Datum: 06.04.14 16:27
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Rafiki. Roman von Meja Mwangi

Es kann vorkommen, dass der Musiker Rafiki im Schlaf von einer Melodie überrascht wird, die er dann sofort auf seiner Gitarre spielen muss. Nicht nur diese künstlerischen Freiheiten führen zu Konflikten mit seiner Frau Sweettea.

Jeden Morgen macht sich Rafiki auf den Weg zu den Hotspots von Nanyuki, um seine Lieder einem zahlenden Publikum vorzutragen. Leider ist Nanyuki nicht unbedingt eine Stadt der Freigiebigen. Wenn er vor einem Lokal oder Geschäft spielt, kann es vorkommen, dass er verjagt wird. Seine Einkünfte gestalten sich bescheiden, obwohl er über ein großes Talent an Selbstmarketing verfügt. „Man Guitar“, schreit er ins Mobiltelefon, wenn sein Klingelton erschallt.

Mit Rafiki alias Man Guitar hat Meja Mwangi einen Protagonisten ins Zentrum seines gleichnamigen Romans gestellt, der den Unwirtlichkeiten des Lebens mit Charme, List und Optimismus entgegentritt.  Kiswahilisprachige werden nicht verwundert reagieren, wie sonst sollte ein Mann agieren, dessen Name „Freund“ bedeutet. Die Figuren, die Rafiki durch seine Stadt begleiten, sind so vielfältig wie die Landschaften Kenias. Wir begegnen Taxifahrern aus allen Teilen des Landes, Arbeitern, Politikern, Geschäftsleuten, zahlreichen Lebenskünstlern und auch jenen, die das Gesetz gern umgehen. Meja Mwangis Kritik am politischen System in Kenia beginnt und endet - wie so oft in seinen Romanen - mit einem Augenzwinkern. Der Schauplatz des Romans, Nanyuki,  liegt im Rift Valley und ist die Geburtsstadt Meja Mwangis.

Rafikis Frau kehrt zu ihrer Familie zurück, weil es Rafiki nicht gelingt, das Schulgeld für seine Kinder zu bezahlen. In seiner Verzweiflung überfällt er ein Elektrowarengeschäft, das zwei indischen Händlern gehört. Manu und Manish Patel, die Besitzer, stehen kurz vor dem Konkurs.

Um den unangenehmen Teil der Begegnung ins Positive zu verkehren, beginnt Rafiki ungefragt für die beiden zu arbeiten. Er treibt die Schulden der Bürger, die auf Raten eingekauft haben, ein. Ratenzahlungen sind eine beliebte Strategie in Nanyuki, um letztendlich gar nicht zu bezahlen. Die Tätigkeit des Schuldeneintreibers wird gleich bewertet wie ein Dasein als Dieb. Schon bald wird Rafiki überall als Fernsehdieb bezeichnet. Im Geschäft türmen sich die gebrauchten Kühlschränke, TV- und Küchengeräte. Im Übrigen zählt auch ein Kunde namens Meja Mwangi zu den Schuldnern. Und ja, Sie vermuten richtig, dieser Meja Mwangi ist nicht zu fassen. „Kuna na kulipa“, wird zum neuen Slogan in Majenga, einem Stadtteil mit besonders vielen Schuldnern. „Du isst, du bezahlst“ bietet in manchen Stadtteilen einen Interpretationsspielraum.

Die geniale Übersetzung von Thomas Brückner, der die vom Autor im Original verwendeten Kiswahili-Zitate beibehalten hat, lässt Lesende unmittelbar teilhaben. Rafikis Reise durch die Seriennummern von beschlagnahmten Geräten wird zu einer Tour mit nur einem Ziel.

Denn letztendlich gelingt es Rafiki seine Frau wieder zu sehen. Sie möchte Gouverneurin werden und die politische Landschaft verändern. Nachdem sie sich seiner Unterstützung versichert hat, gibt es einen neuen Handlungsspielraum.

Diese Hoffnung haben der Autor und sein Protagonist gemeinsam. Ein wenig ist es so, wie wenn der handwerklich begabte Sohn von Rafiki ein defektes Gerät repariert. Manchmal genügt es, die Schraube in die andere Richtung zu drehen.

Der vielfach ausgezeichnete Autor hat mit diesem Roman ein Zeitdokument über die Lebensbedingungen eines Großteils der kenianischen Bevölkerung vorgelegt. Der Alltag als Abenteuer kann dem literarischen Genre der Komödie zugeordnet werden, die Realität der Armut und die Auswirkungen auf die kenianische Gesellschaft klingen nach, wie bei jedem wahrhaftigen Lied, das Man Guitar anstimmt. 

Meja Mwangi. Rafiki. Aus dem Englischen von Thomas Brückner. Peter Hammer Verlag 2014, ISBN 978-3-7795-0482-5

 

 

 







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