Datum: 08.03.18 11:39
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Zum Weltfrauentag 2018: Von Freiheit und Mut

Unionsverlag

Riwan oder der Sandweg. Roman von Ken Bugul 

Mit einem freundlichen „Bissimila“ begrüßt der Serigne jeden, der ihn aufsucht. In seinem Gehöft treffen Ratsuchende, Neugierige und Verzweifelte aufeinander. Alle werden gehört und respektiert. Auch ein randalierender Mann namens Massamba, gefesselt und verwirrt, wird zum Serigne gebracht. Die Unterredung mit dem Serigne ist kurz und eindrucksvoll. Aus dem wutentbrannten Massamba wird Riwan, der stumme Diener. Mit diesem religiösen Motiv einer Läuterung eröffnet Ken Bugul ihren Roman.

Im Jahr 1947 wird Marietou Bileoma Mbaye im Senegal geboren. Ihre Mutter lässt sie im polygamen Haushalt des Vaters, der ein spirituelles Oberhaupt der Sufi war, zurück. Nach ihrer Schulbildung studiert sie in Dakar und erhält ein Stipendium für Belgien. Das von ihr verehrte Europa erweist sich nicht als der Ort, an dem ein Platz für sie bereitgehalten wird. Sie kehrt in ihr Dorf zurück und wird die 28. Frau eines spirituellen Oberhaupts der Muriden. Nach seinem Tod arbeitet sie unter anderem als Kunsthändlerin. Unter dem Pseudonym Ken Bugul veröffentlicht Marietuou Mbaye Romane und Essays. Lediglich zwei Bücher wurden ins Deutsche übersetzt. „Die Nacht des Baobab“ ist ein autobiographischer Roman über ihre Erfahrungen in Europa. „Riwan oder der Sandweg“ beschreibt ihr Leben im Senegal nach der Rückkehr aus Europa. Dieses Buch wurde im Jahr 2000 auf der Buchmesse in Harare zu einem der hundert bedeutendsten afrikanischen Bücher des 20. Jahrhunderts gewählt. 

Riwan, der treue Diener des Serigne, bleibt stumm und ist dennoch allgegenwärtig. Er bewegt sich mit gesenktem Haupt im Trakt der Frauen. Ein Serigne lebt polygam und ein Ritual namens Xaxeur bewahrt die Frauen davor, miteinander in unüberbrückbare Rivalitäten zu treten. Das Zusammenleben von mehr als zwanzig Frauen gestaltet sich nicht einfach. Wer welche Rolle einnimmt, ist reglementiert. Der Einfluss der im 19. Jahrhundert gegründeten Sufi-Bruderschaft der Muriden wird von der Autorin mit Noblesse in die Handlung integriert.

Die namenlose Ich-Erzählerin bewegt sich auf dem Terrain der Identitätssuche. Die zentrale Frage, wer jemand ist und wohin sich ein Lebensentwurf entwickeln kann, wird mit starker Stimme und leisen Tönen umkreist. Zunächst ist der Serigne ein intellektueller Gesprächspartner. Aus dem Spannungsfeld von intensivem geistigen Austausch und Güte entsteht eine harmonische Verbindung. Die Hochzeitszeremonie als 28. Frau erfolgt eher unspektakulär. So sehr die Gedanken der Protagonistin um ihre Identität und die Rückeroberung von Tradiertem kreisen, viele Erkenntnisse versanden auf dem Sandweg, den sie täglich zurücklegt. Als Einzige der Frauen des Serigne wohnt sie außerhalb der Gemeinschaft. Die Verbindung zwischen dem Gehöft und dem Haus der Mutter ist ein Sandweg. Die Wahl dieser Metapher birgt viele Interpretationsmöglichkeiten und ist nicht frei von Ironie. Sand, Wind und Weg werden im poetischen Kontext oft strapaziert. 

Die autobiographischen Elemente werden vom Sand ebenso verdeckt wie die zahlreichen Nebenschauplätze von schönen Hochzeiten, Traumsequenzen und der mitunter bitteren Realität des Alltags. Dieser Roman kreist um den Sinn des Lebens und lässt sich als Manifest einer Frau, die ihr Wissen transformiert, lesen. Riwan, der Stumme, der stets den Kopf senkt und Befehle ausführt, verkörpert als Mann die Tugenden, die den in der Tradition verhafteten Frauen zugeschrieben werden. Die Ich-Erzählerin erzählt das, was sie beobachtet, denkt und erinnert. Zwischen den Zeilen ändert sie den Blickwinkel und transportiert schelmische Gedanken.

Das Augenzwinkern der Autorin ist ein bestimmendes Moment dieses grandiosen Romans. Allein die Wahl ihres Pseudonyms ist eine Eigenwilligkeit, die auf die Kraft der Autorin schließen lässt. Ken Bugul bedeutet „Niemand will sie“. Im gleichnamigen Dokumentarfilm von Silvia Voser aus dem Jahr 2015 sagt Marietou Mbaye: „Freiheit bedeutet, den Mut zu haben, anders zu sein.“

 

Ken Bugul. Riwan oder der Sandweg. Aus dem Französischen von Jutta Himmelreich. Unionsverlag 2018, ISBN: 978-3-293-20791-2

www.unionsverlag.com







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