Kategorie: Kultur-Literatur

Corinna Milborn ist Journalistin beim Österreichischen Wochenmagazin Format und frühere Chefredakteurin der Menschenrechtszeitschrift LIGA. Seit Jahren setzt sie sich mit den Themen Migration, Globalisierung, Integration und Menschenrechte ausseinander. Ihr letztes Buch "GESTÜRMTE FESTUNG EUROPA. Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto. DAS SCHWARZBUCH" ist ein gut recherchiertes Buch. Das Buch kritisiert Europas Verrat an seinen eigenen Grundwerten. Ein Emailinterview von Afrikanet.info.
Afrikanet.info: Welche Motivationen haben Sie gehabt um über dieses Buch recherchieren zu können und wie sind Sie zu dieser Idee gekommen?
Europas Umgang mit Migration ist das wichtigste Thema der kommenden Jahre – es ist entscheidend für unser aller Zukunft. Nicht nur, weil wir einfach Einwanderung brauchen. Sondern vor allem, weil Europas Werte – Gleichheit, Freiheit, Solidarität – derzeit im Umgang mit Migranten mit Füßen getreten werden. Wir haben eine echte Zwei-Klassen-Gesellschaft: Ein Teil, die "eingeborenen" Europäer, haben alle Rechte. Der andere – die Eingewanderten und ihre Nachkommen – werden davon ausgeschlossen. Und darunter ein Sub-Proletariat aus illegalisierten Arbeitskräften. Diese Situation ist, finde ich, ebenso schlimm wie vor den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts. Europa verliert alle Glaubwürdigkeit, wenn das so weitergeht. Und nach den vielen Interviews habe ich das Gefühl, die Situation ist sehr ernst und auch explosiv.
Solidarische Menschen haben nun jahrelang über die Probleme, die mit Migration einhergehen, geschwiegen – man hat das Thema der Rechten überlassen. Ich glaube, das war der falsche Weg, und es ist höchste Zeit die Probleme anzusprechen. Als ich vor zwei Jahren begann, mit UN-Sonderbotschafterin Waris Dirie das Buch "Schmerzenskinder" über Genitalverstümmelung in Eurpa zu recherchieren, dachte ich noch: Ich helfe mit, aber ich bin nicht befugt, mich darüber zu äußern. Erst mit den vielen Treffen mit den betroffenen Frauen und Mädchen habe ich bemerkt, wie rassistisch das eigentlich ist: Würde das einem weißen Mädchen passieren, gäbe es einen Aufschrei – bei einem schwarzen Mädchen hingegen will man sich nicht einmischen. Wir lassen Millionen Betroffene allein, wenn wir diese Themen nicht gemeinsam angehen. ich mache mir sicher nicht nur Freunde mit diesem Ansatz. Aber es ist höchste Zeit, über die Probleme offen zu sprechen, die sich Europa mit seiner verfehlten Integrations- und Einwanderungspolitik geschaffen hat und weiter schafft.
Afrikanet.info: Sie sind viel gereist und mussten sich sogar verkleiden um zu bestimmte Informationen kommen zu können. Wie war die Arbeit für Sie als Frau? Wie wurden Sie akzeptiert?
Ich habe mich eigentlich nie verkleidet – ein Kopftuch und einen langen Rock anzuziehen, wenn man einen Imam interviewt, ist eine Frage des Respekts vor der Moschee. Und als ich in Marokko von Flüchtlingen eine Djellabah (lockeres, bodenlanges Kleid, von Männern wie von Frauen getragen in Nordafrika) geschenkt bekam, habe ich die natürlich getragen. Aber ich bin immer sehr offen an die Menschen herangetreten und habe ihnen erklärt, was ich machen will – und warum. Ich bin vor durchwegs allen Plätzen und Menschen, die ich besucht, habe, eindringlich gewarnt worden: Jedesmal habe ich gehört "Geh dort ja nicht hin! das ist viel zu gefährlich!" Ich war sehr viel alleine unterwegs, weil es so einfacher ist, Kontakt aufzubauen – da ist man natürlich schutzlos, und es gab viele Situationen, die brenzlig waren. Aber da ich mir immer viel Zeit genommen habe konnte ich Vertrauen aufbauen, und bin im Endeffekt sehr gut aufgenommen worden. Sei es in den Lagern der illegalen Grenzgänger, sei es in den Banlieues in Paris. Ich habe Freunde gefunden, die mich jetzt regelmäßig anrufen, mir berichten,wer es über die Grenze geschafft hat, wer verhaftet wurde, wie der Stand der Dinge in den Banlieues in Frankreich ist. Ich habe auch einige Drohungen bekommen, die ich durchaus ernst nehme – aber von so etwas darf man sich nicht abhalten lassen, wenn man so ein Thema recherchiert.
Afrikanet.info: Sie haben Kontakte mit den Behörden, Schleppern, und potentiellen MigrantInnen gehabt. Was haben Sie im Laufe Ihrer Recherche am meisten geärgert oder frustriert? Und was worüber haben Sie sich gefreut?
Am frustrierendsten war der Kontakt mit den Behörden. In Marokko etwa ist mir die Geheimpolizei kaum von den Fersen gewichen, was die Recherche schwierig gemacht hat – es ist eben nicht sehr einleuchtend zu behaupten, man gehe im Grenzgebiet nur spazieren. Und Journalisten wollen sie dort nicht haben. Was mich aber viel betroffener gemacht hat war der ständige Umgang mit Menschen, die im Nichts schweben – diesem Elend, dieser Vergeudung von Lebenszeit, die totale Ausbeutung, gegen die man als "Illegaler" nichts unternehmen kann, die Perspektivenlosigkeit der zweiten und dritten Generation. Ich hatte Tage, da kam ich in der Früh kaum aus dem Bett, weil ich mir dachte: Ich ertrage keine traurige Geschichte mehr. Aber die Begegnungen mit all diesen Menschen waren dann – nach den anfänglichen Schwierigkeiten – so herzlich, dass ich sehr viel mehr mitgenommen habe als ich an Energie dort lassen musste.
Afrikanet.info: Ein interessanter Teil des Buches setzt sich mit den Medien ausseinander. Viele journalisten meiden Kontakten mit diesen "Migranten" die oft als gefährlich eingestufft werden. Wie erklären Sie dieses Phänomen und welche Rolle konnten Medien spielen um die Situation verändern zu können?
Mir war vor der Recherche nicht bewusst, wie tief der Graben ist, der sich durch die europäischen Gesellschaft zieht. Aber es ist eine Tatsache: Kaum jemand spricht mit den Betroffenen. Am deutlichsten ist mir das in Paris aufgefallen, wo ich Journalisten getroffen habe, die noch nie in den Vorstädten ihrer eigenen Stadt waren – über Aufstände dort zu berichten wird etwa so gehandhabt wie der Afghanistan-Krieg. Als wären die Vorstädte im Ausland. Denselben Mechanismus finden wir allerdings in ganz Europa. Medien wenden sich außerdem gerne an Organisationen, die allerdings eine Filterfunktion ausüben und auch eigene Interessen haben. Ich denke, viel mehr Journalisten müssen sich intensiv mit den Betroffenen auseinandersetzen – und nicht nur die üblichen zwei, drei Zitate auf der Straße aufsammeln. Es gibt schon einige sehr gute Beispiele, etwa das Buch "Bienvenue en France", für das Anne de Loisy sechs Monate undercover am Flughafen Charles de Gaulle recherchiert hat. Migration ist DAS Thema dieser Tage, in diesem Bereich finden die Menschenrechtsverletzungen statt, und Europa ist in Nordafrika und im Mittelmeer für einen langsamen Massenmord an Flüchtlingen verantwortlich. Es ist höchste Zeit, das auch anzusprechen und zu recherchieren. Es geht uns sehr viel an.
Afrikanet.info: Multikulturalismus, Assimilation, Integration....sind alle gescheitert, schreiben Sie. Auch die sogenannte Entwicklungshilfe ist gescheitert. Sie sehen Rassismus als Hauptgrund warum in der EU MigrantInnen nicht akzeptiert werden. In welcher Richtung wollen Sie die Diskussion über dieses Thema kanalisieren?
Ich denke als erstes muss man überhaupt einmal die Diskussion in Gang bringen. Wenn mir jemand sagt, die Integrationspolitik sei gescheitert, frage ich mich immer – welche Integrationspolitik denn? Hat sie denn überhaupt schon begonnen? Oder das französische republikanische Modell: Ein schöner Gedanke – der in der Praxis am totalen Rassismus der Gesellschaft scheitert. Auch die europäische Spielart des Multikulturalismus ist nicht viel mehr als ein achselzuckendes Wegsehen. Und die europäische Entwicklungshilfe ist gerade in Afrika eindeutig kolonialgeprägt und schafft mehr Probleme, als sie löst – besonders in Kombination mit der Handels- und Wirtschaftspolitik und dem Umgang mit Diktatoren und korrupten Regimes. Man muss all diese Dinge auf den Tisch legen und klar sehen: Europas Wohlstand baut auf der Einwanderung auf, und schafft in den Herkunftsländer Gründe, auszuwandern. Damit muss man umgehen lernen. Derzeit werden stattdessen die Grenzen geschlossen, Menschen in ein Schattendasein gedrängt, Probleme verschwiegen oder parteipolitisch genützt.
Ich habe kein Patentrezept, wie mit den viele Problemen umzugehen ist, vor denen wir stehen. Aber einen Grundsatz: Alle Menschen sind gleich und frei, dun die europäische Gesellschaft ist eine solidarische. Wenn diese zutiefst europäische Grundsätze eingehalten würde, wäre vieles besser.
Wir brauchen als erstes einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel: Europa ist ein Einwanderungskontinent – schon seit 50 Jahren. Europa muss sich dem stellen. Niemand hat gesagt, dass es leicht und billig ist. Aber es ist notwendig, wenn man die totale Spaltung der Gesellschaft vermeiden will.
Afrikanet.info: Danke fürs Antworten.
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erschienen auf Afrikanet.info am 30. April 2006. Dieses Interview hat an Aktualität nichts verloren
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