Datum: 08.04.15 10:30
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Wir brauchen neue Namen Roman von No Violet Bulawayo

www.suhrkamp.de

Guaven machen satt und zergehen auf der Zunge wie Karamellbonbons. Die Glücklichen, die sie essen, bekommen eine Ahnung vom paradiesischen Leben. Guaven sind voller Widersprüche, sie sind auch Früchte des Zorns. Sie verstoßen gegen jegliche Naturgesetze, wachsen im Stadtteil Budapest und nicht im Stadtteil Paradise. Täglich wandern Bastard, Chipo, Godknows, Sbho, Stina und Darling vom armen „Paradise“ ins reiche „Budapest“, um Guaven zu stehlen und satt zu werden. Ein ausgeklügeltes System von Wegen und Pausen verhindert, dass die jugendlichen Diebe erwischt werden.

Mit ihrem Debüt „Wir brauchen neue Namen“ hat sich die Autorin No Violet Bulawayo auf Anhieb eine Nominierung beim Man Booker Prize 2013 erschrieben. Auch sie hat sich einen neuen Namen gegeben, ihr Pseudonym ist ein Konglomerat aus dem Gedenken an ihre Mutter Violet und an die Stadt Bulawayo, die zweit größte Stadt in Zimbabwe. Geboren wurde sie 1981 als Elizabeth Zandile Tshehele in Zimbabwe. Mit achtzehn Jahren wanderte sie in die USA aus.  

Mit ihrer Protagonistin Darling hat sie eine geniale junge Erzählerin geschaffen, die ihre Welt mit ungetrübtem und leidenschaftlichem Blick schildert. Die Sprache, die No Violet Bulawayo wählt, changiert zwischen den kolorierten Tönen eines verunsicherten Kindes und der umwerfenden Naivität der vermeintlich Allwissenden. So entsteht eine dichte Atmosphäre von Wahrheit und Lüge, in der sich die Kinder und Jugendlichen bewegen.

Wie groß die Verzweiflung und Not in einem zutiefst repressiven System ist, welche Auswirkungen Aids für die Familien hat, das Tabu des Kindesmissbrauchs und die ewige Suche nach dem Glück in den USA oder in Europa bilden die Haupterzählstränge. 

Darling wird von ihrer Tante in die USA eingeladen und kehrt nicht mehr zurück. Die Guaven wachsen weiterhin in Budapest. Ein einziges Mal schaffen es die zurück gebliebenen Freunde, ihr ein Paket mit diesen wundersamen Früchten zu schicken. Der Duft der Guaven wird für einen kurzen Moment zum  längst vergessenen Element einer vergangenen Verbindung.

Die Herausforderungen der neuen Umgebung sind für Darling vielfältig und fordernd. Sie erobert sich ihre neue Lebenswelt auch durch eine neue Sprache und durch neue Namen. Sie gibt vielen Personen neue Namen und macht so aus tragischen erträgliche Situationen. Als  Kofi, der Freund ihrer Tante, seinen Sohn im Irak-Krieg verliert, versucht er sein Trauma durch mehr oder weniger ziellose Autofahrten zu bewältigen. Vasco da Gama wird zu seinem zweiten Namen.

No Violet Bulawayo hat mit Darling nicht nur einer Generation von auswanderungswilligen jungen Afrikanerinnen eine Stimme gegeben, sie hat ein eindrückliches Stimmungsbild von den Vor- und Nachteilen des Bleibens und des Gehens geschaffen. Wir brauchen neue Namen ist ein beachtliches Debüt, einfühlsam und erbarmungslos, im Sinne der Dichtung und des Lebens. 

 

Wir brauchen neue Namen. Roman von No Violet Bulawayo. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. Suhrkamp 2014, ISBN: 978-3-518-42451-3







Kommentare

Keine Einträge

Kommentarformular

öster News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz
18. August
2019mehr
Sonntag

Suchen & Finden



Letzte Kommentare

Keine Einträge

designed and implemented by BILCOM