Datum: 24.08.14 16:40
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Ladivine. Roman von Marie NDiaye

Suhrkamp Verlag

In einem Land ohne Namen, das heiß, schmutzig und gleichzeitig anziehend ist, verschwindet Ladivine spurlos. Ein klassischer Familienurlaub, Vater, Mutter und zwei Kinder. Ein einziges Mal wollten sich Mark und Ladivine einen Urlaub jenseits der Lüneburger Heide, bei Marks Eltern, gönnen. Die Strafe für diesen versuchten Ausbruch aus der Idylle wird schon zu Beginn des Urlaubs manifest. Nichts ist wie es scheint. Vielleicht wird Ladivine auch einfach nur ihr anfänglicher Wunsch erfüllt und sie verwandelt sich in einen zotteligen Hund, genau den, der ihr ständig folgt in diesem Land ohne Namen, in dem so viele Menschen Ladivine ansprechen und zu kennen glauben. 

Marie NDiaye, die 2009 den Prix Goncourt für ihren Roman „Drei Frauen“ erhalten hat, erzählt in ihrem neuen Roman wiederum von drei Frauen. Diesmal sind es drei Generationen, die Großmutter und die Enkelin heißen Ladivine und werden sich nie begegnen. Die Frau, die die beiden durch ein untrennbares Band verbindet heißt Malinka und nennt sich Clarisse. Mit ihr beginnt der Reigen aus Verrat, Schuld und Strafe, den die Autorin wie einen dreiflügeligen Altar aufbaut. Jeder Frau wird ein Flügel gemalt und schnell wird klar, selbst ein Altar ist nicht heilig. Nichts ist wie es scheint, die Realität ist ein fragiles Gemälde, das zwischen Frankreich, Deutschland und dem Land ohne Namen entsteht.

Es ist einfach seinen Namen zu ändern, aus Malinka wird Clarisse, doch die Verleugnung ihrer Herkunft hinterlässt eine leere Hülle, die sie letztlich nicht schützt. Viele Male wird Malinka alias Clarisse ihre Mutter in der Öffentlichkeit verleugnen und ihre Mutter wird es still dulden. „Die Dienerin“ wie sie ihre Mutter nennt, ist schwarz und tatsächlich bedient sie in den Haushalten der Weißen. Malinkas Haut ist so weiß wie die der Dienstgeber der Mutter. Der vermeintliche Vorteil des Weißseins wird sich nicht erfüllen. Malinka findet ein grausames Ende.

Einzig die Großmutter, Ladivine Sylla, ist die, die am Unversehrtesten bleibt. Zumindest nach außen hin bewahrt sie die göttliche Gabe des Annehmens eines Lebens, das vorbestimmt scheint. Nicht von ungefähr bedeutet Ladivine „die Göttliche“.

Symbole, Anspielungen auf Fabelwesen und eine ebenso verwirrende wie oberflächlich eingesetzte Mythologie bestimmen diesen Roman. Manchem literarischen Einfall möchte man zurufen, ich weiß, welches Ende das nehmen wird. Die Handlungsweisen der Figuren sind zu oft vorhersehbar und nicht einmal der lakonische Erzählstil der Autorin macht diese Facette des Romans wett. Nichts überrascht oder lässt ein wenig Spielraum zu atmen und zu denken. Alles wird vorgekaut, zermalmt und ausgespuckt. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb Hunde in diesem Roman eine zentrale Rolle spielen. Sie sind die Boten, die ein Ereignis ankündigen und die Protagonistinnen begleiten.

Ein schaler Geschmack bleibt kleben am Ende der Seiten und verstimmt legen wir das Buch beiseite. Einzig ein Brecht-Zitat entlockt ein Schmunzeln: „Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ 

Ladivine. Roman von Marie NDiaye. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp Verlag Berlin 2014, ISBN: 978-3-518-42426-1

www.suhrkamp.de

 

 

 

 

 







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