Datum: 19.06.14 21:55
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Americanah. Roman von Chimamanda Ngozi Adichie

Haare sind ein Politikum. Wer, welche Frisur zu welchem Anlass trägt, wird beobachtet und interpretiert. Erinnern Sie sich an die Kommentare zur Frisur von Michelle Obama, die es sich und der Nation erlaubte, ihre Haare in der zweiten Amtszeit anders zu tragen.

Die Protagonistin in Chimamanda Ngozi Adichies Roman „Americanah“ weiß um die Bedeutung von Haaren. Als sie in einem dieser Drehsessel in einem Frisiersalon in Trenton/USA Platz nimmt, ist Barack Obama in seiner ersten Amtsperiode. Michelle Obama trägt ihre Haare geglättet und ihre Stirn ist frei.

Ifemelu lässt sich Extensions machen. Die langen Zöpfe werden mit Kunsthaaren eingeflochten.  Diese Prozedur ist schmerzhaft und dauert Stunden. Stunden, in denen sie ihr bisheriges Leben Revue passieren lassen kann. Dieser Friseurbesuch ist kein gewöhnlicher, der alle paar Wochen stattfindet. Diese Frisur ist ebenfalls keine gewöhnliche, es ist die Rückkehrerinnenfrisur.

Ifemelu hat beschlossen nach fünfzehn Jahren in den USA, in ihr Herkunftsland Nigeria zurückzukehren. Nur wenige Menschen verstehen diese Entscheidung. Ifemelu ist erfolgreich in den USA, sie hat ein Stipendium in Princeton, sie schreibt einen Blog, von dem sie leben kann, sie hat die Staatsbürgerschaft. Nach sechs Stunden im Frisiersalon, einem Schokoriegel und zahlreichen Gesprächen mit der Frau, die ihre Haare flicht, ist die Frage, weshalb sie zurückkehrt nicht geklärt, sie weiß nur, sie muss zurück. Mit dieser diffusen Erklärung verlässt sie Blaine, ihren Freund, und landet in Lagos.

Mit diesem Roman hat die Autorin ein zeitgenössisches Epos über die großen Themen des noch so kurzen 21. Jahrhunderts geschrieben - die wachsende Kluft zwischen reich und arm, Migration, Arbeit und Arbeitssuche und nicht zuletzt Rassismus in allen Facetten.

„Ich wurde erst schwarz, als ich nach Amerika kam“, lässt Chimamanda Ngozi Adichie ihre Protagonistin in ihrem Blog „Raceteenth“ schreiben.  

Der Blog fungiert als Buch im Buch, eine Art literarisch-politischer Almanach der Gegenwart. Identitäten, wechselnde und verwunschene, tatsächliche und tatkräftige, werden hier verhandelt, wagemutig gewogen oder verworfen.

In Lagos wird für Ifemelu die Frage der Hautfarbe zwar obsolet, sie wird aber überall als jemand, der in den USA war, erkannt und „Americanah“ gerufen. 

Adichies großes Talent, den Alltag ihrer Figuren plausibel darzustellen, manifestiert sich in ihren Dialogen, die zwischen philosophischen Betrachtungen und Einkaufszettellektüre changieren. Die Poesie im Adichie-Kosmos ist so vielfältig wie die Welten, in denen ihre Hauptfiguren sich bewegen.

Eine große Liebesgeschichte spannt den Bogen zwischen den Kontinenten. Ifemelu und Obinze sind das Liebespaar während ihrer gemeinsamen Schulzeit in Nigeria. Ifemelu bricht den Kontakt zu Obinze nach ihrer Übersiedlung in die USA ab. Obinze versucht in London Fuß zu fassen, wird aber als illegaler Einwanderer von der Polizei aufgegriffen und landet wieder in Nigeria. Es gelingt ihm eine Karriere als Immobilienmakler in Lagos, er gründet eine Familie.

Die großen Themen der Weltliteratur, die Liebe und der Tod, werden von Chimamanda Ngozi Adichie souverän, mit dem ihr eigenen musikalischen Unterton, dem Crescendo von ungeduldigen Sirenen und dem Allegro von unbeschwerten Mozartmelodien verhandelt. Und am Ende, wenn alles verloren scheint, besinnen sich die Liebenden und werden das, was sie schon immer waren. Was das ist, wird nicht verraten. In jedem Fall ist dieser Roman ein intensives Leseerlebnis.

Chimamando Ngozi Adichie, Americanah. Roman, aus dem Englischen von Anette Grube. S. Fischer Verlag 2014. ISBN  978-3-10-000626-4

 

 

 

 

 







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