Datum: 12.01.09 10:32
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: NZZ - Sieglinde Geisel

Wilfried N'Sondé und das Identitätsproblem von Afro-Europäern

afrik.com

Weder Afrikaner noch Franzose, noch Deutscher

Die französischen Banlieues sind Unruheherde. Mit dem Schicksal eines Jugendlichen aus einer Pariser Vorstadt beschäftigt sich der Sozialarbeiter Wilfried N'Sondé in seinem ersten Roman.

«Wir leben in einer wunderbaren Zeit», sagt Wilfried N'Sondé. Er wurde 1968 in Kongo-Brazzaville geboren, kam mit fünf Jahren nach Frankreich und lebt seit siebzehn Jahren in Berlin. «Wir sind die erste Generation, für die die Gleichberechtigung aller Menschen eine Selbstverständlichkeit geworden ist.» Illusionen allerdings macht sich N'Sondé keine: «Gemessen an der Geschichte der Menschheit ist diese Idee kaum eine Sekunde alt, und sie bedeutet für die meisten Menschen eine enorme Herausforderung.» Er war im Winter 1989 nach Berlin gekommen, um den Mauerfall mitzuerleben – und machte eine befreiende Erfahrung: «In Paris sieht man in mir einen Einwanderer aus Afrika. In Berlin war ich auf einmal ein Pariser mit schwarzer Hautfarbe. Das kannte man hier noch nicht – alle wollten meine Geschichte hören. Ein tolles Gefühl, wenn man mit 21 Jahren in eine fremde Stadt kommt und feststellt: Mein Typ ist hier interessant!»

In der Zelle

Wilfried N'Sondé lebt in Charlottenburg als Sozialarbeiter mit seiner Frau und zwei Kindern. Hier hat er auch seinen ersten Roman geschrieben: «Das Herz der Leopardenkinder» spielt in den Pariser Banlieues, wo N'Sondé aufgewachsen ist, und wurde in Frankreich mit dem Grossen Preis der Frankophonie ausgezeichnet. Mit dem Preis ist eine Reise durch die frankophone Welt verbunden, und so kehrte N'Sondé im vergangenen Jahr erstmals wieder nach Afrika zurück. Er habe nur noch verschwommene Erinnerungen an den Ort seiner Herkunft. «Doch in Brazzaville erinnerte sich mein Körper auf einmal wieder an das Klima. In Burkina Faso habe ich nur geschwitzt, aber hier war mir die Hitze vertraut.»


Sein Roman, dessen Übersetzung diesen Herbst auch in Deutschland einige Aufmerksamkeit erregt hat, spielt im Kopf eines Jugendlichen, der in einem trostlosen Pariser Vorort aufwächst. Der Ich-Erzähler sitzt in einer Gefängniszelle und sortiert, benebelt von Alkohol und Drogen, seine Gedanken, Erinnerungen, Gefühle. Warum er verhaftet wurde, weiss er nicht, denn er kann sich an nichts erinnern, und auch wir erfahren erst am Ende des Romans, dass er einen Polizisten ermordet hat. In dem wilden inneren Monolog dieses schwarzen Jugendlichen, ist Afrika durchaus präsent. Ein Ahne erscheint in seiner Phantasie; er macht ihm moralische Vorhaltungen («Dafür bist du nicht nach Frankreich gegangen, mein Sohn!») und erzählt von den Leoparden, mit denen die Geschichte der Menschen in Kongo einst begonnen habe. Von den Afrikanern heisse es, sie seien tagsüber Christen oder Muslime, doch in der Nacht liessen sie die alten Kulte wiederaufleben. «Meine Mutter sieht sich als strenge Katholikin – doch beigebracht hat sie mir etwas anderes», sagt Wilfried N'Sondé lächelnd.


Wilfried N'Sondé hatte keinen Ghetto-Roman schreiben wollen, sondern eine traditionelle, schöne Liebesgeschichte; allerdings vermag gerade die Liebesgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler und der algerischen Jüdin Mireille nicht recht zu überzeugen. Der Häftling durchlebt in seiner Zelle ein vielstimmiges emotionales Wechselbad. Einmal schwärmt er von Mireille, dann erinnert er sich an die Streiche, die er mit seinen Freunden Drissa und Kamel ausgeheckt hat. Immer wieder prangert er die Umstände an, die den schwarzen Jugendlichen im elenden Hochhaus-Viertel jede Perspektive rauben.

Ignoranz der Wohlmeinenden

N'Sondé beschreibt den alltäglichen Rassismus als ein Verhängnis, dem keiner entgeht – hier liegt die grosse Stärke des Buchs. Als Kinder seien sie süss gewesen, heisst es etwa, «mit ihren Löckchen, Streichelbäckchen, Krausköpfchen», von der Verkäuferin bekamen sie Naschwerk geschenkt. «Erst später, mit dreizehn, vierzehn, wurden wir Fremde, Verbrecher, <Integration>, <Immigration>, Illegale, Toleranzschwelle in politischen Programmen», sinniert der Ich-Erzähler und gibt dabei die Schlagwörter so zusammenhangslos wieder, wie er sie erlebt hat. Er berichtet von der Ignoranz der Wohlmeinenden, die hin und wieder eine afrikanische Tunika tragen und im Volkstanzkurs gern auf der Djembe trommeln, und er berichtet von der netten Lehrerin, die seinen Freund Drissa mit der Frage nach seiner Heimat in Verlegenheit stürzte, denn Drissa konnte von Afrika nur das erzählen, was er im Fernsehen gesehen hatte. «Wie ist man richtig schwarz? Was macht den Weissen aus?» An solchen Fragen zerbricht Drissa; er wird seelisch krank und landet in der Psychiatrie. Der gewalttätige Kamel wiederum wendet sich den Islamisten zu. Die Identität des Ich-Erzählers hängt ganz an seiner Liebe zu Mireille – als sie das Ghetto und damit auch ihn verlässt, dreht er durch.


Bei Romanen, die in den Parallelwelten der Einwandererviertel spielen, liegt die Frage nach dem autobiografischen Gehalt nahe. Er erzähle nicht seine eigene Geschichte, antwortet Wilfried N'Sondé, sondern die Geschichte seiner Freunde. «Aber es hätte auch meine Geschichte sein können.» Seine Familie kam 1972 nicht als Flüchtlinge nach Paris, denn sein Vater hatte als Künstler ein Stipendium für ein Studium an der Fachhochschule erhalten. Wilfried N'Sondés erster Vorname lautet Sartre; sein Vater sei als Revolutionär ein grosser Verehrer von Jean-Paul Sartre gewesen, allerdings habe man ihn nie bei diesem Namen gerufen. Sein deutscher Name Wilfried wiederum ging auf den Vorschlag eines Familienfreundes zurück, der in Deutschland studiert hatte und zufällig zu Besuch war, als Wilfried N'Sondé geboren wurde.
Er habe nie zu den Schlägern und Dealern seines Viertels gehört, dazu wäre sein Vater auch viel zu streng gewesen. «Ich war eher ein Streber», sagt N'Sondé, «ich machte Abitur und studierte an der Sorbonne – ich wollte unbedingt raus!» Die Romanfigur, in der am meisten von seiner Person stecke, sei Mireille. Ihr gelingt es, das Ghetto zu verlassen, und im Roman heisst es von ihr: «Sie wollte ein Leben in Farbe und nie mehr zurück in diesen Dreck zwischen Bundesstrasse, Wohnblocks und Supermarkt. Weit weg von dem Grau und den verkommenen, verrotteten, versifften Menschenkäfigen mit der ewigen Spucke und dem Gestank von Pisse im Flur.»


Die Machtlosigkeit des Einzelnen

Die leidenschaftliche Liebesgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler und Mireille sei ein Symbol, meint Wilfried N'Sondé, wie auch der Mord an dem Polizisten, der ohnehin gegen jede Wahrscheinlichkeit verstosse, schliesslich hätte ein betrunkener, bekiffter Jugendlicher im wirklichen Leben kaum eine Chance gegen zwei bewaffnete Polizisten. Der Ich-Erzähler, der von einem besseren Leben träumt, wird zum Mörder, obwohl er kein Verbrecher ist. Und umgekehrt ist der Polizist, den er im Rausch erschlägt, kein Rassist. Im Gegenteil: Bei seinem Kollegen, der ihn auf der verhängnisvollen Streife begleitet, wirbt er noch kurz vor seinem Tod um Verständnis für die wütenden jungen Männer.


«Keiner von beiden wollte, dass es so weit kommt, und doch konnten sie es nicht verhindern», meint N'Sondé. Dieser Mord sei ein Symbol für die Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber der verfahrenen Situation, wie er sie nicht nur in den Banlieues erlebt habe. Die türkischen und arabischen Jugendlichen, mit denen N'Sondé in Berlin als Sozialarbeiter zu tun hat, seien mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Ihn habe das Wort «Integration» immer gestört, meint Wilfried N'Sondé. «Wer soll sich denn in was integrieren? Integration bedeutet, dass die eine Kultur die andere in sich aufnimmt. Doch wenn zwei Kulturen sich begegnen, gehen sie beide ineinander auf. Ich bin heute weder Afrikaner noch Franzose oder Deutscher, sondern alles zusammen.»
 
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Wilfried N'Sondé: Das Herz der Leopardenkinder. Roman. Aus dem Französischen von Brigitte Grosse. Verlag Antje Kunstmann, München 2008. 126 S., Fr. 28.90. 

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Quelle: NZZ Online







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