Datum: 13.12.15 13:49
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Ein Sturm wehte vom Paradiese her. Roman von Johannes Anyuru

Einmal hatte er mit Idi Amin an einem Tisch gesessen. Es war eher eine zufällige Begegnung. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht war es arrangiert worden, weil er einer der hoffnungsvollsten zukünftigen Kampfpiloten Ugandas war. Idi Amin war noch nicht Präsident. Doch er hatte in der Armee bereits eine beachtliche Karriere gemacht.

Der mehrfach ausgezeichnete schwedische Lyriker, Johannes Anyuru, hat einen Roman über das Leben seines Vaters geschrieben. Ein Vater, der einfach nur fliegen wollte, und dessen große Leidenschaft ihm zum Verhängnis wurde.

1967 ist P. einer von acht jungen Soldaten aus Uganda, die nach Griechenland geschickt werden, um dort die Ausbildung zum Kampfpiloten zu machen. Noch während seines Studiums kommt es zum Staatsstreich in Uganda. Die grenzenlose Freiheit, die P. in der Luft verspürt, möchte er nicht dem an die Macht gekommenen Idi Amin opfern. Er ist der Einzige, der nicht nach Uganda zurück kehrt.

Stattdessen schifft er sich nach Italien ein, wo eine Cousine von ihm lebt. Sein Leben in Europa scheint gesichert zu sein. Der junge P. erträumt sich eine hoffnungsvolle Zukunft. Er möchte fliegen, aber bereits sein erster Auftrag führt ihn zurück nach Afrika. In einem ostafrikanischen Land wird er der Spionage verdächtigt. Während stundenlanger Verhöre und Folterungen verneint er immer wieder, Idi Amin jemals begegnet zu sein.

Dieses Verhör ist der Ausgangspunkt der Betrachtungen über das Leben eines Vaters, der nicht wirklich präsent war. Nun am Ende seines Lebens,  in seinem letzten Sommer, möchte er Zeit mit seinem Sohn verbringen.

Aufmerksam liest der Schriftsteller die Aufzeichnungen seines Vaters über seine Zeit im Gefängnis. Grausamkeiten und absurde Anschuldigungen wechseln mit stereotpyen Darstellungen von Wärtern, die zwischendurch die obligatorische Zigarette reichen, damit sich der Häftling P. doch noch besinnt und alles zugibt.

„Ich wollte einfach nur fliegen“ ist der zentrale Satz dieses Verhörs und das Motto dieses Lebens auf der Flucht. Der junge Flieger P. beantragt letztendlich Aysl in Tansania. Sein Antrag wird in die Länge gezogen, die Behörden arbeiten langsam und gründlich, das mag einer aufmerksamen Leserschaft bekannt vorkommen. Seine Flucht aus dieser ausweglosen Situation spiegelt die Zufälligkeiten und Willfährigkeiten eines Lebens, das von der Geschichte überholt wird. Diese Distanz kann selbst die Liebe nicht überwinden. Die junge schwedische Frau, der P. in Nairobi begegnet, erkennt die Misere des Fliegers. Doch auch in Schweden ist die Freiheit, die P. sucht, nur von kurzer Dauer.

Die Lektüre von Frantz Fanon und Walter Benjamin begleitet den Autor in diesem Sommer, als sein Vater stirbt. Nicht immer gelingt es ihm, auf die Anrufe seines Vaters sofort zu reagieren. Zu viele eigene Erinnerungen spiegeln sich in den Aufzeichnungen des Vaters.

Manch Unausgesprochenes findet sich in dieser poetischen Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Tod des Vaters. „Ein Sturm wehte vom Paradiese her“ ist wohl der schönste und wahrhaftigste Titel für dieses ungewöhnliche Buch. Das Zitat von Walter Benjamin bezieht sich auf die Interpretation eines Bildes von Paul Klee, „Angelus Novus“. Ein Sturm weht einen Engel weg von den Trümmern der Vergangenheit in eine ungewisse Zukunft. „Der Engel der Geschichte“ hat Johannes Anyuru ebenso gerührt wie Walter Benjamin. Entstanden ist ein Roman, der stürmischen Zeiten die Kraft der Poesie entgegensetzt.

 

Johannes Anyuru. Ein Sturm wehte vom Paradiese her. Roman. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Luchterhand 2015, ISBN: 978-3-630-87490-6

www.luchterhand-literaturverlag.de







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