Datum: 04.01.13 15:30
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Ein Lied aus der Vergangenheit. Roman von Aminatta Forna

Eine Frau irrt durch Freetown. Ihre Kleidung ist schmutzig, ihr Gesicht ist versehrt von den Spuren der Vergangenheit. In der Stadt ohne Erbarmen findet sich jemand, der sie ins Krankenhaus bringt. Ohne ein Wort gesprochen zu haben, verschwindet sie im Nirgendwo der Stadt.

Adrian Lockheart, ein Psychologe aus London, bleibt ratlos zurück. In solchen Momenten wird ihm schmerzlich bewusst, dass sein ursprünglicher Plan, endlich sinnvolle Arbeit zu leisten, einen lächerlichen, beinahe dekadenten Anspruch verfolgt. Das kollektive Schweigen der vom Bürgerkrieg traumatisierten Bevölkerung Sierra Leones wird einzig und allein von Elias Cole unterbrochen. Der ehemalige Universitätsdozent ist unheilbar krank und erzählt dem Psychotherapeuten sein Leben. Mit nur einem Patienten hat Adrian Lockheart viel Zeit, um die anderen Ärzte und Angestellten des Krankenhauses zu beobachten.

Kai Mansaray, ein junger Arzt, arbeitet Tag und Nacht. Sein Engagement geht so weit, dass er auf der Couch in Lockhearts Wohnung übernachtet, um immer erreichbar zu sein.

Um diese drei Männer spinnt die renommierte Autorin Aminatta Forna ein Netz aus Erzählsträngen, an deren Anfang und Ende die Liebe der drei Protagonisten zu ein und derselben Frau steht. Verstrickt in das, was Menschen vordergründig als Schicksal bezeichnen, begegnen und verlieren sich die Charaktere in einem Land, das den Ausnahmezustand zum Normalzustand erklärt hat.

Aminatta Forna hat ein sprachmächtiges Epos geschaffen, in dem die großen Themen der Weltliteratur aus einer neuen Perspektive verhandelt werden. Sie bewegt sich mühelos zwischen den Schauplätzen in London und Freetown. Die ehemalige BBC-Journalistin, die in Großbritannien geboren und in Sierra Leone aufgewachsen ist, weiß um die Widersprüche der jeweiligen Kulturen.

Die Freundschaft der drei unterschiedlichen Charaktere führt sie zurück in ihre Vergangenheit. Unweigerlich fließen große philosophische Fragen wie Schuld, Verantwortung, die Sinnhaftigkeit der menschlichen Existenz in das poetische Konzept des Romans ein.

Elias Cole, der sein Leben auf  einen Verrat aufgebaut hat, verliert seine Tochter. Kai Mansaray, der sich durch seine Arbeit vom Verlust seiner großen Liebe befreien will. Und Adrian Lockheart, der schnell erkennt, dass Sierra Leone ihn nicht braucht, er hingegen ohne die Liebe zu dieser Frau diesen einjährigen Aufenthalt nicht überstehen würde.

Mit der Figur des Psychotherapeuten aus dem Ausland übt die Autorin Kritik am globalisierten System von Helferorganisationen, die sich von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz bewegen. Mit der Beschreibung der Helfenden, die aus den unterschiedlichsten westlichen Nationen kommen, wird die Hilfsindustrie als Wirtschaftszweig in all ihren Facetten und ihrem Zynismus aufgezeigt.

Bei einem Roman, der von der genauen und durchdachten Komposition der Handlung lebt, ist es sicher kein Zufall, dass es Kai Mansaray ist, der die geheimnisvolle schweigende Frau mit dem versehrten Gesicht findet und ihre Geschichte erzählen kann.

 

Aminatta Forna: Ein Lied aus der Vergangenheit. Deutsch von Giovanni und Ditte Bandini, Deutsche Verlags-Anstalt 2012, ISBN: 978-3-421-04522-5

 

 

 

 







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