Datum: 22.04.13 21:15
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Diese Dinge geschehen nicht einfach so. Roman von Taiye Selasi

Vor Sonnenaufgang geht Kwaku Sai in seinen Garten. Sein Haus in Accra ist das, was ihm geblieben ist. Ein quadratischer Grundriss, den er morgens gern abschreitet. Der Schmerz in seinem Herzen trifft den Chirurgen unerwartet. Seine vier Kinder, seine erste Frau, seine zweite Frau, seine stolzen und beschämenden Momente laufen in Zeitlupe ab. Alle gut gehüteten Geheimnisse liegen offen mit ihm im Gras.

Den großen Entwurf einer Familie, die auf drei Kontinenten verstreut lebt, hat uns die Autorin Taiye Selasi vorgestellt, als die ersten Sonnenstrahlen auf Kwaku Sai treffen, der barfuß im Gras gestorben ist.

Das Konstrukt der globalisierten Welt wird erst manifest, wenn wir unseren Lebensmittelpunkt in einen anderen Teil der Welt verlegen und uns neu verorten. Richtig kompliziert wird es dann, wenn wir unsere Herkunft und den unmittelbaren Aufenthaltsort nicht einfach beschreiben können, kurz, wenn wir die Antwort auf die Frage: „Woher kommst du?“ nicht in einem Satz beantworten können.

Die Autorin Taiye Selasi wurde in London geboren, ist in den USA aufgewachsen, hat in Oxford studiert, ihre Mutter ist in Nigeria geboren, ihr Vater in Ghana, im Moment lebt Taiye Selasi in Rom.

Die gegenwärtige Generation Schwarzer Menschen aus afrikanischen Staaten ist mehrsprachig und an vielen Orten zu Hause. Die Frage nach der Identität und ihrer Heimat hat Taiye Selasi in ihrem Essay „Bye Bye Babar“ virtuos beantwortet. Schwarze junge Menschen, die auf der ganzen Welt zu Hause sind, nennt sie „Afropolitans“. Diese gut ausgebildeten Weltafrikaner sind die Zukunft des Kontinents, sie sind es, die die bisher unausgesprochenen Fragen stellen. Eine der vielen möglichen Antworten hat Taiye Selasi bereits formuliert. Ihr Roman „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ lotet die vielen Dimensionen der „Afropolitans“ differenziert aus.

In Accra, Boston, London und New York leben die fünf Menschen, die vor langer Zeit einmal eine Familie waren. Der erfolgreiche Chirurg, Kwaku Sai aus Ghana, war in einem Bostoner Krankenhaus ein Star. Seine Frau Fola, aus Lagos zugewandert, schön und einnehmend. Ihre vier Kinder, Olu, Kehinde, Taiwo und Sadie begabt und behütet.

Kwaku Sai lebt mit seiner Familie den amerikanischen Traum. Bis bei einer Operation eine Patientin stirbt und er fristlos entlassen wird. Unfähig seiner Familie die Wahrheit zu sagen, verlässt er Fola und die Kinder ohne Erklärung. Erst nach Monaten entschließt er sich, in die gemeinsame Wohnung zurück zu kehren. Niemand erwartet ihn. Nur einen Menschen, Olu, seinen ältesten Sohn, wird er vor seinem Tod noch einmal sehen.

Olu, der ein angesehener Chirurg wird, ist der einzige, der seinen Vater einmal in seinem neuen Haus in Accra besucht. Dieses Geheimnis bewahrt er vor seinen Geschwistern und seiner Mutter.

Taiye Selasi öffnet die einzelnen Geheimnisse der Familie wie einen Fächer. Jedes Familienmitglied erzählt aus der jeweils eigenen Perspektive die Geschichte des Scheiterns und Weiterlebens.

Kehinde wird ein erfolgreicher Künstler, der in London erste Erfolge feiert. Seine Zwillingsschwester Taiwo beendet ihre vielversprechende Karriere als Jurastudentin durch eine Liaison mit einem Lehrenden. Sadie, die Jüngste, findet ihre Begabung in Ghana, sie tanzt wie ihre Tanten und Cousinen.

Wenn alle in Accra zur Verabschiedung von Kwaku Sai versammelt sind, ist die tiefe Verbindung wieder hergestellt. Diese Dinge geschehen nicht einfach so.

 

Taiye Selasi, „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“. Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel. S. Fischer Verlag 2013, ISBN: 978-3-10-072525-7







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