Datum: 10.12.07 18:50
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Univ. Ass. Chibueze Udeani

Leopold Sedar Senghor wäre 100 gewesen

Dr. Chibueze Udeani

Zum 100. Geburtstag von Leopold Sedar Senghor, einem der einflussreichsten Dichter, Schriftsteller sowie Politiker Afrikas des 20. Jahrhunderts bat der Qualitätssender des Österreischischen Rundfunks Ö1 Dr. Chibueze Udeani, Theologe an der Universität Salzburg um einen Beitrag zur Erinnerung. Von 9.10. bis 14.10. 2006 sprach Dr. Udeani (Bild) in der Sendung "Gedanken für den Tag" täglich über Leopold Sedar Senghor und seine Werke. Lesen Sie hier alle Texte.

 

Zum 100. Geburtstag von Leopold Sedar Senghor, einem der einflussreichsten Dichter, Schriftsteller sowie Politiker Afrikas des 20. Jahrhunderts bat der Qualitätssender des Österreischischen Rundfunks Ö1 Dr. Chibueze Udeani, Theologe an der Universität Salzburg um einen Beitrag zur Erinnerung. Von 9.10. bis 14.10. 2006 sprach Dr. Udeani (Bild) in der Sendung "Gedanken für den Tag" täglich über Leopold Sedar Senghor und seine Werke. Lesen Sie hier alle Texte.

 

Montag 9.10.2006 - ORF Ö1, 6h57-7h00

 

Geburt und Herkunft

 

"Ein Mann zwischen Welten und Zeiten" - Zum 100. Geburtstag von Léopold Sédar Senghor

 

Von Chibueze Udeani, Universitätsassistent am Zentrum für Theologie Interkulturell und Studium der Religionen in Salzburg

 

Er war ein Wegbereiter. Er widmete sich der Wiederentdeckung und Stärkung der afrikanischen Identität. Der europäische Kolonialismus und die christliche Missionierung brachten das über Generationen gewachsene und tradierte Selbstverständnis der Völker Afrikas ins Wanken. Unter seinem Mitwirken erstarkte die Bewegung der „Négritude“, um die kulturellen Werte der Schwarzen Welt ans Licht zu heben. Die Rede ist von Léopold Sédar Senghor.

 

 Senghor wurde heute vor 100 Jahren am 9. Oktober 1906 in Joal, einem kleinen Fischerdorf bei Dakar/Senegal in Westafrika geboren. Sein Vater, ein wohlhabender Händler, war von nobler Herkunft. Seine Mutter stammte aus einem Nomadenvolk. Senghor kommentierte diesen Umstand später mit den Worten: „Ich wuchs im Herzen Afrikas, an einer Schnittstelle der Kasten, Rassen und Wege auf.“ Mit 12 Jahren besuchte er eine katholische Missionsschule.

 

1922 trat er in Dakar in ein Priesterseminar ein. Als er an einer Demonstration gegen Rassismus teilnahm, wurde er des Seminars verwiesen. Nach der Matura gewann er ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in Frankreich.

 

 Senghor studierte in Paris an der renommierten Hochschule „École Normale Supérieure“ zeitgenössische Literatur und die verschiedenen politischen Strömungen der französischen Politik zwischen den beiden Weltkriegen. Er war mit seinem Studienkollegen Georges Pompidou, dem späteren französischen Präsidenten, befreundet. Während des zweiten Weltkriegs lehrte Senghor in Tours und Paris an öffentlichen Schulen Literatur bis er in die französische Armee einberufen wurde.

 

 Die Erfahrungen in seinem Heimatland Senegal wie auch in seiner zweiten Heimat Frankreich prägten Senghors Weltverständnis. Sie schärften seinen Blick für die Situation der Schwarzen in der ganzen Gesellschaft seiner Zeit. Er forderte die Anerkennung des kulturellen Erbes, auf das er als Afrikaner selbst zurückgreifen durfte.(9.10.2006)

 

Dienstag 10.06.2005, ORF Ö1, 6h57-7h00

 

Afrika zu seiner Zeit

 

 Der senegalesische Philosoph, Dichter, Kulturtheoretiker und Staatsmann Léopold Sédar Senghor war ein Kind seiner Zeit. 1906 geboren und in der Nähe von Dakar aufgewachsen, wurde er auf Schritt und Tritt mit den Auswirkungen des Kolonialismus und der christlichen Missionierungen konfrontiert.

 

 Die Völker Afrikas waren auf mehreren Ebenen fremdbestimmt. Anlässlich von Bismarcks Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 wurde der schwarze Kontinent mit dem Lineal unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt. Seither bestimmten die Großmächte in London, Paris, Madrid usw. auf politischer Ebene die Geschicke der Afrikaner und Afrikanerinnen. Außer Liberia und Äthiopien stand ganz Afrika unter europäischer Herrschaft. Die eurozentristische Zivilisation wurde auf den afrikanischen Kontinent exportiert: Schule, Technik, Wirtschaft u. ä. Die einheimischen Sprachen wurden in einigen Ländern zwar noch geduldet. Als offizielle Staatssprachen wurden jedoch jene der Kolonialherren ausgerufen, an den Schulen gelehrt und gelernt. Übereifrige Missionare verurteilten die traditionellen afrikanischen Religionen ohne nähere Auseinandersetzung als heidnisch. Religiöse Kultgegenstände wurden vernichtet oder als Trophäen in europäische Museen – zum Teil in die Stammhäuser der Missionsorden – verschleppt.

 

 Die Expansionsbestrebungen der europäischen Mächte bedrohten und schwächten insbesondere die Identität der afrikanischen Völker. Senghor kannte beide Welten: die afrikanische und die europäische. Er suchte Zeit seines Lebens nach einem vermittelnden Weg zwischen diesen beiden Welten. Als Mitstreiter der „Négritude“ kämpfte er für die gleichwertige Anerkennung der afrikanischen Identität samt ihren Gesellschaftsformen und Werten.

 

Mittwoch 11.06.2005, ORF Ö1, 6h57-7h00

 

Die „Négritude“

 

 Léopold Sédar Senghor stammte aus dem französisch kolonialisierten Senegal. In den 30er Jahren hielt er sich für sein Studium in Paris auf. Nach seinem Abschluss wurde er Professor für klassische Philologie. Er erhielt die französische Staatsbürgerschaft und wurde 1934 sogar Abgeordneter der französischen Nationalversammlung. Er erlebte hier die europäische Zwischenkriegszeit und damit eine Gesellschaft, die sich im Umbruch befand.

 

Gemeinsam mit vielen schwarzen Studenten und anderen Intellektuellen aus Afrika, Nordamerika und der Karibik suchte er nach seinen kulturellen Wurzeln. In diesem Zirkel definierten sich die jungen Männer und Frauen in der Opposition zur kolonialen Herrschaft ihrer Heimatländer. 1931 fand in Paris die Weltausstellung statt. Der imperialen Überheblichkeit Europas wurde ein Denkmal gesetzt und gleichzeitig das Afrikanische bzw. Schwarze nicht nur als andersartig sondern minderwertig dargestellt. 1932 traf Senghor den Philosophen und Dichter Aimé Césaire aus Martinique. Sie gründeten miteinander die Zeitung „L’Étudiant noir“ (Der schwarze Student) und kurz darauf die intellektuelle Bewegung der „Négritude“. Ihr Ziel war es, aus der gemeinsamen Erfahrung rassistischer Diskriminierung eine neue schwarze Identität zu formulieren. Sie kämpfte für die Selbstbestimmung Afrikas und die Rückbesinnung der Schwarzen auf ihre „Négritude“ d.h. Afrikanität. Für Senghor wurde diese Bewegung zu einer Philosophie und politischen Ideologie.

 

 Trotz dieser deutlichen Wende hin zu seinen afrikanischen Wurzeln erhielt sich Senghor doch seine Liebe zur französischen Kultur. Von seinen Kritikern wurde er daher als „schwarzer Franzose“ tituliert und als frankophil entlarvt. Er blieb sein Leben lang zwischen diesen beiden Welten hin- und hergerissen. Als westlich gebildeter Afrikaner seiner Zeit verkörperte er in besonderer Weise die Identitätskrise der afrikanischen Gesellschaften. 

 

Donnerstag 12.10.2006. ORF Ö1, 6h57-7h00

 

Der Philosoph und Dichter

 

 Léopold Sédar Senghor wurde 1906 in Senegal geboren. Er war der bekannteste Repräsentant der Bewegung der „Négritude“. Die Fremdbestimmung Afrikas durch den kolonialen Imperialismus hatte tiefe Spuren im Selbstverständnis und der Identität der Afrikaner und Afrikanerinnen hinterlassen. Die u. a. von Senghor begründete „Négritude“ wurde zum Inbegriff des Widerstands gegen europäische Hegemonie und weißen Rassismus. Sie kämpfte dafür, dass die schwarze Rasse trotz ihrer Andersartigkeit gegenüber der weißen Rasse als ebenbürtig anerkannt werde. Die „Gesamtheit der Werte der schwarzen Zivilisation“ sollten wieder ins Bewusstsein gehoben und den Afrikanern und Afrikanerinnen als selbstbewusste Leitlinien vor Augen geführt werden. Der bisher abwertend gebrauchte Begriff „Neger“ wird zum stolzen Ausdruck der eigenen Identität.

 

 Die „Négritude“ beschränkte sich hinsichtlich ihrer Adressaten nicht nur auf den afrikanischen Kontinent, sondern umfasste darüber hinaus die gesamte schwarze Diaspora bis nach Amerika. Für Senghor ist die „Négritude“ eine Grundhaltung und Übereinstimmung mit den eigenen kulturellen Wurzeln. Sie wirke von innen nach außen und sei unabhängig davon, wo man sich gerade aufhalte. Demgegenüber hatte der Panafrikanismus das Ziel, alle Schwarzen auf den afrikanischen Kontinent zurückzuziehen und hier wieder zu vereinen. Obwohl Senghor in Konflikt mit den Vertretern des Panafrikanismus stand, einte ihn mit diesen die Überzeugung, dass das schwarze Afrika die Wiege der Weltzivilisation sei.

 

 Senghor verfasste zahlreiche Gedichte, in denen er mit der Vergangenheit und Gegenwart Afrikas konfrontierte. In dem Gedicht „La femme noire“ (Die schwarze Frau) – beschreibt er eine Afrikanerin und überträgt diese Darstellung auf die schwarze Rasse insgesamt. 1968 erhielt er – neben zahlreichen anderen Preisen – nicht ganz unumstritten den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

 

Freitag 13.10.2006, ORF Ö1, 6h57-7h00

 

Der Politiker und Staatsmann: Senegal

 

 Bereits als junger Student in Paris interessierte sich der senegalesische Philosoph und Dichter Léopold Sédar Senghor für Politik. In seinem Freundeskreis bewegten sich zahlreiche einflussreiche Männer, die in den Nachkriegsjahren in Europa hohe politische Ämter einnahmen. Dazu zählten neben Georges Pompidou auch Willi Brandt und Francois Mitterand.

 

 Senghor erreichte wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg seinen politischen Höhepunkt. 1945/46 wurde er als Vertreter von Senegal in die französische Nationalversammlung gewählt und versah dort für 10 Jahre sein Amt. 1960 wurde er zum Präsidenten des Nationalrats der neuen und selbständigen Republik Mali ernannt. Zum Staat Mali gehörten damals das heutige Mali und Senegal. Als diese Förderation Monate später zerbrach, wurde Senghor zum ersten Präsidenten von Senegal gewählt.

 

 20 Jahre lang lenkte er die Geschicke seines Landes. Dieses Unterfangen gestaltete sich als recht schwierig. Als überzeugter Christ aus der Volksgruppe der Serer sah er sich einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung von der Volksgruppe der Wolof gegenüber. Seine einende Philosophie der „Négritude“ im Sinne einer gemeinsamen Afrikanität half ihm dabei, diese gravierenden Unterschiede zu überbrücken. Senghor gelang es, sein Land wirtschaftlich und politisch zu stabilisieren. Wie alle Zeitgenossen, denen von den ehemaligen Kolonialherren die Macht übertragen wurde, regierte Senghor leider autoritär. Er trug wenig dazu bei, die Demokratie in Senegal auf stabile Füße zu stellen. 1980 übergab er ohne gewaltsamen Bruch sein Amt an seinen Nachfolger.

 

Samstag 14.10.2006, ORF Ö1 6h57-7hoo

 

Senghors Erbe

 

 Der senegalesische Philosoph, Dichter und Staatsmann Léopold Sédar Senghor starb am 20. Dezember 2001 im Alter von 95 Jahren in Paris. Er lebte dort mit seiner zweiten französischen Frau. Sein Erbe ist ambivalent. Diese Zweideutigkeit nährt sich vor allem daraus, dass er Afrikaner und Franzose zugleich war. In seinem Engagement für die „Négritude“ war er sich seiner traditionell-schwarzen Wurzeln zutiefst bewusst und gab ihnen den Vorzug. Von Seiten der Europäer wurde ihm viel Anerkennung entgegengebracht. Er erhielt zahlreiche Preise für seine Dichtung und war ein angesehenes Mitglied namhafter Verbindungen. 1975 wurde ihm der Ehrensenat der Universität Wien verliehen. Aus europäischer Perspektive vermittelte Senghor ein angepasstes und relativ bekömmliches Bild des Afrikaners.

 

 Für die Afrikaner und Afrikanerinnen hingegen waren viele seiner Positionen zu unterwürfig und frankophil, zu wenig radikal und zu angepasst an die kolonialen Vorherrschaftsdenkmuster. Das Ansinnen Senghors, eine eigenständige und gleichwertige afrikanische Denkwelt vorzustellen ist nachvollziehbar. Seine Argumentation neigte jedoch dazu, ethnozentristische und abwertende Vorbehalte gegenüber der afrikanischen Kultur und Denkwelt zu stützen. Er trat diesen nicht entgegen, sondern wich stattdessen bei der Betonung des ureigenen Afrikanischen auf den Bereich des Sinnlichen und Emotionalen aus. Indem er Sinnlichkeit und Emotionalität als Eigentümlichkeit der Afrikaner und der Afrikanerinnen festschrieb, machte er denselben Fehler wie seine europäischen Widersacher, die sich im alleinigen Besitz der Rationalität wähnten.

 

Senghor nahm in der Vermittlung zwischen einzelnen Kulturen und Völkern eine wichtige Rolle ein. An seiner Person und seinem Werk wird der Weg zur Selbstbestimmung der ehemaligen Kolonien Afrikas mit all seinen historischen und soziologischen Hintergründen besonders deutlich sichtbar.

 







Kommentare

Keine Einträge

Kommentarformular

öster News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz
08. Februar
2012mehr
Mittwoch

Suchen & Finden



Letzte Kommentare

Keine Einträge

designed and implemented by BILCOM