Datum: 06.08.16 10:33
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Tram 83. Roman von Fiston Mwanza Mujila

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Lachende Hunde begleiten den Schriftsteller Lucien bei seiner Verhaftung. Es bleibt ein Rätsel, ob diese Sequenz zur geträumten Vergangenheit oder zur gelebten Realität des Protagonisten Lucien gehört. Ein wortgewaltiges und wirres Kapitel, ganz so wie die Verhältnisse im fiktiven Staat Stadtland geschildert werden.

In seinem Debütroman „Tram 83“ versammelt Fiston Mwanza Mujila gestrandete, hoffnungsvolle und zwielichtige Figuren in einem gleichnamigen Nachtclub. Geboren in der Demokratischen Republik Kongo, ausgewandert nach Europa, Stadtschreiber 2009/2010 in Graz, hat er natürlich auch dieser Stadt in seinem Roman ein wenig Glanz verliehen. „Entführe mich nach Graz“, sagt eine der beinahe unzähligen Gelegenheitsprostituierten zu Lucien, aber auch zu jedem anderen potentiellen Kunden im Nachtclub Tram 83. Die Rollen sind geläufig verteilt, die Frauen die Waren, die Männer, die mit dem Geld. Wer kein Geld hat, wird ausgegrenzt, verlacht und selbstverständlich wird einem das Bier nicht geöffnet, wenn man nicht ordentlich Trinkgeld auf den Tisch legt.

Der Schriftsteller Lucien, wegen einem seiner Texte verfolgt, schreibt unentwegt an einem Stück, versteckt sich bei seinem besten Freund Requiem, der sein Geld mit zweifelhaften Fotos und anderen dubiosen Geschäften verdient. Natürlich ist das keine echte Freundschaft, vielmehr ist es eine unmissverständliche Kränkung, die die beiden verbindet. Es geht – und das verwundert nicht – um eine Frau. Meist aber kreisen die beiden um sich selbst. Ein Verleger, die Prostituierten, die auftretenden Musikgruppen, die mehr oder weniger Jazz zelebrieren und zahlreiche glücklose Minenarbeiter bilden den einen Strang der Erzählung. Eingebettet wird die Geschichte in das willkürliche Treiben eines Generals, der Herrscher über Stadtland ist, und dessen Freizeitbeschäftigung in der Vergabe von Minenrechten besteht.

Die Handlung wird von einer rasanten Sprache getragen. Vielleicht rettet das die viel zu oft bedienten Klischees von den allzeit bereiten schwarzen Frauen, die von den Männern in Po-Kategorien eingeteilt werden. Bei der Gelegenheit erinnere ich mich gern an „Black Bazar“ von Alain Mabankou. Die ironische Art, wie der aus dem Nachbarland Kongo/Brazzaville stammende Autor mit den Männerphantasien umgeht, vermisse ich bei Fiston Mwanza Mujila.  Der Rhythmus der Sprache, aber auch die Bar als Ort des Geschehens sowie die Anspielungen aus Philosophie und Politik erinnern in frappanter Weise an Alain Mabankou. Dieser Umstand ist wohl bedeutungslos, denn keinem angesehenen Literaturkritiker ist eine Parallele aufgefallen.

Minenarbeiter graben sich durch den Roman, die Jazzarrangements klingen bis nach Kinshasa und der Autor Fiston Mwanza Mujila kocht seine Worte mit Chili aus Nachbars Garten. Der Erfolg sei ihm vergönnt, schon lange hat kein Autor afrikanischer Herkunft von Graz aus die Welt erobert. Genau genommen, noch nie. Glück auf! 

Fiston Mwanza Mujila. Tram 83. Roman. Aus dem Französischen von Katharina Meyer und Lena Müller. Paul Zsolnay Verlag Wien 2016. ISBN: 978-3-552-05797-5







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