Datum: 15.06.17 19:58
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Gott, hilf dem Kind. Roman von Toni Morrison

Ein Mann beobachtet eine bläulich-schwarze Frau in weißer Kleidung mit einer Million Schmetterlingen auf dem Kopf. Sie steigt in eine Limousine und ist weg. Als der Mann die Frau wieder sieht, lässt er sie nicht mehr los. Booker und Bride sind für Außenstehende ein Paar wie im Märchen.

Toni Morrison erhebt in ihrem Roman „Gott, hilf dem Kind“ erneut ihre Stimme gegen Rassismus und Vorurteile. Ausgangspunkt ist die Mär von der Überlegenheit der weißen Hautfarbe. Schonungslos zeigt die Autorin, wie tief der Glaube „je heller, desto besser“ bis in die Gegenwart verankert ist.

Menschliche Verfehlungen und grauenvolle Handlungen sind neben unermesslichem Glück zentrale Elemente von Märchen. Diese Aspekte fließen in die Handlung ein. Toni Morrison erweist sich als eine Meisterin im Erzählen einer rasanten Geschichte mit langer Tradition. Am Ende wird fast alles gut.

Bevor Bride die wunderschöne Frau mit weißer Kleidung wird, ist sie eines der Kinder, die ihre Mütter lieber verbergen und stets ermahnen. Geboren wird Bride als Lula Ann. Ihre Haut ist so schwarz, dass ihre Mutter sie kaum ansehen kann und ihr Vater die Familie verlässt, weil er Zweifel an seiner Vaterschaft hat. Sweetness hat helle Haut und kann sich nicht erklären, warum ausgerechnet sie so ein Kind bekommt. Lula Ann gibt sich Mühe ein gutes Kind zu sein und wie alle Kinder, möchte sie um jeden Preis von ihrer Mutter geliebt werden. Einmal ist Sweetness sehr stolz auf ihre Tochter, sie wird ihr sogar die Hand reichen. Eine Geste, die sie sonst vermeidet. Viele Jahre später zahlt die Erwachsene Bride den Preis für diese kurze liebevolle Umarmung ihrer Hand.

Themen wie Strafe, Schuld und Vergebung werden von Toni Morrison aus unterschiedlichen Erzählperspektiven beleuchtet. Alle Figuren bekommen die Gelegenheit, ihre Geschichte aus ihrem Blickwinkel zu erzählen.

Bride ist eine Self-Made-Woman des 21. Jahrhunderts. Sie hat nicht nur eine erfolgreiche Kosmetiklinie für alle Hautschattierungen „YOU, GIRL“ kreiert, sie hat sich selbst zur Marke erhoben. In der Öffentlichkeit trägt sie ausschließlich weiße Kleidung. Ihre schwarze Haut wird zum Schönheitsideal. Selbst Sweetness ist stolz auf ihre Tochter und sinniert und reflektiert über ihre Beziehung aus der Ferne. Sie erhält Briefe und Geldzuwendungen von ihrer Tochter, keine Besuche oder intimen Telefonate.

Wenn Bride in Not ist, dann kontaktiert sie ihre Freundin Brooklyn. Brooklyn symbolisiert die kulturpessimistische Variante einer ziemlich besten weißen Freundin. Sicher ist es kein Zufall, dass Bride dieser Frau vertraut.

Doch ihr tiefstes Geheimnis vertraut sie Booker an, dem Mann, der Bride plötzlich und ohne Erklärung verlässt. Die märchenhafte Reise und Suche nach Booker lässt Bride beinahe verschwinden. Ein wenig ist es so wie in diesem Märchen, in denen sich jemand hinter sieben Bergen versteckt und am Ende doch wieder hervor kommt und zurückkehrt. In der modernen Version von Toni Morrison begegnet die Protagonistin einer ungewöhnlichen Familie mit einem erstaunlichen Kind.

In diesem Buch bleibt nichts im Dunklen. Jedes Detail wird hervorgeholt, umgedreht und geteilt. Toni Morrison gibt jedes Geheimnis preis. Sie legt ihre Finger auf die Wunden der Kinder und zeigt die vielen Verfehlungen und Missbräuche von Erwachsenen auf.

Wenn Bride am Ende ihre Hand in die von Booker legt, dann ist das mehr als eine liebevolle Geste, nach der sich beide sehnen. Es ist ein Blick in eine mögliche Zukunft. Allein die bleibt ein Geheimnis.

Gott, hilf dem Kind. Roman von Toni Morrison. Aus dem Englischen von Thomas Piltz. Rowohlt Verlag GmbH., Hamburg, ISBN 978 3 498 04531 9

 







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