Datum: 09.07.19 09:35
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Freiheiten. Essays von Zadie Smith

Kiepenheuer & Witsch

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Fan von Justin Bieber. Es gibt da diesen Moment nach einem Konzert, wo sich die Menschen versammeln, um ein Autogramm, einen Händedruck oder einen Wimpernschlag von ihm zu erhaschen. Diese Ich-Du-Begegnung ist der Moment, den der Philosoph Martin Buber als „die Zeit anhalten“ beschreibt.

Keine andere Autorin als Zadie Smith kann Justin Bieber und Martin Buber in einem Atemzug nennen, und dabei kein bisschen ihrer Eloquenz einbüßen. Nicht von ungefähr lautet der Titel ihrer Essaysammlung „Freiheiten“.

Zadie Smith unterrichtet an der New York University Kreatives Schreiben. Mehrmals im Jahr pendelt die Autorin zwischen den USA und Großbritannien. Die Themen der Essays wandern wie die Familie zwischen den Kontinenten hin und her. Zadie Smith beobachtet genau, sie schreibt über die Dinge, die sich verändern aus einer intimen privaten Perspektive.

Das Verschwinden von öffentlichen Bibliotheken in London, just in den Stadtteilen, in denen die Familien nicht unbedingt Geld für Bücher ausgeben können, wird aus der Perspektive der kleinen Zadie Smith betrachtet, die das Lesen als Lebenselexier entdeckte. Bücher als Lebensmittel zu betrachten ist eine politische Kampfansage an optimierte Stadtteile und Menschen.

Sie schreibt über sich als „Kind des Romans“. Ihre Weggefährten sind dabei Autoren und Autorinnen von Hanif Kureshi bis Paula Fox. Die in Vergessenheit geratene jüdische Autorin Mela Hartwig aus Wien bekommt mit ihrem Roman „Bin ich ein überflüssiger Mensch?“ eine späte Würdigung. Ihre Heldin Aloisia darf mit der allseits bekannten Carrie aus „Sex in the City“ in einen Identitätsstiftenden Dialog treten. Das ist ein wenig so, als würden die beiden Frauen Walzer in der New Yorker Metro tanzen.

Schreiben und Tanz sind für die Autorin eng verbunden. Wir sehen das „verwirrte braune Mädchen“, das mit Prince dahinschwebt und Janet Jackson nachahmt. Über allem steht in großen Buchstaben: „Sei doppelt so gut.“ Diese Prämisse bildet den leisen Grundton dieses Tanzes mit der Welt. In besitzlosen Familien werde dieser Satz oft zum innerfamiliären Credo. „Mein Talent war meine Waffe“, sagte Sammy Davis jr. Aber auch seine Mutter ermahnte ihn, doppelt so gut zu sein. Eine schwarze Autorin der Gegenwart zu sein, heißt auch die Sprache mitunter als Waffe einzusetzen. Zadie Smith beherrscht den Tanz um das Wort so gut, dass ihre Prosa sich in Poesie verwandelt.

„Luxusurlaubsblau“ ist das Wort des Sommers. Für den Fall, dass Sie Ihren Urlaub noch vor sich haben, „Freiheiten“ ist eine  inspirierende Urlaubslektüre.  

Zadie Smith. Freiheiten. Essays. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Kiepenheuer & Witsch 2019, ISBN: 978-3-462-05214-5

 







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