Datum: 17.09.19 19:10
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Die amerikanische Freundin. Roman von Sefi Atta

Peter Hammer Verlag

Die Vorsitzende der Cultural Society in Lagos hat sich genau überlegt, wen sie zur ersten Vernissage im Neuen Jahr einladen möchte. Bei solchen Gelegenheiten trifft sich die High Society der Stadt. Die begehrten Einladungskarten hat sie im neuen Geschäft ihrer Bekannten, Remi, bestellt. 10. Januar 1976, 18 Uhr, steht auf der Einladung. An diesem Tag erscheinen die Reichen und Schönen nicht so zahlreich wie sonst.  

Die vielfach ausgezeichnete Autorin Sefi Atta hat ihren neuen Roman in der Form von losen Tagebuchaufzeichnungen konzipiert. Die Rahmenhandlung bildet die kürzeste Amtszeit eines nigerianischen Präsidenten. Murtala Mohammed wurde im Juli 1975 nach einer unblutigen Machtübernahme als Staatsoberhaupt vereidigt und im Februar 1976 durch einen Putsch getötet.

Mit der Erzählerin Remi schickt uns die Autorin auf eine Reise der Ungewissheiten und Ungereimtheiten in einem Land, in dem Präsident Mohammed der Korruption und der internationalen Einmischung in afrikanische Angelegenheiten den Kampf angesagt hat. Nach seinem Tod wurde nicht nur der Flughafen in Lagos nach ihm benannt. Die Sängerin Miriam Makeba hat ein hymnisches Lied über ihn geschrieben. Der Roman von Sefi Atta vermittelt eine differenzierte Sichtweise auf das Nigeria zu Beginn des Jahres 1976.

Remi ist eine gute Beobachterin und kennt ihre Freunde nur zu gut. Der Arroganz der einheimischen Reichen versucht sie durch Weltoffenheit zu entgehen. Es ist kein Zufall, dass sie auf der Vernissage die US-Amerikanerin Frances Cook kennenlernt. Offen spricht sie mit der Fremden über die Angst, die in Lagos herrscht. Die Gerüchte über einen bevorstehenden Militärputsch halten sich konstant. Frances ist an Politik und Kunst interessiert. Sie ist Perlensammlerin und in Nigeria auf der Suche nach den Glasperlen, mit denen einst die britischen Kolonialbeamten die einheimischen Würdenträger besänftigten. 

In ihrer unnachahmlichen Art verstrickt die Autorin die Erzählerin, ihre Freundinnen und Ehemänner in ein Geflecht von Tratsch und Trash. Die Ebenen der Oberschicht scheinen mehr in Sumpfgebieten zu liegen, als die Ärmsten der Armen in Nigeria jemals sinken können. Intrigen und Korruption, Laster und Lästerungen sind der Alltag, in dem sich Remi und ihr Mann Tunde bewegen. So ist es nicht verwunderlich, dass Tunde und auch andere Freunde von Remi, die Amerikanerin, wie Frances genannt wird, als Spionin verdächtigen. Ihre Freundschaft währt nicht einmal zwei Monate. 

Die narrative Symbolik, dass kurz bevor das Attentat auf den Präsidenten verübt wird, Frances von der Ehefrau eines nigerianischen Anwalts attackiert wird, ist der feine Stoff, aus dem das Gewebe  dieses Romans besteht.

Leichtfüßig schreitet die Autorin zurück in die Vergangenheit, um am Ende doch eine sehr gegenwärtige und aktuelle Geschichte über die Bedeutung von Freiheit und Freundschaften zu erzählen. „Tausend Blumen“, steht auf der Karte, die Frances an Remi zum Abschied schickt. Eine kleine Millefiori-Perle ist auch dabei. Die Frage, ob das eine subtile Geste der Überlegenheit der US-Amerikanerin oder ein Akt der Freundschaft ist, ist ebenso spannend wie der Roman. 

Die amerikanische Freundin. Roman von Sefi Atta, aus dem Englischen von Simone Jakob, Peter Hammer Verlag 2019, ISBN: 978-3-7795-0623-2

 







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