Kategorie: Kultur-Literatur

Paul Parin
Acht Reisen führten den Psychoanalytiker Paul Parin in den Jahren 1954 – 1977 auf den afrikanichen Kontinent.
In diesem historischen Zeitrahmen, in der afrikanische Nationen die Unabhängigkeit von den Kolonialmächten erreichten, ist die Sammlung von Reiseerzählungen angesiedelt.
Parin bewegt sich in mehrfacher Hinsicht zwischen den Welten. Einerseits beschreibt er seine Abscheu vor den britischen als auch den französischen Kolonialbeamten, andererseits wurden er und seine Reisebegleiter (er reiste mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar) in diesen Haushalten zum Tee empfangen und von „Bediensteten“ bedient. In larmoyantem Tonfall wird die Leserschaft mit der zweifelhaften Gedankenwelt der Kolonialbeamten konfrontiert. Auch die von Paul Parin durchaus glaubhaft beschriebenen Gewissenskonflikte, die den Begründer der Ethnopsychoanalyse plagten, machen die Zitate nicht schmeichelhafter. So betrachtet, bietet dieses Buch vor allem Einblick in die hinlänglich bekannte, eurozentrische Sichtweise auf den Kontinent und seine Bewohner. Allerdings ist die Schilderung der sozialen und ökonomischen Abhängigkeiten von ethnischen Gruppen eine schlüssige Analyse der sozialen Milieus der 1950iger und -60iger Jahre.
Für jeden Psychoanalytiker ist allein der gewählte Titel „Zu viele Teufel im Land“ ein aufschlussreiches Dokument für das Erinnern an sich. In der gleichnamigen Erzählung versucht Parin die Umstände des Todes eines polnischen Arztes in Äthiopien zu rekonstruieren. An welche Begebenheiten und Menschen erinnern wir uns wie - und mit wem teilen wir diese Erinnerungen. Der Autor lässt die Lesenden teilhaben an grandiosen und unheimlichen Landschaften, an Begegnungen mit linkischen und aufrichtigen Menschen. In all diesen Beschreibungen offenbart sich die Diskrepanz im Umgang mit dem Fremden.
Signifikant wird diese Diskrepanz durch die oftmalige Verwendung des N-Wortes. Die Lektüre wird durch dieses herabwürdigende Wort zu einer beklemmenden Angelegenheit.
Im Vorwort berichtet Parin, dass er alle Erzählungen in den 1980iger Jahren aus dem Gedächtnis verfasst hat. Erstmals erschienen ist das Buch dann auch im Jahr 1985. Weshalb dem Drava Verlag in der diesjährigen Neuauflage entgangen ist, dass es eine breite Diskussion über diskriminierenden Sprachgebrauch und deren Auswirkungen gibt, bleibt rätselhaft.
Paul Parin, Zu viele Teufel im Land, Aufzeichnungen eines Afrikareisenden, Drava Verlag 2008, 240 Seiten, EUR 23,00 /CHF 41,50; ISBN 978-3-85435-269-3



