Datum: 13.05.12 16:31
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Uwem Akpam „Sag, dass du eine von ihnen bist“

Klebstoff ist ein wertvolles Weihnachtsgeschenk. Klebstoff schnüffeln verhindert, dass einen das Hungergefühl an nichts anderes mehr denken lässt, als an Berge von Reis und Hühnerkeulen. Das Weihnachtsfest einer Straßenfamilie in Nairobi ist die erste von fünf Geschichten.

Uwem Akpam, der schreibende Priester aus Nigeria, hat in den USA mit seinem Debüt „Say You`re One of Them“ für Furore gesorgt. Nicht zuletzt, weil Oprah Winfrey dieses Buch empfohlen und den Autor in eine ihrer Sendungen eingeladen hat.

Jede der Geschichten ist in einem anderen Land angesiedelt. Kenia, Ruanda, Äthiopien, Nigeria und Benin hat der Autor nicht zufällig ausgewählt. Die postkoloniale Geschichte dieser Nationen kulminiert in Konflikten und Krisen. Die unmittelbaren Auswirkungen auf das Alltagsleben und im Besonderen auf die Kinder finden kaum Gehör.

Geprägt haben Uwem Akpan die Erzählungen aus seiner Kindheit. Geboren unter einem Palmweinbaum, wie er gern in Interviews betont, habe er nach der Kirche den Geschichten der DorfbewohnerInnen gelauscht. Als Student der Philosophie und Theologie begann er zu schreiben. Aus dieser Idylle heraus, die das viel zitierte Klischee der afrikanischen Oratur erfüllt, erschreibt sich Uwem Akpam die Welt jenseits des Vorstellbaren.

Seine Protagonisten und Erzählenden sind ausschließlich Kinder. Diese Erzählperspektive und die Verankerung der Geschichten in den jeweiligen Realitäten der Orte und Menschen schaffen eine einzigartige Dramaturgie. Entstanden sind moralische Geschichten ohne Moral. Fragen, die lieber nie gestellt oder oberflächlich diskutiert werden, müssen hier unweigerlich Einzug halten.

Wie ist es, ein Kind zu verkaufen? Wie ist es, wenn Kinder ihren Körper verkaufen, um die Familie zu ernähren? Oder wenn ein Kind die Ermordung der Mutter sieht und den Mörder, ihren Vater, kennt.

„Sag, dass du eine von ihnen bist“, rät eine Mutter ihrer Tochter. Es ist die Nacht, in der in Ruanda das Grauen ausbricht und die Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit über Leben und Tod entscheidet. In der Familie war die Zugehörigkeit zu Bevölkerungsgruppen kein Thema, bis zu dem Moment, in dem der Vater sich entscheiden muss, seine Frau zu töten. Die Titelgeschichte wird aus der Perspektive der Tochter erzählt, am Ende geht sie einen Hügel hinauf und ist bereit, das zu sagen, was ihre Mutter ihr empfohlen hat.

Uwem Akpam verwandelt grausame Momente in eine Poesie der Stärke. Seine jungen Protagonistinnen und Protagonisten sind Überlebende und widersprüchliche Zeugen. Authentizität schafft der Autor durch die unmittelbare Sprache der Kinder. Der zehnjährige Jigana, der das Weihnachtsfest der Familie in Nairobi erzählt, tut dies in einem unverwechselbaren Slang. In „Mästen für Gabun“ werden zwei Kinder von ihrem Onkel auf eine Reise ohne Rückkehr vorbereitet, verkauft für ein Motorrad. Das erzählende Kind erhebt seine Stimme im Pidgin-Französisch der Grenzregion von Benin. Diese Melodien der Verzweiflung und Hoffnung hat Bernhard Robben virtuos übersetzt.

Die Idee den Kindern des Kontinents eine Stimme zu geben hatte Uwem Akpan bereits in Nigeria. Alles begann unter einem Palmweinbaum.

Uwem Akpan: Sag, dass du eine von ihnen bist. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Suhrkamp Verlag 2012, ISBN: 978-3-518-42286-1

www.suhrkamp.de

www.uwemakpan.com    

 

 

 







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