Datum: 27.06.13 20:02
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Gekapert von Nuruddin Farah

Ein junger Mann schwankt durch die Straßen von Mogadischu. Er ist nicht betrunken, die Tasche, die er bei sich hat, ist schwer. Er verliert nicht nur sein Gleichgewicht, auch sein Orientierungssinn leidet darunter. Verzweifelt fragt er Passanten nach dem Weg zu dem Haus mit dem markanten Tor. Cambara, die Heldin aus dem Roman „Netze“, begegnet ihm und schickt ihn vorsichtshalber in einen anderen Stadtteil. Die Vorsicht ist angebracht, junge Rekruten besetzen mit Reisetaschen voller Waffen Häuser an strategischen Punkten der Stadt.

Im Jahr 2006 ist Mogadishu eine Stadt der Ruinen, eine Übergangsregierung, repräsentiert von bärtigen Männern in weißer Kleidung, ist an der Macht. Frauen müssen die Burka tragen, die Scharia ist eingeführt und Selbstmordattentäter der Al-Shabaab versetzen die Menschen in Angst und Schrecken.

Im dritten Teil der Trilogie über das vom Bürgerkrieg gezeichnete Somalia lässt Nuruddin Farah seine Hauptfiguren aus den Romanen „Links“ und „Netze“ noch einmal zusammentreffen.

Jeebleh, der Professor für italienische Literatur aus „Links“ begleitet seinen Schwiegersohn Malik, einen Journalisten, nach Mogadishu. Malik und sein Bruder Ahl sind Exilsomalier, die niemals zuvor in der Heimat ihres Vaters waren. Die beiden sind auf der Suche nach Taxlill, Ahls Stiefsohn, der sich in den USA der radikal-islamistischen Gruppierung Al Shabaab angeschlossen hat und dessen Aufenthaltsort im Norden Somalias, in Puntland, vermutet wird.

Alle Romane von Nuruddin Farah handeln von und über Somalia. Seit beinahe 40 Jahren ist der Autor im Exil und schreibt über sein Land, das er durch sein Schreiben „am Leben erhalten“ möchte. Unermüdlich kritisiert er die stereotypen Darstellungen seiner Heimat, korrigiert Sichtweisen und hält Zwiesprache mit seinen Romanfiguren. Entstanden ist ein Romanzyklus, der ein differenziertes und komplexes Bild einer Nation auslotet.

In „Gekapert“ bildet die Piraterie den Erzählstrang, an dem sich der Autor durch sein Land bewegt. Von Mogadischu bis nach Puntland, der so genannten Piratenhochburg, folgen wir den Hauptfiguren. Verortet hat der Autor seine Handlung kurz vor dem Einmarsch der äthiopischen Truppen, der zur Flucht der Islamisten aus Mogadishu geführt hat.

Für Malik bedeutet diese Entwicklung, dass er seine Recherchen und Reportagen direkt aus dem Krisengebiet verfassen kann. Seine Interviews mit Piraten, Informanten und Hintermännern von dubiosen Geschäften bringen ihn in eine exponierte Lage. Während sein Bruder Ahl in Puntland seinen Stiefsohn findet und mit ihm unter gefährlichen Umständen ausreist, wird Malik in Mogadishu das Opfer eines Anschlags. Nur mit Mühe gelingt es Cambara und ihrem Netzwerk an Helfern ihn zu retten.

Die vielschichtige Erzählstruktur korrespondiert mit der unübersichtlichen Lage in Somalia. Einen sicheren Ort scheint es nicht zu geben. Gleichzeitig werden die Wohnungen der Protagonisten ausführlich beschrieben und die Beschreibung der Zubereitung der Speisen und das gemeinsame Essen werden zelebriert. Die Küche als Ort der Kultur bildet den Gegenpart zur chaotischen Welt draußen.

Nuruddin Farah schildert in "Gekapert" die fatalen Auswirkungen der Verstrickung von globalen und lokalen Machtinteressen. Das somalische Sprichwort, „Die Schuhe eines Toten sind nützlicher als er“,  scheint zum Leitspruch von Generationen geworden zu sein. Dem Sog der Gewalt tritt der Autor mit der Macht der Erzählenden entgegen. Wer immer dieses Buch aufschlägt, wird es zu Ende lesen.

 

Gekapert. Roman von Nuruddin Farah, aus dem Englischen von Susann Urban, Suhrkamp Verlag Berlin 2013, ISBN: 978-3-518-42362-2

www.suhrkamp.de

 

 

 

 

 







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