Datum: 17.02.15 16:23
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Morgen werde ich zwanzig. Roman von Alain Mabanckou

Liebeskind Verlag

Rindfleisch mit Bohnen ist das Lieblingsgericht des zehnjährigen Michel. Mama Pauline kocht es bevorzugt an Tagen, an denen Papa Roger bei ihnen wohnt. Michel wartet geduldig, bis Papa Roger ihm sein großes Stück Fleisch überlässt. Allerdings gibt es Tage, an denen das nicht passiert und Papa Roger vergnügt kauend sein Fleisch alleine aufisst. An solchen Tagen hat Michel nicht einmal Lust Radio zu hören.

Das Radio hat Papa Roger eines Tages von seiner Arbeitsstelle, einem Hotel, mitgebracht. Ein Gast hat es ihm geschenkt.

Alain Mabanckou stellt in diesem Roman sein Alter Ego vor, Michel. Der Zehnjährige lebt in Pointe Noir, der zweitgrößten Stadt der Republik Kongo. Die Träume, Hoffnungen und Niederlagen Michels sind gekoppelt an die Realitäten der Republik Kongo, die sich in den 1970iger Jahren zwischen Aufbruch und Rückschritt bewegt. Der Autor verwebt sein umfangreiches Wissen aus Philosophie, Politik und Geschichte mit den Nöten und Ängsten eines Zehnjährigen, der davon träumt, zwanzig zu sein. Der hintergründige Witz, das bevorzugte Stilmittel in Mabanckous Romanen hält auch hier, was es verspricht. Ein Chanson von Georges Brassens, in dem dieser sein Alter Ego besingt, wird zur heimlichen Hymne von Michel.

Die Doppelbödigkeiten und Widersprüchlichkeiten, die das Leben für den wissbegierigen Michel bereit hält, werden durch markante Figuren verdeutlicht. Sein Onkel René, der sich als Kommunist bezeichnet, Bilder von Lenin und Marx über seinem Esszimmertisch hängen hat, gleichzeitig gute Geschäfte macht und auf das Erbe der Großmutter von Michel spekuliert. 

Papa Roger, der eigentlich sein Stiefvater ist, und eine erste Familie mit sieben Kindern hat.

Die Familie Mutombo, mit deren Kindern Michel befreundet ist, ist eine klassiche Vater-Mutter-Kinder-Konstellation. Die Tochter Caroline ist die erste große Liebe von Michel und ihre Forderungen nach einer gutbürgerlichen zukünftigen Existenz mit roter Limousine, weißem Hündchen und zwei Kindern überfordern den der Grundschule noch nicht Entwachsenen.

Helfen können in solchen Situationen nur außergewöhnliche Interventionen. Wie etwa der Besitz eines Radios und eines Buches von Arthur Rimbaud, das zur Büchersammlung von Papa Roger gehört. „Eine Zeit in der Hölle“, die großen Worte des achtzehnjährigen Rimbaud beeindrucken Michel, aber am meisten mag er das Cover des Buches, ein Portrait Arthur Rimbauds. Das Bildnis Rimbauds wird zum Symbol des Trostes, ganz so wie der im Radio oft thematisierte Schah von Persien, der als moderner Nomade durch die Welt zieht, die Empathie des Zehnjährigen auf sich zieht. Am Ende wird ihm Caroline durch die Bekanntschaft mit Rimbaud und dem Radio ewige Treue schwören.

Ein vielschichtiges Portrait einer Nation mit einem jungen Erzähler, der einen erfrischenden Blick auf seine kleine als auch auf die große Welt wirft. Ein Buch über ein gelingendes Träumen in Zeiten des Umbruchs.

Und auch die Frage, wo die vielen Flugzeuge landen, die wir am Himmel sehen, wenn wir es wagen, im Gras zu liegen, wird in diesem Buch ausreichend beantwortet.

Wer immer in Wien lebt, dem wird Alain Mabankou diese Geschichte gern erzählen:

Er liest am Montag,

23. Februar 2015 um 19 Uhr

in der Hauptbücherei Wien

Urban Loritz Platz 2a

1070 Wien

Moderation: Simon Inou

Deutsche Textlesung: Robert Reinagl

 

 

 

 

 

 







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