Datum: 25.02.14 17:45
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Wie Spreu im Wind. Roman von Maryse Condé

www.unionsverlag.com

Als Maryem nach vielen Jahren ihren Sohn Mohammed wieder in die Arme schließt, hat er bei Kampfhandlungen ein Bein verloren und ist vom Wunsch nach Segu zurückzukehren besessen. Als Sohn von Tiékoro Traoré, des ersten Märtyrers des Islam vom Volk der Bambara, ist ihm die Unterstützung des neuen Herrschers in Segu, El-Hadj Omar, sicher.

Dem Niedergang des einst mächtigen Königreichs Segu hat die Autorin Maryse Condé einen zweiten Roman gewidmet. Wie kaum eine andere Autorin versteht sie es, historische Tatsachen mit literarischer Fiktion zu verweben. Anhand des Schicksals der Nachkommen von Dusika Traoré, des tragischen Helden aus dem Roman „Segu“, wird die Zeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit all ihren Wirrnissen und grausamen Wendungen lebendig. Der deutsche Titel „Wie Spreu im Wind“ ist vom Übersetzer Uli Wittmann gut gewählt, die Traorés sind über ganz Westafrika bis nach Jamaica verstreut. Oftmals wissen sie nichts voneinander, wenn aber einer heimkehrt und in den Hof der Traorés einzieht, dann ist ihm ein festlicher Empfang gewiss.

1861 erobert die muslimische Armee von El Hadj Omar die Stadt Segu. Der mächtige Sitz des Königs der Bambara soll ein Zentrum der moslemischen Tradition werden. Im selben Jahr gelingt es der Kolonialmacht Frankreich immer weiter in das Landesinnere vorzudringen. Mit dem französischen Heer und seinen Söldnern kommen die christlichen Missionare. Die animistischen Traditionen, die den Alltag und das Zusammenleben in Segu geprägt und geregelt haben, werden verboten.

Entlang dieser historischen Tatsachen entwirft Maryse Condé ihre Figuren und deren Schicksale. Die Gewalt von außen spiegelt sich in den Familien wider. Unterschiedliche politische und religiöse Ansichten entzweien die Nachkommen von Dusika Traoré. Als Mohammed, der Enkel des ältesten Sohnes Tiékoro, nach Segu zurückkehrt, ist er bereits verheiratet und seine Frau Awa erwartet ihr zweites Kind. Mohammeds Anspruch, ein guter Moslem zu sein, wird von seiner Frau und einigen Familienmitgliedern unterwandert. Nach der Geburt seines Sohnes wird dem Fetischmeister der Familie gestattet, seine rituellen Gebete zu sprechen. Mohammed hadert mit sich und der Welt und entscheidet sich letztendlich dem Islam ganz und gar zu dienen. Er geht sogar so weit und verlässt seine erste Frau und seine Kinder.

Die Zerrissenheit Mohammeds wird später von seiner zweiten Frau Ayisha so beschrieben: „Er war ein guter Moslem und er war ein guter Bambara“.  

Mit der facettenreichen Schilderung der Frauen der Traorés gelingt es der Autorin die gesamte Tragweite des gesellschaftlichen Umbruchs in Segu und im gesamten westafrikanischen Raum zu entwerfen. Awa, eine Sklavin aus dem Volk der Bozo, verlässt mit ihren beiden Söhnen das Anwesen der Traorés und begegnet wiederum einem Traoré. Olubunmi, der als Söldner im französischen Heer gedient hat und aus dem Senegal zurückkehrt, verliebt sich in Awa, der er in einem Dorf unweit von Segu begegnet.

Kriege werden nicht nur mit Waffengewalt geführt, es sind die Frauen, die leiden. Nach einer Vergewaltigung ist Awa schwanger und bekommt ihren dritten Sohn von einem Mann aus der Familie Traoré. Die Söhne Awas besiegeln schließlich das Schicksal der Familie Traoré. Ohne sich zu kennen oder zu erkennen, töten sie einander und sich selbst.

Segu wird ein zweites Mal besiegt, diesmal sind es die Franzosen, die die Stadt einnehmen.

„Die Stadt mit nur einem Tor, durch das man sie betritt, und nur einem Tor, durch das man sie verlässt, die Stadt, die von einer Mauer umgeben ist.“ Diese Zeilen der Griots klingen nach, wenn Omar Traoré, der jüngste Sohn von Mohammed, aufbricht, um die Franzosen aus Segu zu vertreiben.

Was wollen die Weißen? Ist die zentrale Frage, die sich viele Menschen in Westafrika stellen. Auch diese Frage konnten die Griots nicht beantworten, doch bis heute klingt diese Frage nach.

 

Maryse Condé. Wie Spreu im Wind. Roman. Aus dem Französichen von Uli Wittmann. Unionsverlag 2013. ISBN: 978-3-293-20629-8

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