Datum: 28.12.08 00:15
Kategorie: Österreich-Gesellschaft, Frauen-Aktiv

Von: simon INOU

Joana Adesuwa Reiterer: „In Nigeria wird Schlepperei oft als Hilfe angesehen“

(c)adesuwareiterer.com

 

Joana Adesuwa Reiterer kommt aus Nigeria und lebt seit fünf Jahren in Österreich. Hier arbeitet sie in den Bereichen Film und Theater, zudem leitet sie den Verein „Exit“, der sich unter anderem für die Aufklärung über Schlepperei, Frauenhandel und Aids  einsetzt. Exit macht auf die Existenz der Probleme aufmerksam, sowohl  in Österreich, als auch in Nigeria. Die tapfere Frau hält sich fern von einem Teil der nigerianischen Community um effizient arbeiten zu können. Das Jahr 2008 war für Frau Reiterer ein arbeitsintensives Jahr.Im März 2009 erscheint Ihr erstes Buch "Die Wassergöttin" beim deutschen Verlag Knaur. Ein Interview mit afrikanet.info  

Wofür steht der Verein Exit genau?

Joana Adesuwa Reiterer: Gegründet wurde der Verein im August 2006, mit dem Ziel Aufklärung und Integration mit dem Schwerpunkt Europa. Für uns ist es wichtig für Afrikaner über die Realität in Europa zu berichten, da es nicht das Paradies ist, wie es in den afrikanischen Medien dargestellt wird. Die Menschen in Europa müssen über die verschiedenen Beweggründe von Afrikanern hier her zu kommen informiert werden. Es gibt die, die einfach zum Studieren kommen, jene die arbeiten wollen und es gibt die, die verschleppt worden sind. Und diese Minderheit, die Opfer von Menschenhandel sind, auf die haben wir uns konzentriert. Ich bin mit allen Streetworkern und Organisationen in Verbindung und wir reden mit afrikanischen Frauen, die als Prostituierte arbeiten, wobei die meisten aus Nigeria kommen. Dazu habe ich eine Geschichte zusammengefasst und daraus ist dann der Kurzfilm „.Greener Pastures“ , der das Schicksal einer verschleppten Nigerianerin zeigt. Zu diesem Film veranstalten wir Diskussionen, Workshops und Seminare. Wir laden Experten und auch Polizisten, die Presse und verschiedene Organisationen zur Diskussion ein. Leider ist es nur einmal gelungen, dass ein Opfer selbst gekommen ist. Wenn eine Dame Opfer von Menschenhandel ist, dann versuchen wir sie zu begleiten, da das Thema in Österreich bislang kaum Beachtung fand. Ich habe öfter von den Opfern gehört, dass ihnen, wenn sie zu Polizei gehen nicht geglaubt oder ihr Anliegen nicht ernst genommen wird. Deswegen versuchen wir solche Frauen zu begleiten, zur Polizei und zum Gericht, um gegen die Täter auszusagen. Täter die oft als Schlepper arbeiten.

 

Wie funktioniert Schlepperei in Nigeria?

Oft wird Schlepperei nicht als solche gesehen, sondern als Hilfe. Viele Familien wünschen sich, dass ihre Tochter nach Europa geht. Es ist geradezu ein Trend. Da die Grenze geschlossen ist, versuchen es viele über Leute, die schon in Europa waren. Und diese Menschen bringen die Frauen für 40.000 Euro hierher. Die Schlepper erzählen, dass man in Europa 40.000 leicht innerhalb eines Jahres verdienen kann und die Eltern dort glauben das. Mit einem gefälschten Pass kommen sie dann nach Europa, besonders nach Österreich. In den 80’ern war das Hauptziel Italien, bis es eine Kooperation zwischen der italienischen und der nigerianischen Regierung gab. Danach war es Deutschland, Niederlande und Spanien. Und momentan eben Österreich. Denn hier ist es möglich, während das Asylverfahren offen ist, als so genannte neue Selbstständige legal auf den Strich gehen. Das ist sehr unfair jenen Frauen gegenüber, die das nicht wollen. Der Nachteil der Legalisierung ist, dass die Position der Frauen von den Schleppern ausgenutzt wird. Der Vorteil ist, dass Krankheiten durch Gesundheitskontrollen besser kontrollierbar sind. Durch Verbote wird Prostitution nicht beseitigt, wie man ja am Beispiel Italien sehen kann.

 

Was passiert mit den Frauen nach der Ankunft in Österreich?

Ihre Reisedokumente werden ihnen von den Schleppern abgenommen und sie bekommen eine Geschichte, die sie den Asylbehörden erzählen sollen. Jeder weiß, dass Asylverfahren in Österreich bis zu 4 Jahre lang dauern. Und innerhalb dieser Zeit sollen die Frauen als Prostituierte arbeiten und  dem Schlepper das Geld zurückzahlen. Die Mädchen werden in Privatwohnungen untergebracht und es wird ihnen der Strich oder die Clubs gezeigt, in denen sie arbeiten werden. Weitere Probleme sind Rassismus, Diskriminierung und die fremde   Sprache. Weil die Frauen so zur Außenwelt keinen Kontakt haben können, sind sie ausgeliefert. Zudem werden sie in den Wohnungen stets beobachtet. Innerhalb dieses Kreises sind alle Afrikaner, aber es sind auch Europäer, die z.B. Geschäftsführer von Hotels sind, beteiligt. Diese spielen aus Unwissenheit oder Angst vor Problemen mit der Polizei mit.

 

Was passiert mit den Frauen, wenn sie sich befreien können?

Es gibt sehr viele, die das Geld innerhalb von zwei Jahren zahlen können. Früher konnten sie dann heiraten und so die Papiere bekommen. Jetzt sind die Gesetze komplizierter geworden. Da die Verfahren noch offen sind, arbeiten sie dann für sich selber, planen in ein anderes Land zu gehen oder holen sich ein Mädchen, das dann für sie auf den Strich geht. Viele wollen nicht als Prostituierte arbeiten, jedoch haben sie nicht den Mut nein zu sagen und haben Angst vor Voodoo. Aber es gibt diejenigen, die nicht auf den Strich gehen und genau die wollen wir unterstützen. Wir betreuen eine Frau aus Nigeria, die seit vier Jahren hier lebt. Sie und ihre Familie in Nigeria werden von dem Schlepperring bedroht. Wir versuchen, dass ihr Asyl aus humanitären Gründen anerkannt wird. Wenn das nicht möglich ist, ist es der Beweis dafür, dass Österreich kein Angebot für die Opfer von Menschenhandel hat – zumindest nicht für die afrikanischen Opfer. Natürlich kann man die Täter anzeigen und es gibt sehr viele die das machen, jedoch braucht man immer Beweise. Das Problem ist, dass sie dann oft nicht mit der Polizei reden, weil es keine Vertrauensbasis gibt. Bislang waren keine wirklich guten Erfolgsgeschichten dabei. Die Mädchen denken, dass sie, wenn sie etwas sagen, abgeschoben werden, obwohl das Gesetz was anderes sagt.

 

Wie funktioniert das, wenn solche Frauen aussagen?

Den Frauen, die sich entschließen eine Anzeige zu machen, hören wir zu, recherchieren für sie und bereiten sie auf das Gespräch mit der Polizei vor. Auch Gespräche mit der Polizei sind notwendig, da diese Schicksale sehr diskret behandelt werden müssen. Denn könnte der Schlepper herausfinden, wer ihn angezeigt hat, dann wäre das für die Frauen sehr gefährlich. Wir versuchen auch in Nigeria zu sensibilisieren, z.B. haben wir jetzt in Nigeria Organisationen dort, z.B. die Idia Renessance. Wir haben ihnen jetzt diesen Kurzfilm auf DVD geschickt und sie zeigen das in Schulen. Es gibt eine Zusammenarbeit mit „NAPTIP“ (www.naptip.gov.ng), das ist die nigerianische Behörde gegen Schlepperei und Menschenhandel. Da wir die DVD in ganz Nigeria verbreiten wollen, benötigen wir finanzielle Mittel. Es soll auch eine Chat -Plattform im Internet geben, wo sich nigerianische und österreichische Schüler bezüglich dieser ganzen Thematik austauschen können. 

 

Wie wird das Thema Aids von nigerianischen Frauen wahrgenommen?

Es gibt eine erschreckende Statistik über die Anzahl der nigerianischen Frauen, die am Strich arbeiten und mit HIV infiziert sind.  Eine große Schwierigkeit ist, dass sich die Frauen nicht auf AIDS ansprechen lassen. Sie denken mit Voodoo die Krankheit heilen zu können. Der Informationsstand ist sehr unterschiedlich. In demselben Land können die Menschen in der Stadt bestens bescheid wissen und die Leute am Land denken, dass AIDS ein Dämon ist, weil es Voodoo Priester erzählt haben. Wir arbeiten deshalb mit der Aids-Hilfe zusammen und versuchen so an die afrikanischen Communities heranzukommen. Vorurteile müssen auch auf der österreichischen Seite bereinigt werden. Nicht alle schwarzen Leute haben Aids, es gibt auch weiße Menschen, denn Aids sucht sich ihre Opfer nicht nach der Hautfarbe aus. Es ist wirklich schade, wie viele Mädchen gesund nach Österreich kommen und infiziert wieder weg gehen, Diejenigen, die großen Städten kommen, landen nicht auf dem Strich. Sie sind verheiratet mit Österreichern oder Afrikanern, oder wollen studieren usw. Die Frauen aus ländlichen Gegenden werden meistens zu Opfern. 

 

 

Was genau ist Voodoo?

Bei uns heißt es „Juju“. Und war ursprünglich ein Heilmittel und hat sich zu einem Glauben an Hexerei gewandelt. Die Mädchen werden vor ihrer Reise nach Europa gezwungen, Schwüre aufzusagen usw. – es ist eine Art Gehirnwäsche. Und das gilt dann als Vertrag. Die Mädchen haben Angst und glauben das aufgrund ihrer Erziehung. Das ist vergleichbar mit sehr katholischen Menschen in Europa, die auch alles was die Religion oder der Papst sagen, glauben. Die Mädchen zahlen also lieber und kaufen ihre Freiheit. Es braucht auf beiden Seiten sehr viel Sensibilisierung. Von der österreichischen Seite sollte man ein paar Erfolgsgeschichten vorweisen können, die zeigen, dass es etwas bringt, sich zu wehren. Dass man selbst und die Familie daheim unterstützt und geschützt wird. Dann könnte man sagen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Zudem müssen die Afrikanerinnen, die am Strich arbeiten und die afrikanischen Eltern aufgeklärt werden. Darüber, dass das Vorgehen der Schlepper Sklaverei ist. Am Anfang habe ich geglaubt, dass die Eltern nichts wissen, weil keine Eltern sich das für ihr Kind wünschen. Durch Recherchen habe ich aber herausgefunden, dass Mütter das sogar unterstützen, denn sie glauben, dass sie dem Schlepper etwas schuldig sind, weil er ihrem Kind geholfen hat. Die Eltern kennen die Realität in Europa nicht. Wie die Frauen die ganze Nacht im Prater stehen müssen und mit unzähligen Männern schlafen müssen. Das haben sie noch nicht gehört. Und deswegen haben wir diesen Film gemacht.

 

Haben Sie aufgrund ihres Engagements keine Angst? 

Wenn man in meinem Bereich arbeiten möchte, muss man sich von einem Teil der nigerianischen Community fernhalten. Es gibt die, die meine Arbeit befürworten, aber diese Leute verstecken sich lieber und wollen in der Öffentlichkeit nicht mit mir in Verbindung gebracht werden. Sie schicken dann aufbauende E-Mails, aber sie halten Abstand. Meistens sind das Männer. Viele der Frauen sind nicht glücklich über die Arbeit, wobei ich bei einigen schon verstehen kann warum. Sie meinen, dass diese Thematik ein Skandal ist und man es lieber nicht in die Öffentlichkeit bringen soll, weil es dem Ruf schadet. Das Image schwarzer Menschen, egal woher sie kommen, ist bis zu einem gewissen Grad berechtigt, sehr schlecht. Doch das soll ein Aufruf an alle sein, selbst etwas dazu beizutragen, damit es besser wird. Nach der ORF Reportage habe ich Drohanrufe von Nigerianerinnen bekommen. Dass ich ihnen ihr Geschäft wegnehme. 

 

Vielen Dank für das Gespräch. 

Danke. 

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Joanna Adesuwa Reiterer

Verein Exit

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*erschienen zum ersten Mal im Oktober 2007







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