Datum: 30.05.13 18:30
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Im Haus des Hüters. Jugendjahre von Ngũgi wa Thiong`o

A1 Verlag

„Solange du dein Bestes gegeben hast...“ Diese Worte seiner Mutter im Ohr kehrt Ngũgi wa Thiong`o in seinen ersten Ferien vom Internat nach Hause zurück. Das Dorf existiert nicht mehr, dort wo Häuser standen, liegen Schutthaufen und Asche.  

Im Jahr 1955 ordnete die britische Kolonialverwaltung in den Gebieten, in denen die antikolonialen Kämpfer der Mau-Mau-Bewegung vermutet wurden, Zwangsumsiedlungen an.

Als Ngũgi wa Thiong´o das neue Dorf und seine Familie endlich findet, spricht er nicht von seinen guten Zensuren, er hilft das Dach des neuen Heims zu decken.

Im zweiten Band seiner autobiographischen Erinnerungen stellt der Autor seine Jahre an der Alliance High School in den Mittelpunkt. Gewidmet ist das Buch der Abschlussklasse des Jahres 1958. Allen gemeinsam ist das intellektuelle Streben. Während in Kenia Ausnahmezustand und de facto Krieg herrscht, ist die Alliance High School ein Ort des Denkens und des friedlichen Miteinander.

 Carey Francis, der Leiter der Alliance High School, ist der „Hüter“ dieses Refugiums. Zahlreiche Mythen ranken sich um ihn, zweifelsohne war er ein widersprüchlicher Mensch, einerseits dem britischen Empire ergeben, andererseits bezeichnete er die britischen Soldaten als Halunken. Jenseits der konventionellen Lehrmethoden, werden an der Schule Theateraufführungen, Musik, Vorträge und Debattierklubs gefördert. So wird in der Debating Society in der Alliance High School über den Stellenwert der westlichen Bildung in Afrika diskutiert. Und Ngũgi wa Thiong´o  bringt die Gedanken, die ihn seit der Umsiedlung seiner Familie beschäftigen, auf den Punkt: „Jemand kommt in dein Haus. Er nimmt dir dein Land. Im Austausch gibt er dir einen Bleistift. Ist das ein gerechter Tausch?“

Gerechtigkeit und Toleranz sind die Themen, die den Autor bis in die Gegenwart begleiten. Charakter und Pioniergeist werden ihm in der Abschlussbeurteilung der Alliance von Carey Francis zugeschrieben. Angesichts der kommenden Ereignisse scheint diese Beurteilung beinahe prophetisch. Denn nach Abschluss der Alliance High School wird Ngũgi wa Thiong´o zum ersten Mal verhaftet. Willkür und Demütigung begegnet er mit Mut und Intelligenz. 

Ngũgi wa Thiong´o jongliert mit Worten, Erinnerungen und Reflexionen. Ganz so, wie er als Kind fasziniert ist von Zaubertricks, verzaubert er sein Lesepublikum. In Thomas Brückner hat er einen kongenialen Übersetzer gefunden, der die Stimme des Autors im Ohr hat.

Geprägt hat diese Stimme zweifelsohne die Erzählkultur und Geschichte der Gikuyu.

Seine erste literarische Veröffentlichung fällt auch in die Zeit der Alliance High School. In der Zeitung der Schule erscheint eine kurze Geschichte über einen Feigenbaum. Inspiriert von der Güte und Weisheit seiner Mutter, die ihm bei einem seiner Besuche zu Hause, die Geschichte eines Feigenbaums erzählt.

Ausgestattet mit dem Vertrauen seiner Mutter wird aus dem vielversprechenden begabten Schüler ein politisch denkender Mensch, der wach und klar die Umbrüche und Ungerechtigkeiten des kolonialen Systems in Kenia erkennt und der sich aufmacht, einer der bedeutendsten Schriftsteller des Kontinents zu werden.

Ngũgi wa Thiong´o, „Im Haus des Hüters. Jugendjahre“, Aus dem Englischen von Thomas Brückner, A1 Verlag 2013, ISBN: 978-3-940666-35-2

www.a1-verlag.de

 







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