Datum: 02.07.10 14:11
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Buchrezension: Afrikanische Antworten auf europäische Bevormundung

Selten gibt es tagespolitische Ereignisse, die internationales Aufsehen erregen, und noch seltener regen Reden von Politikern zu ausgiebigen Debatten an. Nicolas Sarkozy hielt am 

26. Juli 2007 an der Universität Cheikh Anta Diop in Dakar eine der meist diskutierten Politikerreden. Als selbst ernannter „Freund“ adressierte er die Rede an die „Jugend Afrikas“, standen doch die Zukunftsperspektiven des Kontinents auf seiner Agenda.  Inhaltlich war die Rede ganz im Zeichen der Vergangenheit gehalten. 

Sein Ghostwriter, Henri Guaino, bediente sich willkürlich bei zahlreichen europäischen Gelehrten des 18. und 19. Jahrhunderts, die allesamt kein Hehl aus ihren rassistisch motivierten Einstellungen gemacht hatten: Montesquieu, Voltaire, Hume, Kant, Hegel. Dieses Sammelsurium an  Ungeheuerlichkeiten projezierte Sarkozy durch vorurteilsbehaftete Feststellungen in der 1. Person in die von ihm entworfene Zukunft Afrikas. Wie und was der „afrikanische Mensch“ seiner Meinung nach sei und wie sich Afrika ändern müsse, schleuderte Sarkozy mit Eindringlichkeit in das von Würdenträgern und senegalesischen StudentInnen besetzte Auditorium. 

Während die westlichen Medien verhalten reagierten, publizierten die Intellektuellen des Kontinents zahlreiche vehemente Gegendarstellungen. Elf Beiträge des von Makhily Gassama herausgegebenen Sammelbands 'L'Afrique répond à Sarkozy' sind nun dem deutschsprachigen Lesepublikum unter dem Titel  „Der undankbare Kontinent?“ zugänglich. 

Die AutorInnen verorten die Rede des französischen Präsidenten zwischen Paternalismus und Überheblichkeit. Der rassistische Grundtenor dieser Aneinanderreihung von Klischees überraschte selbst kritische Stimmen wie den Historiker Achille Mbembe. In seinem Beitrag demaskiert er minutiös die Pseudowissenschaft und Ethnophilosophie des „Monologs von Dakar“.  Die vollkommene Negation von Forschungsergebnissen afrikanischer Wissenschafter, die unter anderem durch finanzielle Unterstützung französischer Regierungen durchgeführt wurden, interpretiert Achille Mbembe als konsequente „Politik der Ignoranz“.   

Diese Doppelbödigkeit und den „Geschichtsschacher“ prangert die Linguistin Zahra Bouchentouf-Siagh in ihrem gleichnamigen Essay an. Ihre semantische Textanalyse der Rede summiert die strapazierten Zuordnungen von Afrika als „begriffsarmen Kontinent“ und Europa als positives Pendant. 

Die schonungslose Aufdeckung von Tautologien, Unwahrheiten und Widersprüchen charakterisiert den Beitrag des Literaturwissenschafters Lye M. Yoka zum Konzept der Frankophonie.  Der Sprachwissenschafter Mwatha Musanji Ngalasso bezeichnet die Diktion von N. Sarkozy als Kautschuksprache. Langatmige Erzählungen, schmeichelnde Einwände, wie etwa die Zitate von Leopold Sénghor, gefolgt von Abmahnungen, die in einer fernen Zukunft angesiedelt werden.

Unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen sich die „Jugend Afrikas“ gemäß Herrn Sarkozy „eine Zukunft aufbauen“ solle, erörtert der Wirtschaftswissenschafter Demba Moussa Dembélé. In seiner brillanten Analyse der Verflechtungen von europäischer und afrikanischer Wirtschaftspolitik wird deutlich, wie die Abhängigkeitsverhältnisse der südlichen Hemisphäre systematisch erweitert wurden. Ergänzend dazu analysiert der Politkwissenschafter Mahamadou Siribié das Währungssystem des CFA-Franc, der Währungseinheit der frankophonen Länder.

Die Impertinenz und Arroganz der „Rede von Dakar“ wird im Beitrag der Literaturwissenschafterin Odile Tobner besonders deutlich. Sie analysiert die Reden zu Afrika aller französischen Präsidenten von de Gaulle bis Sarkozy. Dass es dem französischen Präsidenten nicht möglich war, die Minimalanforderungen der internationalen Höflichkeit zu respektieren, beklagt der Sozialwissenschafter E. H. Ibrahima Sall. Er liefert eine exakte Quellenanalyse des von N. Sarkozy postulierten Afrikabildes.

Cheikh Anta Diop, dessen Namen die Universität trägt, die Herrn Sarkozy als Gast empfangen hat, hat durch seine Forschungen zur ägyptischen Zivilisation bedeutende Teile der europäischen Geschichtsschreibung revidiert. Der Ägypotologe Théophile Obenga analysiert in seinem Beitrag die eurozentrischen Afrikadeutungen, deren Mythos sich im westlichen wissenschaftlichen Repertoire bis in die Gegenwart spiegelt. 

Von der hochtrabenden Rede an die „Jugend Afrikas“ bleibt letztendlich kein einziges Wort, das einen winzigen Wahrheitsgehalt für sich beanspruchen könnte. Der Kampf um demokratische Prinzipien, den Nicolas Sarkozy einfordert, ist längst in den Köpfen der Jugend Afrikas angekommen. Allein die Texte der Rapper Alpha Blondy oder Tiken Jah Fakoly manifestieren die Gedanken und den Kampf der „Jugend Afrikas“.

Weil sich Herr Sarkozy so gern in der Vergangenheit aufhält, hätte auch ein Blick in die zahlreichen Überlieferungen seines Gastgebers geholfen: „Ich misstraue dem Fremden, der an meiner statt über Lösungen für Probleme in meinem Kornspeicher entscheidet“ (Senegalesisches Sprichwort).

--------

Der undankbare Kontinent? Afrikanische Antworten auf europäische Bevormundung. Herausgegeben von Peter Cichon, Reinhart Hosch, Fritz Peter Kirsch Argument- Verlag GmbH, Oktober 2009 


 







Kommentare

Keine Einträge

Kommentarformular

öster News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz
10. September
2010mehr
Freitag

Suchen & Finden



Letzte Kommentare

Keine Einträge

designed and implemented by BILCOM