Datum: 10.05.10 01:10
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Buchrezension: Jive Talker von Samson Kambalu

Buch Cover

„Also“, sprach Aaron Elisa Kambalu, „alle großen Ideen wurden auf dem Klo geboren.“ Nicht verwunderlich, dass im Haushalt der Familie Kambalu zahlreiche Bücher auf dem „Thron der Denker“ gelesen und interpretiert werden. Früh schon wird Samson Kambalu mit den Ideen des Lieblingsphilosophen seines Vaters – Friedrich Nietsche – vertraut gemacht. In regelmäßigen Abständen werden  er und seine Geschwister nachts von den Worttiraden und philosophischen Gedankenspielen ihres Vaters wach. Diese ungewöhnliche pädagogische Maßnahme sowie die Vorliebe für ein Bier, das Jive genannt wird, veranlassen die Kinder ihn den Jive Talker zu nennen.

1975 wird Samson Kambalu als fünftes von acht Kindern in Malawi geboren. Sein Vater ist Hilfsarzt, seine Mutter Grundschullehrerin. Er absolviert die elitäre Kamuzu Academy, gegründet und benannt nach dem Mann, der die politischen Geschicke Malawis jahrzehntelang geprägt hat, Hastings Kamuzu Banda. Banda regierte Malawi von 1964 – 1993 diktatorisch.

Vor diesem Hintergrund ist Jive Talker nicht nur die Geschichte der Familie Kambalu, es ist eine tragikomische Interpretation der gesellschaftlichen Entwicklungen in Malawi. Die politischen Auf- und Umbrüche Malawis haben unmittelbare Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation der Familie. Das Gehalt einer Grundschullehrerin bewegt sich im minimalen Bereich, die Kreativität der Mutter sichert in schwierigen Lebensphasen das Überleben. Als Hilfsarzt genießt Aaron Kambalu zwar Ansehen, doch die von ihm beschworene und gewünschte Karriere bleibt ihm versagt, nicht zuletzt wegen seiner Hautfarbe.

Die Zwiespältigkeit dieser Botschaft manifestiert sich im Roman durch die exzellente Darstellung von postkolonialen Lebensstandards und den historischen Fakten und Rückblenden auf die Zeit des Kolonialismus. All das gelingt Samson Kambalu scheinbar mühelos. Mit seinem rasanten und von inneren Monologen geprägten Erzählstil transportiert er eine Fülle von Informationen.

Eindrucksvoll werden die zahlreichen Umzüge der Familie geschildert, von einer Arbeitsstelle des Vaters zur nächsten. Die einzige Konstante in dieser Zeit bleibt das Diptychon im jeweils aktuellen Wohnzimmer, ein zweiteiliges Bücherregal, bestückt mit Werken der Weltliteratur, medizinischen Nachschlagwerken und Kunstbänden.

Die intellektuellen Herausforderungen der Kindheit bilden den Ausgangspunkt der späteren künstlerischen Existenz von Samson Kambalu. Bereits im Alter von zwölf Jahren entwickelt er eine eigene religiöse Philosophie, den Holyballismus. Die Ausführungen zu diesem ausgeklügelten und gewitzten Konglomerat von Gedanken über die Sonne, den Ball und dem von Nietsche postulierten Tod des christlichen Gottes zählen zu den faszinierendsten Passagen des Buches. Konsequenterweise wird aus dem pubertierenden Philosophen auch ein anerkannter Konzeptkünstler, der die erste Konzeptkunstausstellung in Malawi organisiert. Sein bekanntestes Kunstwerk, der Holy Ball.

Mit Charme und liebevoller Distanz beschreibt Samson Kambalu seine Adoleszenz. In einem Malawi, in dem kein einziger Haushalt über ein Fernsehgerät verfügt wird er ein Fan von Michael Jackson. Durch mehrmalige Kinobesuche und eine begnadete Beobachtungsgabe perfektioniert er den Moonwalk. Das dazugehörige Outfit, die legendäre Lederjacke, lässt er sich vom besten Schneider der Stadt nähen. Wie er sich dieses für die Hitze von Malawi nicht unbedingt geeignete Kleidungsstück finanziert, zählt zu den besten Anekdoten des Buches.

Jive Talker ist ein vor Humor und Weisheit sprühendes Debüt. Die oft surreal anmutende Familienkonstellation wird tief in der Realität verwurzelt. Nicht zuletzt die Schilderung der Aidserkrankung seiner Eltern, ihr Tod und die damit verbundenen Gefühle machen die Lektüre zu einem berührenden und fulminanten Leseerlebnis.

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Samson Kambalu war heuer Gast der Rauriser Literaturtage.

Im Juni wird er Österreich ein zweites Mal besuchen:

15.06.2010, Wien, Hauptbücherei, Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien

16.06.2010, Salzburg, Atelier in der Bergstr. 12 (Schwerpunkt Wissenschaft und Kunst), 5020 Salzburg, 19:00 Uhr

17.06.2010, Graz, im Rahmen des Afrika Festivals, http://www.chiala.at/ 

http://www.holyballism.com/ 

Samson Kambalu, Jive Talker, Unionsverlag 2010, aus dem Englischen von Marlies Ruß 
352 Seiten, gebunden, ISBN 3-293-00411-3







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