Datum: 19.08.12 11:25
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

"Heimsuchungen" von Chimamanda Ngozi Adichie

Zwischen zwei Kontinenten zu leben, heißt nicht nur die Strapazen von überfüllten Flughäfen oder vorder- und hintergründige Freundlichkeiten bei der Passkontrolle zu überstehen. Plötzlich ist die Sonne nicht mehr dort, wo sie sein soll. Im Winter sehnt man sich nach der gleichmütigen Wärme und im Sommer träumt man von den erlösenden Regentropfen. Nie ist es so, wie es sein soll.

Wie viel eigene Erfahrungswelten der jungen in Nigeria geborenen und in den USA lebenden Autorin in  die vorliegenden zwölf Erzählungen eingeflossen sind, lässt sich nur erahnen. Ihre Figuren zeichnet sie mit seismographischer Genauigkeit. Jedes beschriebene Leben wird zu einem poetischen Fest.

Die dramatischen religiös motivierten Ausschreitungen in Nordnigeria, die in den westlichen Medien kurzfristig für Schlagzeilen sorgen, betrachtet sie aus dem Blickwinkel zweier Frauen. Mit der Erzählung „Ein privates Erlebnis“ gibt sie all jenen eine Stimme, die nie erwähnt werden, die vielen Menschen, die nicht von Fanatismus und Hetze getrieben werden.    

Durch die unprätentiöse Art des Erzählens werden die Geschichten zwischen Nigeria und den USA zu einer Bestandsaufnahme der gegenwärtigen politischen Verhältnisse und ihrer Auswirkungen auf die Bevölkerung. Die Jugend Nigerias hat ein Land der Sehnsucht, die USA.  Und wer jemals die Chance bekommt, in die USA zu reisen, wird von allen Zurückgebliebenen beneidet.

Die Vorstellungen über das Leben in den USA sind nicht immer mit der Realität identisch. Diese Diskrepanz thematisiert Chimamanda Adichie virtuos. Dave Bell nennt sich der frisch gebackene Ehemann von Chinaza Okafor. Und während sie noch ungläubig die nackten Matratzen auf dem Boden der kleinen Wohnung betrachtet, wird sie zu Agatha Bell. „Die Ehestifter“ ist eine berührende Erzählung über eine junge Frau, die von ihren Verwandten dazu gedrängt wird, einen in den USA lebenden Nigerianer zu heiraten. Mit perfekten Dialogen skizziert die Autorin die vielen Leben zwischen den Welten.

Thematisch knüpft sie an ihre erfolgreichen bisherigen Publikationen an. Tabus, Geheimnisse, das Aufbrechen von tradierten Normen und die Banalität des Alltags werden virtuos mit einer global vernetzten Welt verwoben. Mit ihrem literarischen Debüt „Blauer Hibiscus“, einer Geschichte über Missbrauch und häuslicher Gewalt, schrieb sie sich in die Longlist des Booker Prize. Ihr zweiter Roman „Die Hälfte der Sonne“, einer literarischen Annäherung an den Krieg um Biafra, wurde mit dem Orange Prize ausgezeichnet. 

Die zwölf Erzählungen, von Reinhild Böhnke mit viel Gespür übersetzt, sind ein Fenster in die Wirren des menschlichen Daseins. Die Lesenden werden eingeladen zu einem Tanz auf einem Drahtseil, gespannt zwischen den Kontinenten, ohne Netz und voller verheißungsvoller Möglichkeiten.

 

Chimamanda Ngozi Adichie, Heimsuchungen, Zwölf Erzählungen. S. Fischer Verlag 2012, ISBN: 978-3-10-000625-7

www.fischerverlage.de

 

 







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