Datum: 04.11.12 21:28
Kategorie: Kids & Jugend-Jugendliteratur

Von: Lisa Ndokwu

„Der letzte Bruder“ von Nathacha Appanah

Die dichte Wolke über der Zuckerfabrik von Mapou ist der Sehnsuchtsort von Raj. Wenn er mit seinen beiden Brüdern zum Fluss geht, um Wasser zu holen, wünscht er sich in die wohlige Atmosphäre dieser Wolke.

Beinahe siebzig Jahre später meint er sich immer noch an den Geruch in Mapou zu erinnern.

Und er erinnert sich an seinen Freund David. 1940, während der kleine Raj mit seinen Brüdern in Mapou träumte, bestieg David in Bratislava eines der letzten Flüchtlingsschiffe Richtung Palästina. David wird seinen Sehnsuchtsort Eretz nie erreichen.

Die auf Mauritius geborene Autorin Nathacha Appanah hat in ihrem vierten Roman „Der letzte Bruder“ ein lange verborgenes Kapitel der Geschichte ihrer Heimat thematisiert.

Die britische Mandatsverwaltung in Palästina entschied gegen Ende des Jahres 1940 keine weiteren Flüchtlinge aufzunehmen, stattdessen wurden sie für die Dauer des Krieges in eine Kolonie gebracht. 1500 Juden landeten im Dezember 1940 auf Mauritius und wurden bis zum Ende des Krieges im Gefängnis von Port Beau interniert. Dem Grauen und dem Tod in Europa entkommen, fanden sich diese Menschen wieder in Gefangenschaft.

Historische Fakten, Berichte von Überlebenden und die Idee der Autorin, ein Buch über Freundschaft zu schreiben, bilden den Ausgangspunkt dieses außergewöhnlichen Romans.

Raj verliert seine Brüder bei einer Naturkatastrophe in Mapou. Dieser Verlust lastet auf der Familie, die in Port Beau ein neues Leben beginnen will. Sein Vater findet Arbeit im Gefängnis. Dessen Trunksucht und Gewalttätigkeit bringen Raj in das Gefängnishospital. David wurde in Prag geboren, er ist zehn Jahre, als er in Mauritius eintrifft. Er ist einer der vielen Kinder, die sich allein auf der Flucht befinden, seine Eltern sind von den Nationalsozialisten ermordet worden.

Der eine wie der andere erkennt im jeweils anderen den Verlust von geliebten Menschen, und über die Grenzen der Sprache hinweg, entsteht in nur wenigen Tagen eine Freundschaft, die auf der Sehnsucht nach einem Bruder basiert.  

Die eng verwobenen Handlungsstränge, die sich aus dem erworbenen historischen Wissen des siebzigjährigen Raj und seinen Rückblenden auf seine Kindheit zusammensetzen, holen eine verschwiegene Welt in das Bewusstsein zurück.

Nathacha Appanah ist eine große Erzählerin, die um die Macht der Poesie weiß. Souverän wechselt sie zwischen den Erzählperspektiven und als Lesende ist man versucht, diese Fiktion als Wahrheit zu rezipieren. Und wie bei allen großen Erzählenden finden sich tatsächliche Ereignisse gut verwoben mit denen, die aus der Phantasie entstehen.

Ein Zyklon hat im Februar 1945 große Teile von Port Beau verwüstet, auch das Gefängnis.

David gelingt die Flucht und seine letzte große Reise macht er mit Raj. Am Ende dieser Reise ist David tot und Raj hat Kinderlähmung. Sechzig Jahre später wird Raj am Jüdischen Friedhof von Saint Martin um seinen Freund weinen und die Geschichte seinem Sohn erzählen.

 

Nathacha Appanah, Der letzte Bruder, Unionsverlag 2012, ISBN 978-3-293-20583-6. www.unionsverlag.com

  







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