Datum: 15.08.10 07:57
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

"Drei starke Frauen" von Marie NDiaye

„Khady Demba“, antwortet das Mädchen, das die Töchter ihres Vaters betreut, auf die Frage nach ihrem Namen. Stolz, selbstbewusst, in sich ruhend. Die Ausstrahlung dieses Mädchens beruhigt Norah, die auf Drängen ihres Vaters in den Senegal gereist ist. Norah, erfolgreiche Anwältin in Paris, ist an diesem ersten Abend in der Gegenwart ihres Vaters zutiefst verunsichert. Der in ihrer Erinnerung elegante, vitale Mann ist nicht nur alt geworden, er ist offensichtlich verwahrlost. Über Dara Salam, die Ferienanlage, deren Besitzer er war, spricht er einfach nicht mehr. Er antwortet ausweichend auf die vielen Fragen, die Norah quälen.

Die Autorin Marie NDiaye hat drei Geschichten über drei Frauen zu einem fulminanten Roman verwoben. Für „Trois femmes puissantes“, wie der Roman im Original betitelt ist, hat sie 2009 die höchste literarische Auszeichnung Frankreichs, den Prix Goncourt, erhalten. Die mediale Aufmerksamkeit hat sie unter anderem genutzt, um die Immigrationspolitik von Nicolas Sarkozy zu kritisieren. Ein Regierungsbeamter forderte daraufhin die „Pflicht zur Zurückhaltung von Prix Goncourt-PreisträgerInnen“ ein. Wie ihre Figuren, lässt sich Marie NDiaye, die seit 2007 mit ihrer Familie in Berlin lebt, nicht von den Insignien der Macht einschüchtern.

Die drei Protagonistinnen Norah, Fanta und Khady Demba ermächtigen sich, ihre Lebensentwürfe selbst zu gestalten. Schritt für Schritt, in Würde und Stolz treffen sie ihre Entscheidungen.

Norah wächst mit ihrer Schwester bei ihrer Mutter in Frankreich auf, während ihr Bruder Sony im Alter von fünf Jahren vom Vater in den Senegal mitgenommen wird. Der Schmerz dieser Trennung, die Wut auf den Vater, die Freude über die Ferien im Senegal, das Unvermögen des Vaters eine liebevolle Beziehung zu seinen Kindern aufzubauen sind die Hintergründe der nach außen hin perfekt organisierten Alleinerzieherin Norah. Der Vater bleibt unnahbar, sein scheinbar einziges Streben gilt der Freilassung seines Sohnes Sony, der beschuldigt wird, seine Stiefmutter getötet zu haben. Norah übernimmt die Verteidigung ihres Bruders und wird Zeugin der Geheimnisse ihres Vaters. Letztendlich bestimmt sie, wann und wie sie ihrem Vater nahe sein möchte.

In der zweiten Geschichte begegnen wir Fanta, die ein Geheimnis vor ihrem Mann Rudy zu bewahren versucht, das dieser bereits kennt. Marie NDiaye erzählt die zweite Geschichte aus der Perspektive Rudys. Er weiß um das Unglück seiner Frau, die er aus dem Senegal in ein Dorf in Frankreich bringt. Seine Versprechen, sie werde ein erfülltes Leben haben, sind bevor er sie zu Ende sagt, zu Lügen geworden. Ein Gescheiterter, der mit Unverständnis auf seine Frau, seinen Sohn und sich blickt. Erst als er in Gedanken zurück kehrt in seine Kindheit, in den Ferienort Dara Salam, löst sich der Knoten seiner Befangenheit. Und Fanta winkt aus ihrem Garten zum ersten Mal nach vielen Jahren ihrer Nachbarin zu.

Fanta ist eine entfernte Cousine des verstorbenen Mannes von Khady Demba. In der dritten Geschichte wird Khady Demba von ihrer Schwiegermutter nach Europa geschickt. Instinktiv entscheidet sie sich, aus dem desolaten Boot zu springen. Die Verletzung an ihrem Bein bemerkt sie am nächsten Morgen. Dieser Schmerz begleitet sie auf ihrem Weg nach Europa. Sie findet einen Reisebegleiter, der sie in eine demütigende Situation bringt und bestiehlt. Khady Demba lässt sich nicht beirren und entschlossen läuft sie am Ende auf die, die Kontinente trennende, Mauer zu. „Ich bin Khady Demba“ denkt sie zuversichtlich im Kugelhagel.

Mit virtuosen langen Sätzen, Bildern, die hoffnungsvoll und bitter zugleich sind und dem Wissen, dass die Welt nicht aus Schwarz und weiß besteht, zeichnet Marie NDiaye ein zeitgenössisches Triptychon aus Worten. Ihre Frauenfiguren sind Reisende, die jenseits der Grenzen von Nationen unterwegs sind. Mit diesen Lebensentwürfen, in ihrem Eigensinn und ihrer Selbstermächtigung, entwirft die Autorin fiktive Psychogramme einer weiblichen Realität. Ein Roman voller Zärtlichkeit, Schmerz und Zuversicht. Dieses Buch ist ein Geschenk, das sich erst in der Erinnerung vollkommen entfaltet.

 

Marie NDiaye: Drei starke Frauen, aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer, Suhrkamp Verlag 2010, gebunden, 342 Seiten, ISBN: 978-3-518-42165-9, Euro 23,60







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