Datum: 17.11.19 11:16
Kategorie: Kultur-Literatur

Von: Lisa Ndokwu

Brüder. Roman von Jackie Thomae

Hanser Verlag

Leipzig 1970: Michael und Gabriel kommen zur Welt. Ein vielversprechender Student der Medizin aus dem Senegal, der nach Dakar zurückkehrt, ist ihr Vater. Ihre Mütter, Monika und Gabriele, lernen sich nie kennen. Dass beide Frauen ihre Söhne nach zwei nicht ganz unbekannten Erzengeln benennen, ist nur ein schelmischer Gedanke.

Jackie Thomae hat einen erfrischenden Roman über das Leben im geteilten und wieder vereinten Deutschland geschrieben. Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben der Protagonisten werden weder chronologisch noch parallel erzählt. Die Geschichte nimmt an Fahrt auf, wenn man es am wenigsten erwartet. Das Geschehen verlangsamt sich, wenn die Dramatik am Größten ist.

Michael ist ein Berufsjugendlicher, der das Nachtleben Berlins lange und ausgiebig auskostet. Gabriel ist ein Workoholic, der als Architekt in London lebt und an einer Universität unterrichtet. Weltbürger wäre die klassische Zuschreibung für diese Figuren. Dennoch wäre da nichts Verbindendes, wenn die beiden sich zufällig auf einem Flughafen begegnen würden. Zwei Schwarze Deutsche auf der Durchreise. Vordergründig entsteht dieses Bild des Trennenden, der Müßiggänger und der Überflieger. Jackie Thomae arbeitet mit der klassischen Konstellation der Gegensätze und legt wie jede gute Geschichtenerzählerin falsche Fährten.  

Der Autorin gelingt es, sowohl die Binationalität und als auch den latent vorhandenen Rassismus zwischen den Zeilen zu positionieren. Im Zentrum steht das Leben der Brüder zwischen Ost- und Westdeutschland. Dieses Buch war aus gutem Grund für den deutschen Buchpreis 2019 nominiert.

Der spielerische Umgang der Autorin mit der Sprache manifestiert sich in der Musik und den Beats, die diesen Roman begleiten. Diese Leichtigkeit  wurde auch als Oberflächlichkeit interpretiert. Das liegt unter Umständen daran, dass Jackie Thomae jenseits der Betroffenheitsliteratur agiert. Sie betrachtet ihre Figuren mit respektvoller Distanz. Freunde, Geliebte und Kinder erzählen - neben den beiden Brüdern Michael und Gabriel - Episoden aus dem Alltag.

Die Klammer des Geschehens bildet Idriss, der Vater. Ein Treffen in Paris soll die Familie vereinen. Michael und Gabriel sind mittlerweile 47 Jahre alt, als sie eine E-Mail mit diesem Vorschlag erreicht.

So viel sei verraten, das Ende ist nicht versöhnlich. Schließlich hat diesen Roman ja auch eine Autorin mit Sinn für Galgenhumor geschrieben. „Für euch, schwarze Schafe“ lautet die Widmung auf der ersten Seite des Romans.

 

Brüder. Roman von Jackie Thomae, Hanser Verlag, ISBN: 978-3-446-26415-1

 

 







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