Datum: 05.02.19 11:14
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Stuart Hall. Das verhängnisvolle Dreieck. Rasse, Ethnie, Nation.

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Im Jahr 1994 hielt Stuart Hall die W.E.B. Du Bois Vorlesungen an der Harvard University. Der renommierte Kulturwissenschafter widmete seine drei Vorlesungen, dem verhängnisvollen Dreieck von Rasse, Ethnie und Nation. Weitsicht und Weisheit, ein analytischer Blick und die Bereitschaft neu zu denken, zu reflektieren und wieder zu denken – machen das gleichnamige Buch zu einer wesentlichen Lektüre für Menschen, die bereit sind, die Welt jenseits der einfachen Rezepte zu lesen.

Für Stuart Hall sind kulturelle Konzepte darauf ausgerichtet, Ähnlichkeiten und Differenzen zu erzeugen. Die zentrale Frage, wie die Konzeption von Rasse als Differenzbegriff in der Menschheitsgeschichte fortlebt, obwohl zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse dieses Konzept widerlegen, wird mit der „Wahrheitsfindung“ über die europäische Expansion untermauert. Die Europäer, die im 15. Jhdt. den Völkern der „Neuen Welt“ gegenüberstanden, fragten sich: „Sind das echte Menschen?“ Mit welcher Macht der Begriff der Rasse als dauerhaftes Klassifikationssystem in unser Bedeutungssystem eingeschrieben ist, wird anhand von sozialhistorischen und philosophischen Zusammenhängen in all seiner Komplexität erläutert.

Stuart Hall bewegt sich als Kulturwissenschafter nicht nur auf dem Parkett der Theorien. Um Rassismus zu begegnen, gilt es seiner Meinung nach, die Deutungsmuster permanent neu zu verhandeln. Probleme im Zusammenleben unterschiedlicher Volksgruppen sollten nicht unter dem Deckmantel eines als harmonisch beschriebenen Multikulturalismus versteckt werden.

Argumente der Mehrheitsgesellschaft, dass zum Beispiel eine Minderheit ihre Kultur ausleben solle, empfiehlt Stuart Hall ebenfalls zu hinterfragen. Gönnerhafte Zugeständnisse an eine Ethnie führen wiederum zu einer Spaltung in „die da drüben“ und „wir“. Ein interessanter Aspekt in seiner Vorlesung über „Ethnie“ sind seine persönlichen Erfahrungen in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in England. „Ethnische Speisen“, „Ethnische Kleidung“ oder das Musizieren in der „eigenen Sprache“ waren modern geworden.

Apropos modern. Die Bedeutung der Nation im  Zeitalter der Globalisierung hat Stuart Hall treffend beschrieben. Die Tendenzen, die er bereits 1994 erkennt und benennt, haben sich bewahrheitet. Seine Zukunftsszenarien sind unsere Gegenwart. Fundamentalistische Strömungen, nationalistische Träume von osteuropäischen Staaten und auch die Skepsis der Briten gegenüber Europa thematisiert Stuart Hall in seiner letzten Vorlesung. Zehn Jahre nach dieser denkwürdigen Reihe ist Stuart Hall verstorben.

Dieses Buch ist nicht nur das Vermächtnis eines großen Denkers. Es ist eine Aufforderung an gegenwärtige Generationen, den Weg von der moralischen Empörung  zur politischen Auseinandersetzung zu gehen. Argumente und wieder Argumente zu finden, für eine Welt, in der „die da drüben“ und „wir“ respektvoll über Differenzen und Gemeinsamkeiten entscheiden können.

 

Stuart Hall. Das verhängnisvolle Dreieck. Rasse, Ethnie, Nation. Aus dem Englischen von Frank Lachmann. Suhrkamp Verlag 2018, ISBN: 978-3-518-58725-6







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