Datum: 06.10.10 22:26
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Träume in Zeiten des Krieges von Ngũgĩ wa Thiong`o

1947 betritt eine Frau mit ihrem Sohn einen kleinen indischen Laden und kauft eine kurze Hose und ein Hemd, die einfache Variante einer Schuluniform. Die beiden haben einen Pakt geschlossen, der das Leben des neunjährigen Jungen verändern wird. Er wird sein Bestes in der Schule geben und sie wird für das Schulgeld sorgen. Ein Bild an der Wand des Marktstands beeindruckt ihn, ein schmaler Inder mit Brille. Später wird er sich an diesen Mann, an seine Aufregung über den Schulbeginn und seinen Stolz eine kurze Hose zu tragen, erinnern.

Ngũgĩ wa Thiong`o erinnert sich in „Träume in Zeiten des Krieges“ an seine Kindheit in einem Kenia unter britischer Kolonialherrschaft. Geboren 1938 im Distrikt Limuru macht er seine ersten Schritte, als einer seiner Halbbrüder im Zweiten Weltkrieg kämpft. Als eines von vierundzwanzig Kindern seines Vaters findet er seinen Platz in der Großfamilie dort, wo Geschichten erzählt werden. Seine Faszination für das Erzählte wird ihn durch seine Kindheit tragen und ihn später zu einem der renommiertesten afrikanischen Autoren machen.

Seine einfühlsame Mutter Wanjikũ gibt ihm die Zuversicht, seine Träume trotz aller Widrigkeiten und Entbehrungen zu verwirklichen. „Ist das das Beste, was du erreichen konntest?“ fragt die Mutter den Sohn, wenn er von seinen Erfolgen in der Schule erzählt. So wird der Pakt der beiden immer wieder erneuert. Nach einem Zerwürfnis der Mutter mit dem Vater, lebt die Mutter mit ihren Kindern im Haus ihres Vaters. Hier entwickelt sich Ngũgĩ wa Thiong`os Bewusstsein für politische Zusammenhänge. Er wird „den Gedanken seines Großvaters Kleider geben“, der – des Lesens und Schreibens unkundig - eine rege Korrespondenz mit der Kolonialverwaltung pflegt. Während er den Stift fest in der Hand hält und das Gĩkũyũ seines Großvaters in sein Schulenglisch übersetzt, schließt sich sein ältester Bruder „Good Wallace“ der Befeiungsbewegung Mau Mau an.

Das 20. Jahrhundert wird aus der Perspektive eines Kindes und Jugendlichen in all seiner Absurdität und Grausamkeit präsent. Ngũgĩ wa Thiong`os gelassener und humorvoller Erzählstil macht diese Autobiographie zu einem eindringlichen Leseerlebnis. Die Beharrlichkeit, mit der er seinen Traum von Bildung verwirklicht, korrespondiert mit der konsequenten poetischen Erzählweise. Dass der unvergleichliche poetische Ton des Autors nicht verloren gegangen ist, ist der Übersetzung von Thomas Brückner zu verdanken.

Mit diesem großartigen Werk verortet sich Ngũgĩ wa Thiong`o in der Welt. Er erzählt nicht nur von sich, er erzählt von all jenen, deren Stimme nicht gehört wird. Viele Details und vermeintliche Belanglosigkeiten sickern erst bei der zweiten Lektüre des Buches durch.

„… und immer, wenn ich Schuhe anhabe, werde ich künftig an dieses Lächeln und das Lachen denken müssen.“ Seine Schwester Njoki finanziert sein erstes Paar Schuhe mit ihren gesamten Ersparnissen. Liebevoll schildert Ngũgĩ wa Thiong`o das Schicksal seiner Schwester, bevor er seine Schuhe in eine Kiste packt und aufbricht in die nächste Schule, die ihn seinem Traum näher bringt.

Ngũgĩ wa Thiong`o, Träume in Zeiten des Krieges. Eine Kindheit. Aus dem Englischen von Thomas Brückner, A 1 Verlag 2010, ISBN 978-3-940666-15-4

 

 







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