Datum: 12.10.17 11:08
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte. Von Ijoma Mangold

Rowohlt Verlag

„Kommunikation ist ein Erpresserwort.“ Worte wie „double feature“ oder „fiktiv“ lassen sich nicht so eindeutig zuordnen. Worte und ihre Bedeutung haben den Literaturkritiker Ijoma Mangold schon früh fasziniert. Mit seiner autobiographischen Erzählung „Das deutsche Krokodil“ hat er dem Zyklus der Wortfinderei eine neue Richtung gegeben.

Ein deutscher Literaturkritiker schreibt über sein Leben, das allein wäre wenig ergiebig. Es ist die besondere Geschichte, die aus dem Autor einen Protagonisten macht.

Die ersten Jahre sind geprägt von Besuchen bei den Großeltern und dem Interesse an Eisenbahnen. Der Sohn einer Frau aus Schlesien und eines Nigerianers wird 1971 in Heidelberg geboren. Die Eltern trennen sich ein Jahr nach seiner Geburt und er wächst bei seiner Mutter auf.

Als Sohn einer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin wird er schon früh dazu angehalten, sich mit seinem Unbewussten zu beschäftigen und zu reden. Ijoma Mangold macht kein Hehl daraus, dass die Vorträge der Mutter ihn langweilten und er sich in Etappen mehr oder weniger schämte, für den Beruf seiner Mutter, sein wenig repräsentatives Zuhause und vieles mehr, dass man als Kind und Jugendlicher als wichtig erachtet.

Die unverhohlene Ehrlichkeit des Autors, der seine Erinnerungen reflexiv und mit einem Hang zum trockenen Humor gestaltet, macht das Lesen zum Vergnügen. Vor allem ist dieses Buch eine Hommage an umsichtige Mutter.  

Heidelberg, Haare und Hautfarbe sind für den Jungen nebensächlich. Sein vordergründiger Herkunftshintergrund ist für ihn kein Thema. Er ist Deutscher, sein Vater weit weg und nur von Zeit zu Zeit in den respektvollen Erzählungen der Mutter präsent. Als ausgebildeter Arzt habe der Vater wieder in sein Heimatland Nigeria gehen müssen, um den Menschen dort etwas zurück zu geben. Geblieben ist ihm der Vorname. Vorläufig. Seine Begegnung mit dem Vater und seinen Geschwistern findet mehr als zwanzig Jahre verzögert statt. Er ist bereits ein Erwachsener und erfüllt die Erwartungen der Familie in Nigeria nur bedingt. Nach so langer Zeit lässt sich Nähe nicht einfach herstellen. Womit er nicht rechnet, ist der Familiensinn einer Igbo-Familie. Ein Bruder ist ein Bruder und seine Schwestern fühlen sich ihm verbunden und zeigen das unverhohlen und mit Nachdruck. Mehrmals weint er, nicht aus Rührung über die späte Familienzusammenführung. Die Gastfreundschaft in Ostnigeria ist legendär und je wichtiger der Gast eingeschätzt wird, desto mehr Pfeffer wird in die Suppe gemischt. Eine Extraportion Pfeffer bekommt der Sohn des wichtigsten Mannes im Dorf, sein logischer Nachfolger.

Identitätsdiskussionen finden an anderen Orten statt. Ijoma Mangold ist dem Dichter Thomas Mann so nahe, wie man nur sein kann, er zitiert mühelos Passagen aus Romanen. Richard Wagner ist ein Komponist, mit dem er auf du und du ist. Der frühere Klavierschüler trifft die Töne, in der Musik und in der Literatur. Sein Aussehen habe ihm eher geholfen. An Nachteiliges erinnert er sich nur rudimentär. An einer Stelle im Buch fragt er sich, ob er überassimiliert sei.

Die Antwort auf diese Frage ist im Buch zu finden. Sie ist kompliziert, ganz so wie das Leben selbst. Differenziert sinniert Ijoma Mangold über seine Lektüre in den unterschiedlichen Phasen seines Lebens und lässt uns Teil haben an den gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Deutschland ab den siebziger Jahren.

Die Mutter ist es, die ihn mit ihren Freundschaften und Verbindungen unterstützt und ihm so einen Aufenthalt in den USA ermöglicht. Liebevoll wird er empfangen und in die afroamerikanische Geschichte eingeführt. Hier wird es evident, dass eine Auseinandersetzung mit der Hautfarbe mehr als eine private Angelegenheit ist. „Skin-issue“ ist das Wort, mit dem er am Frühstückstisch der Freunde seiner Mutter empfangen wird. Einer Debatte über Rassismus kann sich kein Nachkomme eines Elternteils aus Afrika entziehen. Auch Ijoma Mangold macht diese Erfahrung.

Sein Schutzschild, ein Wort, das vieles ausdrückt, ist seine Mutter. Erst Jahre nach ihrem Tod öffnet Ijoma Mangold die Kartons mit ihren Korrespondenzen. Vieles erscheint nun in einem anderen Blickwinkel.

Der Junge geht durch das vertraute Wohnzimmer. Es ist Weihnachten. Auf seinem Wunschzettel steht eine Lokomotive, die „das deutsche Krokodil“ genannt wird. Sein Wunsch wird erfüllt, stolz blickt er auf diese Lokomotive. Während auf dem Fenstersims ein Krokodil aus Ebenholz steht.

Zwischen der Lokomotive und der Skulptur liegt ein halbes Leben. Gespannt warten wir auf die nächste Geschichte. 

Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte. Ijoma Mangold. Rowohlt Verlag GmbH 2017, ISBN 978-3-498-04468-8

www.rowohlt.de

 







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