Datum: 08.05.19 09:40
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Amy und die geheime Bibliothek. Roman von Alan Gratz

Carl Hanser Verlag

Ein ganz normaler Abend bei Familie Ollinger sieht so aus: Der Vater kocht, dabei hört er  Arien aus der Opernwelt. Alexis übt im gemeinsamen Kinderzimmer Ballett. Die Kleinste, Angelina, hüpft als Pony durch die Räume. Die Mutter zieht sich in das zum Büro umfunktionierte Bügelzimmer zurück. Und Amy macht all das, war man von ihr erwartet. Tisch decken, mit den Familienhunden spielen, nicht mit ihren Schwestern streiten. Nach außen hin ist sie die Vernünftige. In ihrem Kopf widerspricht sie und sagt klipp und klar ihre Meinung. Denn eigentlich möchte Amy nur eines: Lesen.

Das belastende familiäre Alltagschaos bringt Amy sogar dazu, ihre Eltern anzulügen. Sie erfindet einen Nachmittagsunterricht um den anderen. In Wirklichkeit verbringt sie die Nachmittage in der Schulbibliothek. Die Bibliothekarin Mrs. Jones weiß immer, welches Buch für welches Kind gerade das Richtige ist. Amy liebt es, neue Bücher zu entdecken, sich von Mrs. Jones beraten zu lassen, in einer Ecke zu sitzen und zu lesen.

Der in den USA mehrfach ausgezeichnete Autor Alan Gratz hat einen wunderbaren Roman über die Leidenschaft des Lesens, Lieblingsbücher und Bibliotheken geschrieben. Ganz nebenbei beschreibt er die Lebenswelten einer afroamerikanischen Familie jenseits der herkömmlichen Klischees.

Seine Protagonistin Amy macht sich mitunter auch Gedanken über ihre Hautfarbe. Aber als ihr Lieblingsbuch vom Schulausschuss aus der Bibliothek als zu „gefährliche“ Lektüre verbannt wird, kreist ihr Bestreben einzig und allein darum, dieses Buch wieder lesen zu können.

Eines der „gefährlichen“ Geheimnisse von Büchern liegt in dem Umstand, dass die Helden und Heldinnen Dinge tun, die man selber nie zu tun wagen würde. Deshalb lesen die meisten Menschen ihre Lieblingsbücher mehrmals.

Auch Amy folgt diesem ungeschriebenen Gesetz. Als ihr Vater ihr schließlich ihr Lieblingsbuch schenkt und ihre beste Freundin es gleich am nächsten Tag von ihr ausborgt, hat Amy eine Idee. Denn die Liste von bedenklichen Büchern, die laut einem Beschluss des Schulausschusses nicht mehr verliehen werden dürfen, wird von Tag zu Tag länger.

Themen wie die Auseinandersetzung mit Autoritäten, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Widerstand und Mut werden vom Autor facettenreich und nah an der Realität geschildert. Praktische Tipps, wie man zum Beispiel einen Buchklub gründet oder gar eine geheime Schließfach-Bibliothek aufbaut, finden sich ebenso in dem Buch wie vermeintliche Feinde, die Freunde werden können.

Dass Lesen gleichzeitig Angst und Mut machen kann, ist nur eine Erkenntnis dieser vielschichtigen Lektüre. Weshalb die Faszination von Büchern eine gute Basis für ein solidarisches Handeln sein kann, lernt am Ende auch der Schulausschuss.  

Wie aus der schüchternen Amy, die ursprünglich nur in ihrem Kopf große Reden schwingt, die Bücherretterin der Schule wird, ist eine Geschichte, die man immer und immer wieder lesen kann. Ganz am Ende verrät Mrs. Jones auch noch, wie man Bibliothekarin wird.

 

Amy und die geheime Bibliothek. Alan Gratz, übersetzt aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel. Hanser Verlag, empfohlen ab neun Jahren,  ISBN 978-3-446-26211-9

 







Kommentare

Keine Einträge

Kommentarformular

öster News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz News from Österreich News from Deutschland News from Schweiz
25. Mai
2019mehr
Samstag

Suchen & Finden



Letzte Kommentare

Keine Einträge

designed and implemented by BILCOM