Datum: 25.08.13 10:18
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Die Autobiographie meiner Mutter. Roman von Jamaica Kincaid

Unionsverlag

Alfred Richardson hat graue Augen, rotes Haar und eine lange Nase. Seine Haut schimmert kupferfarben. Sein Vater war ein Mann aus Schottland, seine Mutter eine Frau aus dem afrikanischen Volk. So erinnert sich eine Tochter an ihren Vater. An das Gesicht ihrer Mutter hat sie keine Erinnerung.

Im 1995 erstmals erschienenen Roman „Die Autobiographie meiner Mutter“ lässt Jamaica Kincaid ihre Protagonistin Xuela Claudette Richardson einen schonungslosen Blick auf ihr Leben werfen. Wie in ihren ersten beiden Romanen „Annie John“ und „Lucy“ erzählt eine unbeugsame Frau vom Leben auf den „Kleinen Antillen“.

Die Autorin wurde 1949 in Antigua geboren und wanderte mit siebzehn Jahren in die USA aus, wo sie zunächst als Au-pair-Mädchen arbeitete. Heute unterrichtet sie Literatur am McKenna College und an der Harvard University. Mit ihren literarischen Figuren kehrt sie immer wieder in ihre Heimat, die sie in einem Interview als „vertrottelte Nation“ bezeichnet hat, zurück.

Domenica, die Insel, die von den Kariben den Namen „Ihr Körper ist hoch“ bekommen hat, ist der Schauplatz des großen Monologs über eine Mutter, die in dem Augenblick stirbt, als ihr Kind geboren wird. „In meinem Rücken war immer ein kalter, schwarzer Wind.“ Mit diesem Bild zum Auftakt wirft die siebzigjährige Xuela einen kalten Blick auf sich und ihre Vergangenheit. Die ersten Jahre verbringt sie bei einer teilnahmslosen Pflegemutter, später wird sie in die Familie des Vaters aufgenommen. Ihre Stiefmutter versucht sie umzubringen, ihre Geschwister gehen ihr aus dem Weg. Sie heiratet einen Mann, den sie nicht liebt und verliebt sich in einen Mann, der verheiratet ist.

Die Kulisse des Plots verortet Jamaica Kincaid zwischen „Siegern und Besiegten“. Die Auswirkungen von Rassenhass und Kolonialismus bilden den Ursprung und das Ende der Litanei einer zornigen Frau, die ihre intimsten Momente einer Leserschaft vor die Füße spuckt.

Das von der Autorin geschickt eingesetzte Stilmittel der Wiederholung spannt den Bogen von der tradierten Erzählweise der karibischen Diaspora zu den hypnotisierenden rassistischen Zuschreibungen der Kolonisatoren. Aus diesem Spannungsfeld kreiert Jamaica Kincaid eine Protagonistin, die ein Leben in einer versteckten Autonomie wählt, innerlich unabhängig und unerbittlich, nach außen hin von allen Faktoren eines fremdbestimmten Daseins geprägt.

Unbeobachtet wirft Xuela Steine, und sie trifft verblüffend genau. Sie trifft nicht nur den Affen, der ihr auf dem Heimweg von der Schule eine Wunde an der Stirn zufügt. Sie schleudert ihre Steine verborgen in die Welt. Ihre harten Worte klingen lange nach.

Jamaica Kincaid, Die Autobiographie meiner Mutter. Aus dem Englischen von Christel Dormagen, Unionsverlag, Zürich. ISBN: 3-293-20627-1

www.unionsverlag.com

 







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