Datum: 25.08.17 13:39
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Heimkehren. Roman von Yaa Gyasi

www.dumont-buchverlag.de

Willie zieht mit ihrem Mann und ihrem Sohn von Baltimore nach New York. Es sind die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ganz Harlem swingt und tanzt zu immer neuen Klängen. Willie hat eine begnadete Stimme. Singen wird sie im Kirchenchor. Und das auch nur, weil sie sich eines Sonntags selbst ermächtigt, ihr Gesangsbuch fallen lässt und einfach nur singt.

Akua lebt mit ihrer Familie in Ghana. Sie hat zwei Töchter und einen Sohn. Schon lange Zeit plagen sie Träume von einem Feuer. In einem Tranceähnlichen Zustand tötet sie ihre Töchter und verletzt ihren Sohn schwer. Yaw wird ein Leben lang eine Narbe im Gesicht tragen. Akua gehört derselben Generation wie Willie an.

Beide sind die fünfte Generation von zwei Schwestern, die sich niemals kennenlernen. Effia und Esi  haben die gleiche Mutter und wissen nichts voneinander. Effia wächst bei ihrem Vater auf. Sie wird erst als Erwachsene erfahren, dass ihre Mutter eine Sklavin der Familie war, der in Nacht ihrer Geburt die Flucht gelingt. Esi, die zweite Tochter, wird in einer traditionellen Familie mit ihrer Mutter aufwachsen. Im 18. Jahrhundert ist Ghana einer der zentralen Märkte für Sklaverei. Briten und Einheimische machen Geschäfte mit Menschen. Esi ist eines der Opfer. Während Esi mit einem Schiff in die USA transportiert wird, heiratet Effia einen britischen Soldaten, der im Sklavenhandel tätig ist. 

Die Autorin Yaa Gyasi ist in den USA aufgewachsen. Die Wurzeln ihrer Familie liegen in Ghana. Eine ihrer Reisen führt sie zur ehemaligen Festung Cape Coast Castle, in der die Sklaven vor ihrer Verschleppung festgehalten wurden. Hier ist die Wunde der Afroamerikaner spürbar. Die Fortsetzung von Leid und Unterdrückung hat an diesem Ort seinen Ursprung. Wie zwiespältig die Bevölkerung im Gebiet des heutigen Ghana mit den kolonialen Umständen umgegangen ist, wird parallel zu den Auswirkungen der Skalverei in immer neuen Wendungen beschrieben. 

Der Roman Heimkehren von Yaa Gyasi schreibt die Geschichte von sieben Generationen auf zwei Kontinenten immer wieder neu. Als Lesende hat man den Eindruck, erst durch die Fiktion wird das Ausmaß der historischen Realität fassbar. Die thematischen Säulen des Romans sind Macht und Ohnmacht. Die Spielarten der Macht erlangen in diesem Buch eine neue Dimension. Der Wechsel der Erzählperspektiven korrespondiert mit den beiden Kontinenten. Jede Person hat eine eigene Stimme und allein diese Tatsache macht den Roman zu einem unvergleichlichen Zeugnis der schwarzen Geschichte. 

Willie macht mit ihrem Sohn Sonny einmal einen Spaziergang. Als Kind ahnt er nichts vom Leid seines Großvaters, der in einer Kohlemine in Baltimore arbeitete. Er ahnt nichts von seinem Vater, von dem er seine helle Haut hat, und der es vorgezogen hat, als Weißer zu leben. Willie steht mit Sonny an einem wunderschönen Sonntag im Frühling an einer Kreuzung, der Grenze von Harlem zu Manhattan. Auf der anderen Seite sehen sie eine Familie, Mann, Frau und Kinder. Willie dreht sich um und geht mit Sonny zurück nach Harlem. Der Familienvater war Sonnys Vater. Erst viele Jahre später wird sie ihm das erzählen können. Sonny wird seine Fragen mit Drogen beantworten. 

Das Schweigen um die Herkunft und der Kampf um einen lebenswerten Platz in der Welt bestimmen hier wie dort die Familiengeschichten. Yaw wird als Fünfzigjähriger seiner Mutter Akua wieder begegnen. Um für seine Tochter Marjoree eine Zukunft zu haben, wandert er mit seiner Familie in die USA aus. Dass Marjoree dem Enkel von Willie begegnet und beide eine Reise nach Ghana machen, ist vorhersehbar und dennoch gelingt es der Autorin, diese letzte Geschichte glaubwürdig zu erzählen. Auch weil der Blick in die Zukunft ein ungewisser bleibt. Der märchenhafte Ton ebbt im Gleichklang der Meeresbrandung am Strand hinter der Festung ab. Ebbe und Flut sind die Gezeiten, die hier die Macht haben. Wie es gegenwärtig um die Macht außerhalb der natürlichen Gezeiten bestellt ist, wird nicht interpretiert. 

Lediglich ein Satz klingt in meinem Ohr nach. „Widerstand ist das Geheimnis des Glücks“, er stammt von einer älteren Generation von afroamerikanischen Autorinnen, von Alice Walker. Yaa Gyasi weiß um ihre Herkunft und ihre Ahninnen.

 

Heimkehren. Roman von Yaa Gyasi. Aus dem Englischen von Anette Grube. DuMont Buchverlag 2017, ISBN 978-3-8321-9838-1







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