrauen in Europa konfrontiert sind, sind überaus vielgestaltig und hängen von den individuellen Besonderheiten des EU-Mitgliedstaates ab, in dem sie leben, von der Migrationsgeschichte des betreffenden Landes, von den bestehenden Rechtsvorschriften und Gesetzen zur Migration, von der Fähigkeit und Bereitschaft der Länder, das Vorhandensein von Einwanderern anzuerkennen und zu respektieren, und von der Aufgeschlossenheit der Gesellschaft und ihrer Bevölkerung.

Minderheitenfrauen in der EU stoßen zudem je nach Herkunft, körperlicher Erscheinung, religiöser Überzeugung, sexueller Orientierung, Alter sowie Umfang und Geschichte der Gemeinschaft, in der sie leben, auf unterschiedliche Probleme. Viele sehen sich ständig einem institutionalisierten Rassismus sowie verschiedenen Mechanismen der institutionellen und sozialen Ausgrenzung gegenüber und müssen sich dagegen zur Wehr setzen. Hierzu gehört unter anderem ein begrenzter oder fehlender Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens, zum Bildungswesen und zu politischen Strukturen. Eine extrem ausgrenzende Gesetzgebungspolitik gepaart mit einem ständigen Kampf um Anerkennung und Respekt machen einigen Minderheitengruppen das Leben außerordentlich schwer.

Ferner werden einige Gruppen, insbesondere Schwarze, Sinti und Roma sowie Muslime generell als Kriminelle (Diebe, Drogenhändler, Prostituierte, Scheinasylanten, Sozialschmarotzer, Terroristen usw.) stigmatisiert.

EV: Gibt es irgendwelche Sachverhalte, die schwarze Frauen ganz besonders betreffen?

Schwarze Frauen gehören zu jener sichtbaren Minderheit in der Europäischen Union, die ständig mit verschiedenen Formen der Mehrfachdiskriminierung konfrontiert ist, aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts und ihrer Religion. Neben den klassischen Formen der Diskriminierung und der sozialen Ausgrenzung, mit denen Migrantinnen zu kämpfen haben, sind schwarze Frauen täglich Rassismus und Sexismus zugleich ausgesetzt. Sie gelten gemeinhin als inkompetent, faul, ungebildet, arm, unterwürfig und ständig hilfsbedürftig.

Ihre Kenntnisse, Fertigkeiten, Kompetenzen und Professionalität werden oft nicht anerkannt, und sie werden darauf reduziert, „bloß als Frauen“ gesehen zu werden, und zwar nicht nur von der weißen Mehrheitsgesellschaft, sondern auch von einigen schwarzen Männern.

„Schwarze Frauen müssen ständig der Gesellschaft gegenüber ihren wahren Wert rechtfertigen und für die ihnen gebührende Anerkennung und Achtung kämpfen.“

Somit müssen schwarze Frauen ständig der Gesellschaft gegenüber ihren wahren Wert rechtfertigen und für die ihnen gebührende Anerkennung und Achtung kämpfen. Dieser Kampf bildet eine ständige Stressquelle im täglichen Leben und wird dadurch erschwert, dass es kaum schwarze Frauen gibt, die als Vorbilder fungieren können. Es gibt nur wenige schwarze Frauen in Schlüsselpositionen – sei es im öffentlichen Dienst, in der Politik oder in der Privatwirtschaft, und dies ist ein großes Hindernis für diejenigen, die solche Positionen anstreben.

EV: Haben es schwarze Frauen schwerer als schwarze Männer?

Schwarze Frauen sind anders betroffen als schwarze Männer. Während schwarze Männer oft als Kriminelle (Drogenhändler usw.) gesehen werden, hält man schwarze Frauen für Prostituierte, bemitleidenswerte Opfer usw. Beiden wird Asylmissbrauch und Sozialschmarotzertum unterstellt.

EV: Was war Ihre persönliche Motivation, um politisch aktiv zu werden?

Meine persönliche Motivation erwächst daraus, dass ich mir einerseits eine bessere Welt für meine Kinder wünsche und andererseits davon überzeugt bin, dass ich etwas bewegen kann, wenn ich es nur versuche. Ich wollte mich nicht als Opfer abstempeln lassen (so sieht uns die Gesellschaft, und dort möchte sie uns auch behalten), sondern vielmehr aktiv am Aufbau und an der Gestaltung der Gesellschaft teilhaben, in der ich und meine Kinder leben. Außerdem hegte ich einen starken Wunsch, mir Gehör zu verschaffen, gegen Ungerechtigkeiten zu protestieren, selbstbestimmt zu leben und für Gerechtigkeit und Chancengleichheit für diskriminierte Gruppen zu kämpfen, insbesondere für schwarze Frauen.

Ebenso hatte ich das Bedürfnis und den leidenschaftlichen Drang, schwarzen Frauen Mut zu machen, indem ich mich selbst und andere zum selbstbestimmten Handeln befähige – um Netzwerke zu gründen, neue Zusammenschlüsse zu bilden und vor allem die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Mechanismen in Frage zu stellen, die die Ausgrenzung von Migrantinnen, insbesondere von schwarzen Frauen, in Europa im Allgemeinen und in Österreich im Besonderen, unterstützen und zulassen. Diese Selbstbefähigung ist notwendig, damit meine Kinder in der Zukunft einmal bessere Bedingungen vorfinden.

EV: Welchen Widerständen sehen Sie sich gegenüber, und wie überwinden Sie diese?

Ungeachtet meiner starken persönlichen Motivation stoße ich dennoch oft auf Hindernisse, z. B. muss ich häufig sowohl schwarze Frauen als auch Geldgeber von der Bedeutung und Wirkung meiner Arbeit überzeugen, oder aber die Bemühungen werden unterbewertet. Ich habe noch immer Schwierigkeiten, Zugang zu einigen wichtigen Netzwerken zu erlangen und Einfluss auszuüben. Auch der unzureichende Zugang zu den Massenmedien, fehlende finanzielle Mittel und die Schwierigkeit, andere zu motivieren und politische Entscheidungsträger zu überzeugen, behindern meine Arbeit. Nichtsdestoweniger bin ich all denen sehr dankbar, die unsere Arbeit bislang anerkannt und unsere Tätigkeiten sowohl finanziell als auch moralisch unterstützt haben. Die größte Herausforderung steht uns jedoch noch bevor, nämlich die richtige Strategie zu finden, mit der die Bedürfnisse von schwarzen Frauen in einem europäischen Kontext formuliert und auf den Tisch gelegt werden können. Der erste Kongress schwarzer europäischer Frauen im Jahre 2007 war ein erster großer Schritt in diese Richtung.

EV: Welches wäre Ihre persönliche Botschaft an Migrantinnen und Minderheitenfrauen in Europa?

Niemals aufgeben, egal wie beschwerlich der Weg wird. Es ist sehr wichtig, sich Gehör zu verschaffen, sich zu beteiligen, aktiv an der Gestaltung der Gemeinschaften und Gesellschaften, in denen man lebt, mitzuwirken. Privilegien werden niemals freiwillig abgegeben. Wenn man wartet, bis einem eine Chance gegeben wird, läuft man Gefahr, nie eine zu bekommen. Man muss kämpfen, nicht nur um seine Rechte anerkannt zu bekommen, sondern vor allem um sie zu bewahren und damit sie von anderen respektiert werden, vor allem von der Mehrheitsbevölkerung. Wenn es nicht möglich ist, eigenständig eine Veränderung zu bewirken, muss man sich organisieren – die Selbstorganisation ist kein Privileg, sondern vielmehr ein Recht, das man jederzeit in Anspruch nehmen kann. Die Selbstorganisation zum Kampf ist ein politisches Instrument, auf das wir (sichtbaren) Minderheiten in Europa wie auch anderswo nicht verzichten können. Wenn man sich nicht selbst für seine Rechte einsetzt, wird es sonst keiner tun. Wir wissen am besten, mit welchen Problemen wir konfrontiert sind, und wir wissen bessere Lösungen dafür als sonst irgend jemand. Nutzen wir unser Know-how, um für unseren Platz in Europa, „unserem Zuhause“, zu kämpfen.

EV: Wie können schwarze Frauen dazu befähigt werden, eine stärkere und sichtbarere Rolle in der Gesellschaft zu übernehmen?

Entscheidend ist, dass schwarze Frauen sich organisieren, ihre Bedürfnisse ermitteln und dafür kämpfen, dass diese sichtbar werden. Sie müssen aufhören, die Rolle der Opfer zu spielen, eine Rolle, die ihnen zumeist aufgezwungen wird, und vielmehr zu aktiven Akteuren werden. Dies ist keine leichte Aufgabe, doch sie ist machbar, und es lohnt sich, sie in Angriff zu nehmen. Sie müssen sich über die Gemeinschaften/Gesellschaften, in denen sie leben, informieren und ihre Rechte in Erfahrung bringen und davon Gebrauch machen. Sie sollten die Landessprache lernen, um ihre Bedürfnisse zu artikulieren, strategische Zusammenschlüsse bilden, selbst mit sogenannten etablierten Organisationen, wenn ihnen dies helfen kann, sichtbarer zu werden, oder den Zugang zu den Mitteln erleichtert, die erforderlich sind, um sichtbar zu werden. Sie sollten bestehenden Netzwerken beitreten, strategische Kontakte knüpfen und an öffentlichen Zusammenkünften und Veranstaltungen teilnehmen. Schließlich müssen sie stets präsent sein und proaktiv handeln, anstatt immer nur zu reagieren.

Viele Dinge erscheinen sehr schwer, nicht etwa weil sie dies tatsächlich sind, sondern weil wir niemals versuchen, sie zu ändern.

--

Beatrice Achaleke ist Leiterin von AFRA, dem Internationalen Zentrum für die Perspektiven schwarzer Frauen in Wien. Außerdem hat sie kürzlich das Netzwerk schwarzer europäischer Frauen BEWNET ins Leben gerufen. Der erste Kongress schwarzer europäischer Frauen wurde vom 27. bis zum 29. September 2007 in Wien veranstaltet, um die Gründung von BEWNET vorzubereiten. BEWNET präsentiert sich im Internet unter folgender Adresse: www.bewnet.eu 







Kommentare

Keine Einträge

Kommentarformular

öster News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz
25. Mai
2019mehr
Samstag

Suchen & Finden



Letzte Kommentare

Keine Einträge

designed and implemented by BILCOM