Datum: 10.06.18 13:29
Kategorie: Kids & Jugend-Jugendliteratur

Von: Lisa Ndokwu

Ein anderes Brooklyn. Roman von Jaqueline Woodson

Im Sommer 1973 zieht ein Mann mit seinen beiden Kindern von Tennessee nach New York. Während er zur Arbeit geht, sitzen die beiden am Fenster. Die Wohnung liegt in Brooklyn. Das Treiben auf den Straßen gleicht dem, was sich die Geschwister unter abenteuerlichen Ferien vorstellen. Regelmäßig beobachten sie drei Mädchen, die offenbar beste Freundinnen sind. Die achtjährige August ist beseelt von dem Wunsch, mit diesen drei Mädchen die Straße entlang zu schlendern, Eis zu essen und Aufmerksamkeit zu erregen. 

Jacqueline Woodson hat mit „Ein anderes Brooklyn“ eine poetische und berührende Geschichte über das Heranwachsen von afroamerikanischen Mädchen geschrieben. Die Adoleszenz mit all ihren Begleiterscheinungen ist das große Thema dieser vielfach ausgezeichneten Autorin. Sie schreibe über „widerständige, junge Menschen, die um einen Platz im Leben kämpfen“ heißt es in der Begründung zur Verleihung des „Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preises 2018“. 

Ihre Virtuosität liegt in der Beschreibung der Menschen, die nicht unbedingt die bevorzugten Protagonisten in der Kinder- und Jugendliteratur sind. Nichtweiße, Gestrandete, Menschen, die am Rand stehen und dennoch ihre Vorstellung von einem guten Leben zu verwirklichen versuchen. Nicht umsonst charakterisiert Jaqueline Woodson ihre Figuren Silvia, Angela, Gigi und August als „verloren, schön und hungrig.“

August ist ausgebildete Anthropologin, als ihr Vater stirbt und sie nach Hause zurückkehrt. In der U-Bahn begegnet ihr Silvia. Ihre Freundschaft schien unzertrennlich und dennoch haben sich die beiden aus den Augen verloren. „Ein anderes Brooklyn“ ist eine Erinnerung an eine Kindheit und Jugend, die von inniger Freundschaft, Armut, Verrat und hochtrabenden Träumen geprägt war. Die Vergänglichkeit des Lebens, Übergriffe und Gewalt sind nur durch uneingeschränkte Solidarität und Liebe zu ertragen.

Es dauert mehr als eine U-Bahnfahrt, um das Vertraute zu erinnern und Verbündete zu benennen. Zauberer, böse und gute Feen, Zwerge und Riesen bevölkern die Erinnerung von August. „Ein anderes Brooklyn“ lässt sich auch als modernes Epos interpretieren. Die Poesie entsteht aus dem Wechsel der Perspektiven der Freundinnen. Langsam entsteht ein Ganzes und August kann mit Verständnis und Liebe zum ersten Satz des Buches zurückkehren: „Meine Mutter war lange nicht tot.“

Das tonangebende Stilmittel bleibt im Verborgenen. Zwischen den Zeilen singt Nina Simone. Sie werden sie hören, wenn sie dieses Buch lesen.

Ein anderes Brooklyn. Roman von Jaqueline Woodson. Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit. Piper Verlag 2018, ISBN: 978-3-492-ß5865-0







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