Datum: 14.06.10 12:32
Kategorie: Kultur-Festival

 

Graz: Afrika-Festwoche im Augarten

Afrika-Festwoche im Grazer Augarten

Einmal jährlich blickt die Landeshauptstadt während der Festwoche auf "ihre" Afrikaner. Doch die dort präsentierte Folklore ist nur ein kleiner Teil ihres Lebens.

Ke Nako ist eine Aufforderung. Eine Aufforderung an die Welt, Afrika endlich in einem neuen Licht wahrzunehmen. Ke Nako ist eine Botschaft, die im Rahmen der ersten Fußball-WM am schwarzen Kontinent alle Menschen erreichen soll. Deshalb ist Ke Nako auch das Motto der diesjährigen Afrika-Festwoche von Chiala Afriqas in Graz, die von 10. bis 20. Juni im Augarten stattfindet (siehe Programm unten).

"Ke Nako bedeutet übersetzt so viel wie 'Los gehts'", weiß Fest-Organisator und Chiala-Afriqas-Gründer Kamdem Mou Poh à Hom. Aus welcher Sprache der Begriff stammt, weiß er allerdings nicht. "Wahrscheinlich ist es ein südafrikanischer Dialekt", vermutet der gebürtige Kameruner und spricht damit etwas an, was ihm gerade im heurigen WM-Jahr sehr wichtig ist. "Afrika ist alles. Es ist ein ganzer Kontinent. Aber irgendwie ist Afrika auch nix", kommt im Gespräch immer wieder sein steirischer Dialekt durch. "Ich selbst bin Afrikaner. Aber wahrscheinlich habe ich mehr mit einem Franzosen gemein als mit einem Menschen aus Namibia."

22 Prozent der gesamten Landfläche der Erde macht der afrikanische Kontinent aus. 53 Länder sind es mit rund 2000 unterschiedlichen Sprachen. Insgesamt lebt eine Milliarde Menschen am schwarzen Kontinent. 2364 davon sind mittlerweile in Graz zu Hause. Für uns sind sie alle Afrikaner. Warum das problematisch ist, erklärt Mou Poh à Hom: "Stellen Sie sich vor, ein Slowake geht zu einer Grazer Behörde und sucht um eine Förderung an. Eine Stunde später kommt ein Finne, um vorstellig zu werden. Es wird keine Probleme geben. Nun macht das ein Nigerianer und eine Stunde später ein Kameruner. Die Reaktion des Beamten beim Kameruner wird sein: ,Was wollen sie hier? Ihr Kollege war doch gerade erst da.'"

Pauschalierungen, mit denen Afrikaner in Graz in vielen Bereichen kämpfen, wie auch Fred Ohenhen, Isop Projektleiter im Bereich interkulturelle Bildung, zu berichten weiß (siehe Interview). Viele Migranten hätten keinerlei Kontakt zu Einheimischen. Das verfestige Klischees, wie es Ohenhen humoristisch zeigt: "Ich bin Afrikaner, aber ich hatte noch nie einen Bastrock an. Genauso wenig wie jeder Grazer jodelt."

Wirklich zum Lachen ist die Situation aber nicht. Laut aktuellem Menschenrechtsbericht der Stadt Graz sind Migranten in der Landeshauptstadt häufig mit Alltagsrassismus konfrontiert. Das beginne bei Beschimpfungen im öffentlichen Raum und ende bei rassistischen Wohnungs- und Stelleninseraten. "Es gibt außerdem noch immer Gaststätten in Graz, in denen ich als schwarzer Österreicher nicht willkommen bin", erzählt Ohenhen aus eigener Erfahrung. Dennoch ist er ebenso wie Mou Poh à Hom überzeugt, dass sich das afrikanische Leben in Graz im letzten Jahrzehnt verändert hat. "Heute gibt es afrikanische Geschäfte, Friseure, Restaurants und viele Vereine, die in unterschiedlichen Sozial- und Gesundheitsbereichen in Graz tätig sind", sagt dieser. Die Grazer Gesellschaft werde insgesamt bunter. Das afrikanische Leben sei in der Stadt sichtbar. Und hörbar - wie ein Besuch des katholischen Gottesdiensts der afrikanischen Gemeinde in der St. Andrä Kirche zeigt.

Schon vor der Kirche hört man das Trommeln und Rasseln, den Gesang und das Gelächter der Kinder. Gottesdienst feiern heißt hier leben. "Weil man den Glauben nicht vom Leben trennen kann", betont Seelsorger Elisens, der mit weit ausgebreiteten Armen in grüner Stola durchaus an einen amerikanischen Fernsehprediger erinnert. "If you love your woman, say Amen!" (Wenn du deine Frau liebst, sag Amen!) - "Amen!", hallt es aus den Kirchenbänken wider. "Wir freuen uns über die Vielfalt und die Schönheit der Schöpfung", so Elisens weiter. "Blumen gibt es nicht nur in einer Farbe." Menschen auch nicht. Und die Vielfalt wird hier nicht nur durch Ethnien deutlich. Rot, gelb, grün, orange und blau leuchten die Kleider der afrikanischen Gläubigen - strahlend sind ihre Augen, die beim gesungenen Gebet leuchten. Ruhiges Sitzen - Fehlanzeige. Hier wird Gott mit Hüften, Armen und Beinen gelobt. Die stoischen hellhäutigen Heiligenfiguren mit ihren erhabenen Blicken wirken in der Kirche fast unwirklich neben den tanzenden Gläubigen. Der Gottesdienst, ein Fest.

An diesem Sonntag ist es ein spezielles Fest für den kleinen Joel Obioma, der inmitten der ganzen Gemeinde getauft wird und sich vom Lärm in der Kirche unbeeindruckt zeigt. Kein Murren beim Übersteuern des Mikrofons, das Elisens für seine Predigt gar nicht gebraucht hätte. Kein Quängeln trotz lauter Gesänge rhythmisch klatschender Hände. Nur ein einziges Mal weint Joel auf. Als es nämlich ganz ruhig wird in der Kirche, weil die Gläubigen zur Wandlung niederknien.

Aber nicht nur für Joel ist die Messe etwas ganz Besonderes. Sie ist Mittelpunkt des afrikanisch katholischen Lebens in Graz. "Nicht nur für Afrikaner", betont Elisens. "Bei uns ist jeder willkommen, egal welche Hautfarbe er hat." Und tatsächlich haben sich auch weiße Österreicher unter die Gläubigen gemischt und sie alle beten gemeinsam das rituelle Abschlussgebet der Grazer Gemeinde. "Gott, wir präsentieren vor dir diese afrikanische Gemeinde in Graz und bitten dich: Segne die Österreicher und die afrikanischen Gemeinden mit deinem Reichtum an Gerechtigkeit, Liebe und Frieden." - Amen. Singend und tanzend verlassen die Gläubigen die Kirche, wo die Tauffeier im Pfarrhof noch bis zum Abend anhält.

Die Vokal- und Percussiongruppe, die die Messe begleitet hat, wird übrigens auch am Samstag dem 19. Juni um 13 Uhr den zweiten Tag des Afrikafestes gemeinsam mit Chören anderer Glaubensgemeinschaften eröffnen. Weil man beim Festival schließlich die schönsten Seiten des Kontinents präsentieren will. Mou Poh à Hom betont: "Die Folklore ist einfach die Basis unserer Kultur und gehört zu einem solchen Fest dazu." Viel wichtiger sei ihm aber der Austausch der Migranten mit der einheimischen Bevölkerung. Die Integration der afrikanischen Bevölkerung in Graz sei zwar schon vorangeschritten, das Ziel sei jedoch, dass Migranten in allen Lebens- und Arbeitsbereichen der Stadt Fuß fassen. Von der Kultur bis hin zur Bildung und zur Politik. "Denn die Arbeit am tatsächlichen Miteinander hat gerade erst begonnen." Also dann, Ke Nako Graz!

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Quelle: Kleine Zeitung







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