Datum: 17.03.09 14:02
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Die Wassergöttin - Joanna Adesuwa Reiterer

Buchcover - Die Wassergöttin

„In Reichtum geboren“ 

Am Tag ihrer Geburt gelingt dem Vater ein erfolgreicher Geschäftsabschluss. Er nennt seine Tochter Adesuwa – „in Reichtum geboren“. Adesuwa ist das zweite von vier Kindern und wächst bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr in einer gehobenen Mittelschichtsfamilie in Benin City auf. Als die Geschäftstüchtigkeit des Vaters aufgrund der instabilen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Nigeria der 1990iger Jahre nachlässt, sucht er mithilfe von traditionellen PriesterInnen nach einem Schuldigen und findet Adesuwa.

Joana Adesuwa Reiterer hat mit „Die Wassergöttin“ eine autobiographische Erzählung vorgelegt. Sequenzen ihres Lebens werden ähnlich einer filmischen Dramaturgie montiert und am Ende fügt sich ein Puzzle von sozialen Milieus in Nigeria, Einflüssen von magischen Kulten auf das tägliche Leben und die Brüchigkeit von Geschlechterverhältnissen zusammen.

Häufig werden Familienmitglieder, Kinder oder Ehefrauen für eine persönliche oder berufliche Misere verantwortlich gemacht und verstoßen. Als Legitimation für diese Praktiken werden „traditionelle“ Kulte herangezogen. Die postkoloniale Ära und der Ölboom brachten für einen Großteil der Bevölkerung Nigerias nicht die erhoffte Prosperität. In der Folge kam es zu einer Renaissance des Glaubens an parapsychologische Phänomene und zur Rückbesinnung auf „überlieferte Traditionen“, deren Ursprung in diffizilen Konstrukten von afrikanischer Mythologie und europäisch-kolonialen Einflüssen liegt.

Juju, der Glaube an Zauberei, ist zu einem Synonym für das Recht auf ein besseres Leben geworden. Juju-PriesterInnen werden konsultiert, um den einen oder anderen Wunsch erfüllt zu bekommen. Ein einträglicher Geschäftszweig ist entstanden, der vielen selbst ernannten PriesterInnen ein Leben in finanzieller Unabhängigkeit ermöglicht.

Den Wassergottheiten werden je nach Region Verantwortlichkeiten für Fruchtbarkeit, Wohlstand und Schönheit nachgesagt. Auch Joana Adesuwa wird unterstellt, eine Ogbanje, eine Wassergöttin, zu sein. Als sich die ihr nachgesagten übernatürlichen Kräfte nicht einstellen, wird sie verstoßen.

Signifikant beschreibt die Autorin die Lebenssituationen von Frauen, die sich aufgrund verschiedenster Abhängigkeiten von Familien und Freunden, die unter dem Deckmantel der so genannten Tradition hergestellt werden, magischen Ritualen unterziehen. Stellen sich die erwünschten Ergebnisse in Form von übernatürlichen Kräften nicht ein, werden die Frauen der Hexerei bezichtigt. Die im Buch beschriebenen Ausgrenzungen von Frauen aus Gemeinschaften bis hin zur Bedrohung durch den Tod erinnern an die europäischen Hexenverfolgungen. Die Handschrift von europäischen Missionaren blitzt in diesen Schilderungen auf. Die Auswirkungen der kolonialen Erfahrungen ziehen tiefe Furchen durch die gegenwärtig gelebte Tradition.

So kann der Subtext der Autobiographie als Transformation einer kollektiven traumatischen Erfahrung durch den Kolonialismus auf die Einzelnen gelesen werden. Die differenzierte Betrachtungsweise wird durch die Gewichtung auf „Voodoo“ ein wenig erschwert. Schon durch den Untertitel des Buches „Als ich den Bann des Voodoo brach“ gewinnen Lesende den Eindruck, dass kaum ein Lebensbereich im nigerianischen Alltag frei von magischen Kulten scheint. Die Frage wie sehr hier europäische Vorstellungswelten von einem fremden und in grausamen Ritualen versinkenden Afrika verinnerlicht wurden, drängt sich unweigerlich auf. Gleichzeitig gewinnen wir Einblicke in einen gesellschaftlichen Umbruch in Nigeria. Jenseits von Juju und Voodoo erheben Frauen ihre Stimme und widersetzen sich der „Tradition“.

Joana Adesuwa Reiterer ist eine von ihnen. Durch die Heirat mit einem Nigerianer, der seinen Lebensmittelpunkt in Österreich hat, kommt sie nach Österreich und entdeckt hier die Machenschaften ihres Mannes, der mit Menschenhandel sein Geld verdient. Joana Adesuwa Reiterer ist mutig genug, ihren Mann anzuzeigen und sich scheiden zu lassen. 2006 gründet sie den Verein Exit, der mit zahlreichen Projekten und Initiativen den Frauenhandel aus Nigeria in die europäischen Metropolen aufzeigt. 

 

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Joana Adesuwa Reiterer

 

Die Wassergöttin

Wie ich den Bann des Voodoo brach“,

Knaur TB, 2009,

ISBN: 978-3-426-78183-8 -

Preise: € 8,95 (D) und € 9,20 (A)

 

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