Datum: 02.11.16 15:44
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Die Farben des Nachtfalters. Roman von Petina Gappah

Arche Verlag

Memory erinnert sich an den Geschmack von geschmolzenem Eis, an das Kleid ihrer Mutter, das über und über mit Mohnblumenmotiven bedeckt war und daran, dass sich ihr Vater bei der Übergabe nicht umgedreht hat.

Als Memory neun Jahre alt ist, verkaufen ihre Eltern sie an Lloyd Hendricks. Er ist weiß, lebt in einer Villa mit Bediensteten und unterrichtet an der Universität. Ein reicher, weißer Mann, der ihre Schulbildung und ihr Studium in Cambridge finanziert. Im Grunde bezahlt Lloyd alles, was sie braucht oder was sie sich wünscht. „Mnemosyne, sprich“, sind die ersten Worte, die Lloyd an sie richtet. Viele Jahre später versteht sie erst, was Lloyd damit gemeint hat und noch viel später, wird sie Lloyd verstehen.

Als Memory im größten Gefängnis von Harare ankommt, glaubt ihr niemand, dass Lloyd nicht ihr Liebhaber war. Sie ist die erste Frau in den letzten fünfundzwanzig Jahren, die für einen Mord zum Tod verurteilt wird. Ihre Anwältin ist von ihrer Unschuld überzeugt. Eine Journalistin aus den USA wird schließlich auf diesen Fall aufmerksam und bittet sie, ihre Erinnerungen aufzuschreiben.

Petinah Gappah hat einen großartigen Roman über das Erinnern und die Vergebung geschrieben. Sie gibt ihrer Protagonistin eine kraftvolle Stimme und einen klaren Blick auf die Einflüsse der politischen Rahmenbedingungen auf das Private. Der unmittelbare Bezug zur Geschichte Zimbabwes, die so genannte Landreform und die eskalierende Gewalt in einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft werden ebenso thematisiert wie die mühevolle Organisation des täglichen Lebens in einem Township in Harare. Die gewählte Erzähltechnik mit langen Rückblenden und einer detaillierten Beschreibung des Gefängnisalltags verleiht dem Roman einen Suspense-Charakter. Nicht viele Autorinnen sind ausgebildete Juristinnen und Petinah Gappah zeigt eindrucksvoll, wie sich die Dichterin und die Juristin ergänzen können. „Die Erinnerung an vergangene Feste macht ein hungriges Kind nicht satt.“ Dieses Shona-Sprichwort wird im Roman zitiert und kann als Motiv des Buches gelesen werden. Gift, Memory, Joy und Moreblessings sind die Namen der Geschwister. Zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens sind alle vereint. Aber Lloyd lernt Memorys Vater kennen und dadurch verändert sich das Leben aller.

„Die Farben des Nachtfalters“ ist auch ein einfühlsames Portrait von zwei Außenseitern, die sich erkennen und verstehen. Memory hat eine helle Haut, die Risse bekommt, wenn die Sonne zu sehr brennt. Albinos sind sichtbar anders und in unterschiedlichen Gesellschaften Afrikas werden sie verehrt oder verfolgt. Lloyd ist ein Weißer, in einer schwarzen Mehrheitsgesellschaft, noch dazu ein Weißer, der ein Geheimnis hat. Memory weiß um dieses Geheimnis und das wird beiden zum Verhängnis. Aber Memory und Lloyd verbindet viel mehr als sie trennt. Mnemosyne  spricht am Ende doch und Lloyd vergibt ihr, lange bevor er stirbt.

Der Birkenspanner ist der Nachfalter, der der deutschsprachigen Ausgabe des Buches den Titel gibt. Welche Farben dieser Falter hat, daran erinnere ich mich nicht. Es ist ohnehin ein Buch, das man mehrmals lesen kann.

 

Petinah Gappah ist zu Gast bei den Europäischen Literaturtagen von 3.11.-6.11.2016:

www.literaturhauseuropa.eu

 

Die Farben des Nachtfalters. Roman von Petinah Gappah. Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky. Arche Literatur Verlag 2016. ISBN: 978-3-7160-2750-9

www.arche-verlag.com

 







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