Datum: 05.09.12 16:25
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Chili mit Schlagobers. Gerührt oder gequirlt? Roman von Martin Horváth

Reinhard Öhner

Es war einmal ein Land, in dem die Spatzen von jedem Bootsmast pfiffen, dass es voll sei. Was sie verschwiegen, die feigen Spatzen, dass jeder noch so kleine Farbtupfer voller Fäkalien war, deshalb war dieses Land in ein tiefes Braun gesunken.

Keine Angst, die Geschichte, die uns der Autor Martin Horváth in seinem Debütroman erzählt, beginnt ganz anders.

Ali, ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, ist durch Zufall in Wien gelandet. Er lebt in einem Haus, in dem Menschen aus unterschiedlichen Nationen an ihrem Flüchtlingsstatus und ihrer Integration arbeiten. Während die Hausbewohner auf die kostbaren Nachrichten vom österreichischen Staat warten, begleitet sie Ali durch dick und dünn.

Er, der vierzig Sprachen spricht, ist mit allen Wassern gewaschen. Vom Nil bis zum Bosporus lässt er sich Asche auf sein Haupt streuen, um sie sich dann im Ganges wieder von der Stirn zu streichen.

Geboren wurde Ali irgendwo in Westafrika. Der unbedingte Integrationswille dieses jungen Menschen, beeindruckt weder die politischen Entscheidungsträger noch die Betreuerinnen der kleinen Wohngemeinschaft. Obwohl er sich in den unterschiedlichen Farbtönen von Kaffee wieder zu erkennen versucht und auch vor dem Genuss von Schokokuchen mit Schlagobers nicht zurückschreckt, wird seiner mehrsprachigen Stimme kaum Gehör geschenkt.

Die erwähnte, hierzulande beliebte Mehlspeise, die eindeutig zweideutig benannt ist - ist Teil des Titels dieses Romans. An dieser Stelle muss ich meinen Kindern danken, dass sie das Buch nicht vor Empörung über diesen Titel in den Müll geschmissen haben.

Jenseits dieser hoffentlich wohl durchdachten Provokation ist dieser Roman eine profunde Auseinandersetzung mit der österreichischen Flüchtlingspolitik der letzten zehn Jahre.

Der Autor, ein freischaffender Musiker, hat seine Profession in Sprache gegossen. In diesem unvergleichlichen Sprachsog werden die Lesenden fortgezogen und finden sich in einem Strudel voller Geschichten über die Absurdität von Bescheiden und Gesetzeslagen.

Auf nichts ist Verlass und verlassen sind auch die mit der Betreuung der Flüchtlinge Betrauten. Der Terminus der „hilflosen Helfer“ schleicht sich schnell in den Rhythmus des Textes ein. Jederzeit kann die Polizei vor der Tür stehen und jemanden abholen, Familien trennen, Traumatisierte in ihre Herkunftsländer „begleiten“, sogar sechs Monate alte Babies in das Mutterland verweisen. Mit auf den Weg bekommen die Menschen, denen hier von den Behörden keine Zukunft bescheinigt wird, gute Ratschläge, wie sie sich ihres Lebens verdingen könnten, dort, wo sie hergekommen sind. Das Baby könnte im Dienstleistungssektor arbeiten.

Diese Fiktion ist nahe an der Realität angesiedelt. Der Autor hat sich keineswegs nur auf seine überbordende Phantasie und seine sprachliche Begabung verlassen. Die Basis dieses Romans ruht auf ausführlichen Recherchen.

Der Protagonist Ali wird von den Geschichten seiner vierzig – oder sind es mehr – Wartenden eingeholt. Seine Sprachkenntnisse und sein Spürsinn für die Geheimnisse seiner Schützlinge reichen nicht aus. Die Revolution des selbst ernannten „Anwalts der Unterdrückten“ verhallt in einem der Pavillons, die nach einem toten Architekten benannt sind. Von dort oben sieht Wien anders aus, selbst der Schnee glitzert in einem Weiß, das erträglich ist.

Martin Horváth hat den Satz von Christa Wolf, dass wir, wenn wir uns täglich das Elend der Welt vor Augen halten würden, verrückt werden müssten, in einen Roman verwandelt. Lesen lässt sich das alles durch die feine, melodiöse Sprachstruktur. In Dur und Moll erklingt die Stimme des Protagonisten Ali. Gewürzt wird mit einer Hand voll Chili, so wie es in Westafrika üblich ist, damit das Essen nicht verdirbt.

Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, diese Lektüre ist keine Nachspeise. Diese Lektüre ist der grausame Spiegel unserer Gegenwart.

„Im Jahr 2011 erreichten mehr als 1300 dieser unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge Österreich. Sie erhoffen sich hier eine Perspektive für ihre Zukunft, Frieden, Sicherheit und Schutz vor Verfolgung.“ (Zitat: Arbeitsgruppe unbegleitete minderjährige Flüchtlinge)

Buchpräsentation
06.09.2012, 19 Uhr

Wiener Hauptbücherei
Urban-Loritz-Platz 2a
A-1070 Wien

Martin Horváth, M*** im Hemd oder wie ich auszog, die Welt zu retten. Roman, DVA 2012, ISBN: 978-3-421-04547-8  

 

 

 

 







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